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REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Von verrückten und anderen Braumeistern

Gehobene Bier-Kultur in Flandern

Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

Bei unseren belgischen Nachbarn gilt Bier als Champagner des kleinen Mannes. Und dass der Gerstensaft dort tatsächlich edel ist, merkt man schon an den Flaschen mit Sektkorken, die in den Regalen der Supermärkte zu finden sind und Bier vom Feinsten enthalten. Für uns ein Anlass, wieder einmal über die Grenzen hinauszuschauen. Auch wenn es aus deutscher Sicht schwer fallen mag, wir müssen zugeben: Die Belgier können erstklassiges Bier brauen!

Na dann zum Wohl!

Nicht nur das in und rund um Brüssel gebraute, leicht säuerlich schmeckende „Gueuze“, sondern auch das aus Watou stammende „Hommelbier“ wird in „Sektflaschen“ verkauft. Hommelbier, ein sehr hopfiges, bitteres Bier, und „Gueuze“ sind nur zwei von mehr als 450 verschiedenen Bieren, die in Belgien gebraut werden. Neben den so genannten Trappistenbieren, die wie „Westmalle“ nur in Trappistenklöstern gebraut werden dürfen, gibt es Abteibiere, so „Leffe“ und „St. Bernardus“, die in Lizenz außerhalb von Abteien hergestellt werden. Schließlich entstanden als so genannte Frauenbiere Fruchtbiere wie Kirsch- und Himbeerbier. Unterdessen gibt es auch Kandisbier, Schokoladen-, Honig- und Bananenbiere. Doch die sind natürlich beim wahren Gambrinus-Freund verpönt.

Die Nonne und der Trappist

Erst seit 1980 besteht die kleine Brauerei „De Dolle Brouwers“ (Die verrückten Brauer), nachdem die Familie Herteleer die alte Dorfbrauerei in Esen bei Diksmuide übernommen hatte.

Bei den "verrückten Brauern" gibt's Urbier/p>

Zwei ihrer äußerst alkoholreichen Biere, das aus sechs Malzsorten gebraute, obergärige „Oerbier" und das süßlich schwere und rötliche „Stille Nacht", gewannen 1998 bei der Bierweltmeisterschaft die Goldmedaille. Ein weiteres ihrer Erzeugnisse ist das bittere, helle “Arabier". Beim Rundgang durch die Brauerei führt uns die über achtzigjährige Mutter des heutigen Brauereibetreibers Kris Herteleer. Einst hatte er zusammen mit seinem Bruder Jo im Gartenhäuschen des mütterlichen Anwesens Bier für den Eigengebrauch gebraut.

Mit Frau Herteleer in der Brauerei Dolle Brouwers unterwegs

Wir werfen einen Blick in die Hopfenkammer, entdecken den Maischbottich und die Lagertanks und erfahren, dass Bierwürze eine Vorform des Bieres ist und welche Rolle Hopfen beim Brauen spielt. Nebenbei weiß Frau Herteleer mit allerlei Geschichten zu unterhalten: „Wir in Belgien machen aus Wasser Bier, Sie in Deutschland aus Bier Wasser“, gibt sie schmunzelnd zum Besten. Auch über den Namen eines der gebrauten Biere, des Oerbiers, klärt sie auf: „Oer“ ist nicht nur die Bezeichnung für „Ur“, sondern auch umgangssprachlich für Hure. „Einmal“, so berichtet Frau Herteleer, „kam eine Gruppe von Lehrerinnen in die Brauerei, darunter auch eine Nonne. Diese teilte allen freudestrahlend mit, dass sie abends stets mit einem „Trappisten“ ins Bett geht. Und ich fragte schelmisch: Und was machen die Trappisten? Die gehen wohl mit „Oeren“ ins Bett.“

Die ehemalige Stallung des bäuerlichen Anwesens ist zu einem Café umgestaltet worden, in dem kein Stuhl und Tisch dem anderen gleicht. Hier kann man nicht nur Aktzeichnungen und Stadtansichten in Aquarell von Kris Herteleer bewundern, sondern auch eines der leckeren Biere und die hausgemachte Paté kosten. Ein offener Kamin sorgt im Winter für wohlige Wärme , und so genanntes Toppenbillard kann hier auch gespielt werden.

Ein Kloster mit High-Tech-Brauerei

Die Gemeinschaft der Trappisten von Westvleteren lebt nach strengen Ordensregeln: acht Stunden Gebet, acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf. Dabei müssen von den acht Stunden Arbeit vier mit Handarbeit zugebracht werden, ob nun mit Backen, Brauen, Schneidern oder Gartenarbeit. In einem virtuellen Kloster – unweit der St.-Sixtus-Abtei im „Info- und Museumszentrum De Vrede“ untergebracht – kann man am Leben der frommen Patres teilhaben. Zur Zeit formen dreißig Mönche die örtliche Gemeinschaft, die mit dem Brauen von Bier Geld für den eigenen Unterhalt und für soziale Projekte erwirtschaftet. Gebraut wird in einer High-Tech-Brauerei mit allen Errungenschaften der Computertechnik. Man erfährt dank Videosequenzen, Text- und Fototafeln nicht nur vom Leben der Mönche, die in weißen Habit und schwarzen „Schal“ gekleidet sind, sondern auch von der Geschichte des Klosters, das im dreizehnten Jahrhundert zunächst als Nonnenkloster gegründet wurde.

Hopfenblüten aus Poperinge: Ohne sie, Gerste, Wasser und Hefe könnten auch Klosterbrüder nicht brauen

Im Klosterladen im Zentrum De Vrede kann man das örtlich gebraute Bier kaufen und im Café auch den einen oder anderen Schluck Gerstensaft genießen: Das trockene „Trappist Westvleteren Blonde" zeigt Vanille- und Lakritznoten, das „Trappist Westvleteren 8" schmeckt fruchtig säuerlich und das sehr sahnige, süße "Trappist Westvleteren 12", das auch als flämischer Burgunder bezeichnet wird, hat es mit seinen zehn Prozent Alkohol ganz schön in sich. Probieren sollte man auch den schmackhaften „Mönchskäse“ (Paterkaas) oder die würzige Abteipaté.

Alles dreht sich um Hopfen

 

Hopfenmuseum in Poperinge

Wer sich dem kleinen Städtchen Poperinge nähert, wird zwangsläufig an Hopfenfeldern mit ihrem typischen Gestänge vorbeikommen. Die Gegend rund um Poperinge ist eine der drei Regionen in Belgien, die für ihren Hopfen bekannt sind. Der Hopfen ist bekanntlich neben Gerste, Wasser und Hefe für das Bierbrauen unerlässlich. Die Geschichte des Hopfenanbaus wird im Nationalen Hopfenmuseum lebendig: Wir erfahren von den Pflückern, die als Fremdarbeiter mit Wohnwagen in die Stadt kamen, so dass sich die Bevölkerung der Stadt in der Saison des Hopfenpflückens verdoppelte.

Beim Prüfen des Hopfens - eines der Fotodokumente aus dem Nationalen Hopfenmuseum

Auf Fotos entdeckt man nicht nur diese Fremdlinge in der Stadt, sondern auch einen voll geladenen Hopfenkarren, der auf dem Weg zur Stadtwaage ist, außerdem einen Prüfer, der eine Handvoll Hopfen gegen die Nase drückt und eine Hopfenblüte zwischen den Fingern zerdrückt, um den Lupulingehalt und den Feuchtigkeitsgrad zu bestimmen. Man kann einen Blick in die ehemalige Trockenkammer werfen, sieht das Modell eines Hopfenfeldes, eine bis 1947 betriebene Hopfenpresse und eine riesige Hopfenwaage. Skurril wirkt eine mit Pedalkraft angetriebene Maschine, mit der die erforderlichen Drahtschlaufen des Kletterdrahtes mechanisch gezogen wurden.

Nur noch als Fotodukument erhalten: Das Wiegen des Hopfens in der Alten Waage von Poperingen, dem heutigen Hopfenmuseum

Poesie und Gerstensaft

Das Dorf Watou verwandelt sich in jedem Sommer in einen Ort der Poesie und der Kunst. Straßennamen wie „Hugo Clausplein“ erinnern an berühmte Schriftsteller der Landes. Und auch auf das Brauen versteht man sich in diesem Flecken, in dem bei der Brauerei Van Eecke neben „Blanche de Watou“ auch „Hommelbier“ entsteht, während man bei der Brauerei St. Bernardus aus Bierwürze „Prior“ und „St. Bernardus“ gewinnt. „St. Bernardus“ gehört zu den so genannten Abteibieren.. Die Konföderation der Belgischen Bierbrauer erkennt diese Biere mit einem besonderen Präge-Logo auf der Flasche an – zu sehen ist ein gotisches Spitzbogenfenster mit Kelchglas.

In so mancher Kneipe vergnügt man sich noch heute beim Baanbollen - und ein zünftiges Bier aus Westflandern löscht den Durst

Unbedingt zu empfehlen ist ein Besuch im Hommelhof, wo Stefaan Couttenye seine Gäste mit ausgesuchten Biermenüs verwöhnt. Zu gebratenem Wildschweinfilet mit Gänseleber und Salat in einer Vinaigrette aus „Watou-Weizenbier“ wird nicht etwa Wein, sondern helles „Kapittel-Bier“ gereicht. Als nächster Gang wird Tarte Tatin von der Fasanenkeule in hellem „Kapittel-Bier“ aufgetischt, ehe man sich als dritten Gang Hasenrücken mit Lauchzwiebeln und Quinoa in „St.-Bernardus-Abteibier“ munden lässt. Als Dessert folgt eine raffinierte Birnen-Schokoladen-Kreation und Kaffee. Doch Stefaan Coutteneye, auf dessen Kochkünste auch der ehemalige belgische Premierminister Wilfried Martens vertraute, wie man einem gerahmten Dankesschreiben im Gang des Restaurants entnehmen kann, bereitet auch köstliche Gänseleberpaste in „St.-Bernardus-Abteibier“ zu. Und das „Brauermenü“ mit geräuchertem Lachs nebst Polenta, Fasanenbrust mit Waldchampignons in „Hommelbier“ und als krönender Abschluss Schokoladentorte mit Orangensorbet und „Watou-Weizenbier“ erfreut sich auch bei Liebhabern der recht deftigen flämischen Küche wachsenden Zuspruchs.

 

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