Reisemagazin schwarzaufweiss

Naturparadies Outback Coast

Von Walhaien, Dugongs und Delfinen

Text und Fotos: Hilke Maunder

600 Kilometer Küstenlinie, subtropisches Klima, kristallklare Wasser und ein Korallenmeer: Die Outback-Coast von Western Australia lädt zu ungewöhnlichen Begegnungen von Mensch und Tier.

“Ready? Go!” Los, schnell, ab ins Wasser, ruft Gibbo, Tauchguide der Exmouth Diving Experience. Zehn Gäste mit Brille, Schnorchel, Flossen springen von der Taucherplattform der Hochseeyacht “Ventura III” in die 28 Grad warmen Fluten des Indischen Ozeans.

Westaustralien / Taucher beim Sprung ins Wasser

Eine riesige, schwarze Form bewegt sich unter Wasser rasch auf sie zu: ein Walhai. Die Gruppe teilt sich, lässt das Tier passieren – und versucht, den Wal ein Stück der Strecke zu begleiten. Während der Walhai mit wenigen Flossenschlägen elegant durch das Wasser gleitet, geraten die Schnorchler ins Schwitzen, können nur wenige Hundert Meter mit dem Fisch mithalten. “Ningaloo Reef gehört zu den wenigen Plätzen weltweit, die die Walhaie während ihrer Wanderung von den Brutgebieten in den Tropen zu den Futterplätzen in der Antarktis jedes Jahr von März bis Juni regelmäßig aufsuchen”, sagt Geoff Taylor, der seit 1983 die scheuen Meeressäuger beobachtet und fotografiert. Seine Erfahrungen hat er 1994 in seinem Buch “Whale Sharks – The Giant of Ningaloo Reef” (ISBN 0 207 18498 4) festgehalten.

Westaustralien / Walhai

Nur noch 350 Walhaie, schätzen Experten, gibt es weltweit. Ihr Wissen über die Giganten der Meere ist recht begrenzt. Doch eines ist sicher: Der graue Fisch mit den weißen Punkten, größter der Haifamilie und größter der Welt, erreicht mit bis zu 18 Meter zwar die dreifache Länge des gefürchteten Weißen Hais, ist jedoch völlig harmlos – Walhaie ernähren sich ausschließlich von Zooplankton, Fischlarven, kleinen Fischen und Kalmaren, die sie durch ihre mehr als tausend Raspelzähne saugen. Sieben bis zehn Tage nach den Vollmonden im März und April finden sie am Ningaloo Reef einen Festschmaus: die Korallen laichen. Als farbenprächtige schillernde Wolken schweben die Ei- und Samenzellen der Korallen durch die Fluten.

Nach einer halben Stunden klettern die Schnorchler wieder an Deck, spülen den Mund mit Süßwasser aus und stärken sich am Büffet, das hinter der Brücke aufgebaut ist. Doch die Pause währt nur kurz: Der Pilot des Suchflugzeuges, das das Boot begleitet, hat erneut einen Walhai in der Nähe gesichtet. Doch diesmal war ein anderes Ausflugsboot schneller: Die Schnorchler an Bord der Ventura III müssen warten.

Westaustralien / Buffet an Bord

Maximal zehn Schwimmer sind gleichzeitig im Wasser gestattet, so die Auflage von CALM, des Department of Conservation and Land Management. Im Wasser müssen die Schwimmer einen Abstand von mindestens drei Meter von Kopf und Körper und vier Meter vom Schwanz einhalten. Boote dürfen sich maximal 250 Metern den Tieren nähern. Unterschreiten Schwimmer diese Distanz, fühlt sich der Wal bedroht – und taucht sofort in Tiefen bis zu 700 Metern ab. So auch jetzt: ein Flossenschlag, und schon ist der Walhai im Blau der Tiefe verschwunden. “That’s it for today”, beschließt Gibbo – jetzt wird getaucht!

Westaustralien / Walhai

Nur ein Zehntel so lang wie das Great Barrier Reef an der Ostküste, ist die Unterwasserwelt des Ningaloo Riff mindestens ebenso vielfältig – und deutlich unberührter. Auf 260 Kilometer Länge bilden vielfarbige Korallengärten zwischen Bundegi Reef beim North West Cape im Golf von Exmouth südlich bis Amherst Point bei Carnarvon Australiens größtes Küstenriff. Rund 20 Kilometer, oder 5.000 Quadratkilometer Ozeans, stehen seit 1987 unter Naturschutz. 520 Fisch- und 250 Korallenarten leben im einzigen Riff der Westküste. An manchen Stellen sind die Korallengärten nur 20 Meter von der Küste entfernt, höchstens jedoch sieben Kilometer.

Westaustralien / Strand

Weiße Sandstrände säumen die Küste. Von Juni bis November werden Buckelwale regelmäßig während ihrer Migration von den Brutplätzen in tropischen Gewässern hin zu antarktischen Futterplätzen an der Gascoyne-Küste gesichtet. Das ganze Jahr hindurch sind Mantelrochen hier anzutreffen. Mit den Tänzern der tiefen See zu schnorcheln, ist ein beeindruckendes Erlebnis. Mehr als drei Meter misst die Spannweite ihrer Flügel.

Trockenen Fußes lässt sich die Unterwasserwelt in Glasbodenbooten entdecken. Der Sub Sea Explorer startet mehrmals täglich in Coral Bay, dem südlichen Tor zum Ningaloo Reef. Vor den 16 Fenstern im klimatisierten Bauch des Bootes zieht ein Snapper-Schwarm vorbei. Mördermuscheln liegen zwischen Korallen in Rosenform. Allerorten ragen die “Geweihe” der Hirschhornkoralle auf. Seegurken, Papageienfische und Fusilliers erscheinen vor den Panoramafenstern.

Die roten Felsen und Schluchten des Cape Range National Parks bilden den ländlichen Teil des Marine Parks. Ein Besucherzentrum informiert umfassend über Tier- und Pflanzenschutz. Abends verteilen die Ranger Taschenlampen: Ningaloo Reef und seine benachbarten Inseln und Landzonen gehören weltweit zu den wichtigsten Brutplätzen der vom Aussterben bedrohten Meeresschildkröten. Alljährlich zwischen Dezember und März kommen die großen Green und Loggerhead Turtles an den Strand und legen ihre Eier ab.

Inzwischen ist es Nacht. Der Himmel ist so klar, das die Abermillionen Sterne zum Greifen nah scheinen. Mittendrin leuchtet hell das Kreuz des Südens. Stille ... Auf der Fahrt gen Süden tauchen immer wieder Kängurus im Licht der Scheinwerfer auf, springen unvermittelt über die Fahrbahn, verschwinden im Busch.

Der nächste Morgen beginnt früh. Mehr als 100 Menschen haben sich an der Wasserkante von Monkey Mia aufgereiht, Camcorder und Kamera in der Hand. Zwei Ranger, eine Trillerpfeife im Mund, einen Eimer in der Hand, stehen im knietiefen Wasser und warten.

Westaustralien / Delfine kommen

Da, eine Rückenflosse teilt die Fluten. Die Delfine kommen – wie jeden Morgen. Rund 600 Delfine leben in der Bucht von Shark Bay, 460 können Wissenschaftler anhand ihrer Rückenflosse identifizieren, sieben bis 20 Tiere sind regelmäßig vor dem Strand von Moneky Mia zu sehen. Die Begegnung mit den Meeressäugern machte die kleine Siedlung in der Shark Bay in aller Welt berühmt. Nick (24), Puck (23), Surprise (22) und Piccolo (7) nähern sich bis auf wenige Zentimeter, heben ihre Schnauze aus den Fluten, zeigen ihren Bauch, gleiten an den Besuchern vorbei und warten auf ihren Lohn: eine Handvoll Heringe.

Westaustralien / Delfine am Strand

Dreimal täglich wiederholt sich das Spektakel. “Das tägliche Fütterritual gehört zum erlernten Verhalten, sagt David Charles (44), für CALM verantwortlich für das Delfinprogramm von Monkey Mia. “Die Fischer haben damit in den sechziger Jahren begonnen. Wir versuchen, die menschlichen Einflüsse heute so gering wie möglich zu halten.” Anders als früher, dürfen Gäste die Tiere nicht mehr selbst füttern oder streicheln. Der Nachwuchs wird konsequent von den Show-Fütterungen ausgeschlossen, um den Jagdinstinkt zu erhalten.

Unter besonderem Schutz stehen auch die Dugongs. Rund 10.000 dieser bis zu 300 Kilogramm schweren “Sirenen” leben in Shark Bay – die Bucht beheimatet damit die größte Kolonie Seekühe weltweit. Ein 3,4 Kilometer langer und 2,4 Meter hoher elektrischer Zaun über den Taillefer-Isthmus trennt das “Lost Project Eden” von der restlichen Peron Peninsula. Um ein Stück “echtes” Australien zu retten, richtete CALM Anfang der neunziger Jahre hier ein Schutzgebiet für die einheimische Tierwelt ein. Ratten, Katzen, Kaninchen, Füchse, Schafe, Ziegen und andere eingeführte Tiere hatten die einheimischen Flora und Fauna nahezu ausgerottet. Heute leben bereits wieder einige Bandicoots und Bilbies im Busch.

In den Salzwasserbecken von Hamelin Pool erheben sich überdimensionierte Pilze: Stromatholiten – “lebende Felsen”. Cyanobakterien und kleine einzellige Blau- und Grünalgen, nur unter dem Mikroskop sichtbar, haben hier Nährstoffe und Sedimente zu felsenähnlichen Türmen und schwarzen, schwammigen Matten verarbeitet.

Westaustralien / Hamelin Pool

Bereits vor zwei bis drei Milliarden Jahren müssen die Mikroorganismen mit dem Bau der höckerartigen Schichtgesteine begonnen haben. Wenige Kilometer weiter säumen Abermillionen weißer Mini-Muscheln eine weit geschwungene Bucht von Shark Bay: Shell Beach, ein einsames Strand-Idyll aus lauter Muscheln, zehn Meter tief und 120 Kilometer lang.

Westaustralien / Shell Beach

Die erstaunliche Vielfalt der ursprünglichen Flora und Fauna von Shark Bay ist seit 1992 als Weltkulturerbe geschützt. Mit welchem Stolz dies Western Australia erfüllt, zeigt sich am North West Coastal Highway. Inmitten der endlosen Weite des australischen Busch, umgeben von roter Erde und staubigen Salzbüschen, erhebt sich hell leuchtend ein weißes Portal. “Welcome to Shark Bay”. Dahinter: eine Landstraße durch den Busch, die sich am Horizont verliert. Dort, wo das schimmerne Blau des Meeres mit dem Himmel verschwimmt.

 

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