Reisemagazin schwarzaufweiss

Mighty Murray

Unterwegs in Victoria (Australien)

Text und Fotos: Hilke Maunder

Der Murray ist die Lebensader Victorias. Auf seinem Lauf wurde früher die Wolle der Farmen zur Küste transportiert, sein Wasser verwandelt das trockene Buschland in eine Oase des Obst- und Weinbaus, die Gourmets begeistert. 

Australien - historischer Hafenbereich in Echuca

Historischer Hafenbereich in Echuca

„Sydney may have a big harbour, but Rutherglen has a great port“. Das Schild an der Straße zeigt, wie stolz die Bewohner der Region auf ihre kraftvollen Likörweine „Muscat“ und „Tokay“ sind, die rund um Rutherglen und seinen Nachbarort Wahgunyah am Ufer des Murray angebaut werden. Ursprünglich jedoch war Rutherglen, wie auch seine Nachbarn Yackandandah und Beechworth, ein Bergbaustädtchen auf der Suche nach Gold. Die Förderung erwies sich jedoch als schwierig und kostspielig – so setzten die Bewohner auf flüssiges Gold: goldgelbe, schwere Likörweine. Schon 1897 errangen diese „stickies“ beim Pariser Weinsalon ihre erste Goldmedaille. Rasch entwickelte sich Rutherglen zum größten Weinanbaugebiet Victorias. Noch heute können viele der Winzer, die längst auch hervorragende Rot- und Weißwein anbauen, familiäre Wurzeln bis in jene Zeit vorweisen.

Eine breite, schattige Allee führt zum schlossartigen Anwesen von All Saints. Das historische Weingut, 1864 gegründet, wird heute von Peter Brown von der bekannten Brown Brothers-Kellerei geführt, der hier Spezialitäten wie Marsanne und den Durif, auch bekannt als „Petit Sirah“, produziert. Im „Terrace“-Restaurant kreiert Küchenchef Peter Quinn am Wochenende Gaumengenüsse der Region: Karpfen aus dem Murray, Forellen aus Lake Hume, Geflügel aus Milawa, garniert mit goodies aus eigenem Anbau – Kumquats, Kräuter, Oliven, und natürlich Trauben.

Ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem versorgt die Weingärten mit Wasser aus dem Murray, das in riesigen Stauseen wie Lake Hume aufgestaut wird. Aus ihren Fluten ragen nackte Baumskelette – uralte Stämme, die wegen der ätherischen Eukalyptusöle nicht vermodern. Am Mulwala-Stausee startet alljährlich im Dezember der  Murray River Marathon nach Swan Hill. Doch das australische Sportevent unterscheidet sich deutlich von seiner historischen Vorlage: Statt gelaufen wird im Kanu gepaddelt – und statt 42 Kilometern misst die Strecke für Profis und Amateure 404 Kilometer.

Mit dem Hausboot auf dem Murray

Australien - Hausboot auf dem Murray

Richtung Mildura ist der Murray fest in der Hand der Badenixen, Hobbyangler und Hausbootkapitäne. Ihre „Boote“ sind keine konventionellen Kabinenkreuzer, sondern rechteckige Pontons. Auch im Innern überraschen die schwimmenden Eigenheime mit ungewohnter Optik und Ausstattung. Alles erinnert an eine gediegene Villa an Land – eine voll eingerichtete Küche samt Mikrowelle und Waschmaschine, ein geräumiges Schlafzimmer, selbst die Ledergarnitur im Wohnzimmer fehlt nicht. Das Upper Deck verführt zum Faulenzen. Neben dem Jacuzzi stehen Sonnenliegen; auf dem Grill garen hummerartige Murray Crays, Dorsch und Barsch. Bis zu zehn Personen haben auf den Hausbooten Platz. Wer mit dem Hausboot auf dem Murray schippern möchte, braucht nicht einmal einen Sportbootführerschein. Auch das Anlegen ist kinderleicht: Mit dem Schwung der Strömung rutschen die Boote auf den Strand und werden mit einer Leine an einem Eukalyptusbaum vertäut.

Wie die Rainbow Serpent im Aboriginal Dreaming schlängelt Australiens berühmtester Fluss von den Snowy Mountains zur See.  In den Australischen Alpen ist der junge Fluss wild und ungestüm – ein Abenteuerland für Adrenalinsüchtige mit Whitewater Rafting, Wildnis-Wanderungen und Fliegenfischen. Im weiteren Lauf bildet er auf 2.000 Kilometern fast die gesamte nördliche Grenze Victorias zum Nachbarstaat New South Wales. Im äußersten Nordwesten Victorias schlängelt sich der Murray durch wüstenähnliche Landschaften. Nach 2.575 Kilometern mündet der „Mighty Murray“ in Südaustralien bei Adelaide ins Meer.

Historische Schaufelraddampfer in Echuca

Australien - Schaufelraddampfer in Echuca

Schaufelraddampfer "Emmylou"

Vor mehr als 40.000 Jahren jagten und lagerten die Ureinwohner an seinem Ufer. Um 1830 kamen die ersten europäischen Pioniere. Der Murray wurde ihre Lebensader, bewässerte ihre Felder, transportierte ihre Güter. Um 1873 waren mehr als 240 Raddampfer auf dem Murray unterwegs. Echuca, am Zusammenfluss von Goulburn River und Murray gelegen, wurde Zentrum des Schiffbaus und wichtigster Binnenhafen Australiens. Dampfbetriebene Hafenkräne verluden jährlich Wolle und andere Waren im Wert von mehr als einer Viertelmillion Pfund. Dampfeisenbahn und erste Automobile bereiteten dem Aufschwung ein Ende. 1920 war der Hafen bankrott, die Werft ohne Arbeit. Die Stadt vergaß ihren Fluss. Heute ist das Hafenviertel, seit 1975 unter Denkmalschutz, die Touristenattraktion des Ortes. Der gesamte Kai ist Museumskomplex. Hölzerne Treppen führen hinunter zur größten Flotte von Schaufelraddampfern weltweit. Historische, in Echuca gebauten Raddampfer wie P.S. Pevensey und P.S. Adelaide liegen hier neben dem Paddlesteamer P.S. Emmylou – optisch ein Raddampfer aus der Blütezeit der Flussschifffahrt, tatsächlich erst 1980-82 erbaut. Historisch ist einzig die Dampfmaschine von 1906, die unter Deck mit Holz befeuert wird. Darren Mann zieht die Signalglocke. Eine dicke Dampfwolke qualmt aus dem Schornstein, langsam setzt sich das Schaufelrad in Bewegung. Seit fast 15 Jahren fährt der 44-Jährige tagtäglich den längsten Fluss Australiens auf und ab. Darren Mann kennt jeden Baum, jede Biegung – doch andere Flüsse reizen ihn nicht. „Wer einmal einen Sonnenaufgang oder -untergang über dem Murray erlebt hat, wird sich seines Zaubers nie mehr entziehen können.“

Australien - Darren Mann

Darren Mann auf der Brücke

Gold leuchtet der Murray in der Dämmerung. Im Bordbistro der „Emmylou“ werden die Tische zum Dinner gedeckt. Ein Glas Wein in der Hand genießen die Passagiere die letzten Strahlen der Sonne auf dem Oberdeck. Für 18 von ihnen sind die Betten an Bord gerichtet. In den hölzernen Kajüten stehen Stockbetten, daneben ein Waschtisch – das Ambiente von einst machen Duschen und Toiletten auf beiden Decks komfortabel.

Mit einem ohrenbetäubenden Kreischkonzert verabschieden Hunderte von Kookaburras und Currawongs den Tag. Rosa-weiße Galahs huschen zwischen Eukalyptuswipfeln umher. Dann plötzlich Stille. Ein Meer von Sternen erhellt die Nacht. Hell weist das Kreuz des Südens den Weg. Am nächsten Morgen schippert Darren Mann bereits nach Echuca zurück, als die ersten Gäste an Deck kommen.

Australien - Mildura Innenstadt

In der Innenstadt von Mildura

Wie eine grüne Oase liegt die Mildura vor Steppe und Wüste. Die Bewässerungsprojekte der  Mildura Irrigation Colony haben das rote Land in „Sunraysia“ verwandelt, Australiens größtem Produzenten von Rosinen, Zitronen und Orangen. 40 Prozent der Trauben für australischen Wein stammen von hier – und sorgten lange für den Ruf, nur Masse statt Klasse zu produzieren. Trentham Estate Winery beweist das Gegenteil: Das Weingut, das sich auf acht italienische Sorten spezialisierte, hat bereits mehr als 50 Medaillen auf internationalen Weinmessen gewonnen. Wer lieber Bier genießt: Im Workingmen’s Club befindet sich die längste Kneipentheke der Welt – 27 Zapfanlagen auf 90,8 Metern.

Australien - Schild in Mildura

Stefano de Pieri machte Mildura zum Mekka für Feinschmecker. Seine Fernsehshow „A Gondola on the Murray“ zeigte, welche Gourmetgerichte sich mit Produkten aus Mildura zaubern lassen. Die Rezepte zum Nachkochen lieferte ein Kochbuch, die Gerichte zum Genießen sein Restaurant „Stefano’s, von den Kritikern der Gourmetbibel „The Age Good Food Guide“ 2003 als bestes Restaurant des Landes ausgezeichnet. Eine Speisekarte gibt es nicht – die Gäste vertrauen Stefanos kulinarischen Inspirationen und essen, was er ihnen fünf oder sechs Gänge lang serviert.

Australien - Outback

Murray Outback

30 Kilometer westlich bei Wentworth vereint sich der Murray River mit dem Darling zu einem mächtigen Strom am Eingang des Murray Outback. Dahinter beginnt das rote Herz von Victoria. Riesige Redgums und die Murray Lilie, die größte Blume des Bundesstaates, wachsen im Murray Sunset National Park, pinkfarben leuchten die Salzseen im  Süden. Der sandige Hattah-Kulkyne National Park ist die Heimat der einzigen roten Riesenkängurus von Victoria. Der Urvater der Aborigines wurde 1974 im Mungo National Park entdeckt: Mungo Man, der vor 40.000 Jahren am zweitgrößten der 17 Willandra Lakes lebte.

Heute ist die einst fruchtbare Seenplatte eine Halbwüste. Die Abbruchkante von Lake Mungo bilden heute die Walls of China, ein 33 km langer Halbkreis aus bizarr geformten Dünen, über die ein steter Westwind weht. Erst in der Dämmerung kommen die Tiere aus dem Schutz krüppliger, buschartiger Mallee-Eukalypten hervor: Sandwarane und Bartagamen, Ameisen-Igel und Kängurus. Die örtliche Barkindji-Aborigines kennen all ihre Schlafplätze – und verraten bei Allrad- und Wandertouren durch den Busch auch, wie reich und fruchtbar für sie die scheinbare Einöde ist.

Australien - Mungo Nationalpark

Mungo National Park

 

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