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REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Gemütlichkeitssinn statt Reinheitsgebot

Eine Bierreise in die belgischen Ardennen

Text und Fotos: Ulrich Traub

„Bierbrauen ist eine Leidenschaft von mir“, sagt Chris Bauweraerts. Der Mitinhaber zweier kleiner Brauereien hat aus seinem Hobby einen Beruf gemacht, sich aufs Land, in die belgischen Ardennen, zurückgezogen und der Braukunst verschrieben. Und er schaut richtig zufrieden aus, wenn er davon erzählt.

Brauerei - Sudkessel

Es stimmt schon, was das Klischee über den Belgier weiß, dass er nämlich eine ausgeprägte Verbundenheit zum Gerstensaft haben soll. Nur äußert sie sich anders als geglaubt. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt deutlich unter dem deutscher und tschechischer Bierfreunde. Dafür hat das kleine Land immer noch die größte Vielfalt an ganz unterschiedlich schmeckenden Bierkreationen. Auf der einen Seite sterben die Brauereien oder werden von den Marktführern geschluckt. Auf der anderen zeigt sich ein Trend zu kleinen Neugründungen.

„Unsere Biere sind individuelle Neuschöpfungen, die sich besonderer Zutaten wie etwa Koriander verdanken“, sagt Bauweraerts. Mehr wird nicht verraten. 1982 hat er in Achouffe bei Houffalize sein erstes Bier gebraut. Inzwischen erzeugt er vier verschiedene Spezial- und einige Saisonbiere. Außerdem hat er im nahen Weiler Courtil an der Grenze zu Luxemburg eine so genannte Mikro-Brauerei eröffnet. Für „Les 3 Fourquets“ ließ der Bierfreund einen alten Gutshof umbauen, so dass neben der kleinen Brauanlage auch Platz für ein Restaurant und eine Gaststube geschaffen wurde. Hier wird nicht nur der größte Teil der Produktion der kleinen Brauerei konsumiert, sondern auch mit dem Gerstensaft gekocht. So wird zum Beispiel das Boeuf Bourguignon statt mit Rotwein mit Bier verfeinert.

Brauereischild

Auf den Geschmack des so genannten belgischen Burgunders kann man in jedem Winkel des Landes kommen. Zwar gibt es nicht mehr in jedem Dorf eine Brauerei wie in der Zeit, als es keine Konservierungsstoffe gab. Doch legt die Zahl von über 100 unabhängigen Betrieben, die rund 500 verschiedene Biere brauen, eine Auswahl nahe. Empfehlenswert ist eine Fahrt durch die Ardennen. Ein Bier-Parcours führt durch die bäuerlich geprägte und waldreiche Region, die zu ausgedehnten Spaziergängen und Erkundungen der vielen hübschen Dörfer einlädt. Zwischen den Brauereiführungen und Verkostungen der Spezialbiere sorgen Sehenswürdigkeiten wie die imposante Burganlage von Bouillon, die ausgedehnten Tropfsteinhöhlen von Han-sur-Lesse oder Museen wie das Historical Center in Bastogne für Abwechslung.

Das Bier der frommen Brüder

Ein Höhepunkt der Rundfahrt ist der Besuch der Abtei von Orval an der französischen Grenze. Hier ist man sozusagen an einem der Ursprünge des Bierbrauens angekommen. Schließlich waren es Mönche, die diese aus der Antike überlieferte Technik weiter entwickelten. „Wir verstehen unser Bier als ein belgisches Kulturgut“, erklärt François de Harenne, der im Auftrag des Ordens die Brauerei leitet. In Orval wird eines der sechs belgischen Trappistenbiere gebraut, deren Name auf die frommen Brüder verweist, unter deren Kontrolle es gebraut wird. Trappisten nennen sich die nach strengeren Regeln und isoliert lebenden Mönche des Zisterzienserordens.

Abtei von Orval

Im Gegensatz zu den Abteibieren müssen Trappistenbiere im Kloster selbst gebraut werden. Zudem dürfen die Einnahmen aus dem Verkauf nicht rein kommerziellen Interessen dienen. „Wer Orval trinkt, vollbringt eine gute Tat“, bemerkt François de Harenne lächelnd und nippt an seinem Kelch mit dem obergärigen Starkbier. Die Einnahmen sicherten nämlich nicht nur den Lebensunterhalt der Mönche, sondern dienten auch der Finanzierung sozialer Aufgaben außerhalb der Klostergemeinschaft.

Bierschild

Die Brauerei steht nicht zur Besichtigung offen. Aber in der Brasserie vor den Toren der in den 30er- und 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts wieder aufgebauten Abtei kann man das dunkelbraune Orval mit seinem charakteristischen Hopfengeschmack und der feinen Süße probieren. Dazu wird Käse aus der Abtei gereicht. Den Besuch der denkmalgeschützten Überreste des alten, während der Französischen Revolution zerstörten Klosters und des Museums sollte man aber keineswegs versäumen.

Wer seine Route in Richtung Maas fortsetzt, wo zahlreiche touristische Attraktionen rund um das Städtchen Dinant einen Aufenthalt lohnen, braucht auch hier auf regionale Bierspezialitäten nicht zu verzichten. Die Mikrobrauerei Caracole in Falmignoul braut noch wie vor 200 Jahren. Hier werden die kupfernen Braukessel von Holz befeuert, einzigartig in Europa. Ein paar Kilometer weiter lädt die Brauerei du Bocq, die seit fast 150 Jahren im kleinen Ort Purnode Brautradition pflegt, in ihre gemütliche Gaststube zur Verkostung ihrer sechs Spezialbiere.

Brauerei du Bocq

Wer nach einigen Proben glaubt, er kenne das belgische Bier nun, täuscht sich. Abgesehen von den Erzeugnissen aus den großen Brauereien hat jedes regionale Bier seine ausgeprägten Eigenarten. Das liegt auch daran, dass man hier das Reinheitsgebot, auf das man sich in Deutschland so viel zugute hält, nicht kennt. „Dafür haben wir das Gemütlichkeitsgebot“, schmunzelt Chris Bauweraerts und schenkt noch einmal nach.

Reiseinformationen

Touristische Informationen
Belgisches Verkehrsamt Wallonie-Brüssel
0221/277590
www.belgien-tourismus.de
(Hier kann man eine Broschüre über touristische Routen zum Bier und eine Landkarte mit allen Brauereien bestellen.)

Buch-Tipp
Im belgischen Grenz-Echo Verlag ist das Buch „Unterwegs auf den Spuren des belgischen Bieres“ in deutscher Sprache erschienen. (www.gev.be)

 

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