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Belgien

Antwerpen
Eugeen Van Mieghem Museum

Eugeen Van Mieghem: Migranten, Hafen, Hoffnungen

Eugeen Van Mieghem (1875-1930) hat sich wie auch andere belgische Künstler, zu nennen ist vornehmlich Constantin Meunier, mit dem sozialen Elend des ausgehenden 19.Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts beschäftigt und dies künstlerisch verarbeitet. Dabei bewegt sich Van Mieghem mit seinen Werken zwischen sozialem Realismus, Impressionismus und Moderne.

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Eugeen Van Mieghem (1875-1930)
An der Schelde, Aquarell, 1902

Die Arbeiten von Van Mieghem sind hierzulande nahezu unbekannt, auch wenn im Hamburger Barlach-Haus und im Berliner Käthe-Kollwitz-Museum 2002 erstmals in Deutschland eine Van-Mieghem-Ausstellung stattfand. Van Mieghems zeichnerisches Werk ist mit dem von Käthe Kollwitz vergleichbar. Schaut man sich die Menschen an, die in Antwerpen vor dem Ersten Weltkrieg strandeten, so wird man an die Gesichter erinnert, die Ernst Barlach bei seiner Russlandreise gezeichnet und in Holz geschnitzt hat.

Das seit 1993 existierende, ausschließlich Van Mieghem gewidmete Museum verfügt über einen Bestand von ungefähr 150 Werken des Zeichners und Malers Van Mieghem, der vor allem wegen seiner eindrucksvollen „Momentaufnahmen“ der Menschen, die am Antwerpener Hafen zuhause waren oder von hier aus in die Neue Welt aufbrachen, künstlerisch überzeugt. Mit großer Sensibilität hat Van Mieghem außerdem die letzten Tage seiner schwerkranken Frau in ausdrucksstarken Zeichnungen festgehalten.

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Eugeen Van Mieghem (1875-1930) Der Emigrant,
Kohlezeichnung, ca. 1903

Nähert man sich dem Werk von Van Mieghem, so muss man erwähnen, dass dieser flämische Maler und Zeichner ein Außenseiter im Kunstbetrieb des 20. Jahrhunderts war. Van Mieghem kann nicht auf eine makellose, akademisch geprägte, künstlerische Karriere zurückblicken, da er wegen anderer Malauffassung von der Akademie verwiesen wurde. Doch Jahre später, im Jahr 1920,  kehrte er als Professor an die Kunstakademie zurück. Insbesondere seine Werkpräsentationen 1905 und 1914 im Rahmen des Salons von Kunst van Heden – u . a. mit Christian Rohlfs, James Ensor und Rik Wouters zusammen – verschafften Van Mieghem zumindest zu diesem Zeitpunkt eine breite öffentliche Aufmerksamkeit.

Besonders die Arbeiten aus der kurzen Zeit seiner Ehe zwischen 1902 und 1905, in denen er vornehmlich in Pastell das allmähliche Siechtum seiner Frau bildlich festhielt, sind von großer Intensität, so auch das in Pastell und schwarzer Kreide geschaffene Bild „Augustine mit Hut“ (2.2.1902). Darüber hinaus sind es die Impressionen aus dem Hafen von Antwerpen, die für Van Mieghems Schaffen so typisch sind.

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Eugeen Van Mieghem (1875-1930)
Augustine Pautre - krank, Farbkreidezeichnung, Jan. 1905

Degas, Daumier, Steinlen – die Vorbilder
Van Mieghem, im Hafengebiet von Antwerpen aufgewachsen, sah in Edgar Degas, Honoré Daumier und Th. A. Steinlen seine Vorbilder, ohne deren Kompositionstechniken und Malstile zu kopieren. Statt dessen war er stets auf der Suche nach neuen Motiven, die er im geschäftigen Hafen, im Rotlichtmilieu und in den in Antwerpen gestrandeten Zuwanderern aus Osteuropa auch fand. Die Vorboten und Folgen des I. Weltkriegs schlagen sich zudem  in van Mieghems Bildern nieder, so in „Die Kriegsflüchtlinge“ (1914): die Luft von Ruß geschwängert, nur ein zu erahnender Umriss der Liebfrauenkathedrale im Hintergrund, gebückt unter der Last ihrer Bündel die Zufluchtsuchenden, einige von ihnen einen Handkarren mit Habseligkeiten ziehend. In brauner und schwarzer Kreide entstand „Der Kaiser“, hinter dem Van Mieghem die verbrannte Erde und die zu erahnenden Leichenberge gesetzt hat – eine sehr persönliche Anklage gegen den Wahnsinn des Krieges.

Die Liebe zu Augustine
Nach der Heirat mit der Malerin Augustine Pautre wurde diese zu seinem bevorzugten „Modell“, als vornehme Dame, als Mutter, als Schwangere und schließlich als Kranke. Dabei erinnert diese Beziehung ein wenig an Rembrandt und Saskia. Es entstanden u. a. „Augustine tagträumend“ (1904) oder "Augustine krank im Bett" (1905) und „Augustine krank“ (3.2.1905) – ein Halbakt. Alle Porträts verraten die enge Beziehung zwischen Maler und „Modell“. Der sich verändernde körperliche Zustand, das Dahinsiechen – Augustine litt an Tuberkulose, an der sie auch verstarb –, das langsame Ausmergeln und der vergebliche Kampf ums nackte Überleben drücken sich in diesen Arbeiten auf eindrückliche Weise aus. Dabei überwiegen gedämpfte und dunkle Farbnuancen, die bereits das nahende Unheil und den Tod der Geliebten heraufbeschwören. Der Tod der geliebten Frau stürzte Van Mieghem in eine tiefe Lebenskrise, und es dauerte Jahre, ehe er wieder öffentlich ausstellte und als Künstler recht erfolgreich war.

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Eugeen Van Mieghem (1875-1930)
Augustine Pautre mit Eugeen Jr.,Pastell, 1902

Mit den Augen eines Chronisten
Die genaue Beobachtungsgabe ist es, die van Mieghem in seinen Szenen aus dem Antwerpener Hafen auszeichnet. Er ist gleichsam ein Dokumentarist und Archivar mit Pastellkreide und Bleistift. Ihm liegen die Ganoven und Huren ebenso wie die Gestrandeten und die Hafenarbeiter am Herzen. Wie hart das Leben war, auch und gerade jenseits der Legalität, unterstreicht er in einer Serie von Kreidearbeiten, zu der auch „Der kleine Ganove“ (1904) gehört.

Der Erste Weltkrieg und seine Folgen
Während andere Künstler wie Otto Dix oder Ernst Barlach als Kriegsteilnehmer Erfahrungen mit der Brutalität des Stellungskriegs sammelten, nahm van Mieghem nicht am Kriegsgeschehen teil. Er befasste sich vielmehr mit den Folgen des Ersten Weltkrieges, mit Vertreibung und Verfolgung, und hielt diese in beeindruckenden Bleistiftzeichnungen fest. In diesem Kontext entstand eine Schar Mädchen vor der „Öffentlichen Suppenküche“ (1918) und außerdem die vor der ausgebrannten Ruine stehenden „Kriegsflüchtlinge“ (1915).

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Eugeen Van Mieghem (1875-1930):
Entlang der Schelde, Öl. 1926

Gestrandet in Antwerpen
Die Pogrome im Zeitraum von 1900 bis 1908 in Osteuropa „schwemmten“ Juden in das Hafenquartier Antwerpens. Dort warteten sie auf die Einschiffung auf eines der Ozeanschiffe der „Red Star Line“, die sie nach Amerika bringen sollten. Allein drei Millionen Auswanderer verließen zwischen 1872 und 1936 Europa über Antwerpen. Deren Schicksal verfolgte Van Mieghem sehr aufmerksam und bannte diese Menschen auf Papier, so auch in „Jüdische Auswanderer auf dem Weg nach New York mit der Red Star Line“ (1899).

Auch die Stadt und der Hafen waren Motive von Kreidearbeiten und Zeichnungen, so etwa „Das Getreidehebewerk“ (1912) oder „Tanzende Kinder“, die sich selbstvergessen im blauen Dunst eines Wintertages dem Tanz hingeben. Zu diesem Zyklus von Arbeiten aus dem Hafen gehören außerdem „Auf der Scheldeterrasse“ und „Nachts im Dock“.

Eugeen van Mieghem Museum
Beatrijslaan 8
2050 Antwerpen Linkeroever
Tel. 00 32 (0)3 2 11 03 30
van.mieghem.museum@skynet.be
http://www.vanmieghemmuseum.com/main.php?lang=NL
Öffnungszeiten
Jeden So 14-18 Uhr, an Feiertagen und im Juli sowie August geschlossen

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