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Sandstrände, Steilküsten, Regenwälder

Auf der Great Ocean Road durch den Süden Australiens

Text und Fotos: Hilke Maunder

Ocean Road Sandstein

Amerika hat die Route 66, Australien seinen Highway 100: die Great Ocean Road – Mythos und Legende. Für viele Australier ist die kurvenreiche Straße bis heute Symbol des gewonnenen Kampfes gegen eine unerbittliche Natur. Hier stemmt sich der Kontinent gegen die wilde Küste, künden steile Klippen vom Kampf mit den Gezeiten, von Gefahr und Verlust.

Weit vor der Brandung schaukeln die Wellenreiter auf ihren Brettern im Wasser und warten am „Rincon“ auf die perfekte Welle. Ihr Neopren-Anzug schützt nur wenig vor dem 16 Grad kalten Southern Ocean. Plötzlich springen sie auf ihre Bretter und tanzen mit rasantem Tempo über die meterhohe Dünung.

Ocean Road Anker

Cape Otway Lighthouse

Noch ein letztes Mal gleiten sie durch den Wellentunnel, tauchen durch die Woge und paddeln auf ihrem Board auf das offene Meer zurück, während die Brandung auf dem Bells Beach ausläuft. Die Bucht ist ein weltberühmter Wallfahrtsort für Surfer aus aller Welt. Hier trafen sich Keanu Reeves und Patrick Swayze im Kinoklassiker „Point Break“ zum surfenden Showdown, hier tragen alljährlich zu Ostern die besten Wellenreiter der Welt ihre Meisterschaften aus – was dem Strand in der Szene den Beinamen „Hells Beach“ einbrachte.

Wellenmaschine für künstliche Brandung

Im nahen Torquay, der Heimat von Australiens Surflegende Jason Polakow, schlägt das Herz der australischen Surfindustrie – gut die Hälfte der Stadt besteht aus Niederlassungen und Shops dieser Branche. Die Grundlagen und Geschichte des Wellenreitens erzählt das Surfworld-Museum. Die Hall of Fame erinnert an die Surfstars seit 1985; der Board Room zeichnet die Entwicklung des Sports von den frühen Redwood-Boards bis zu hochmodernen Fiberglasbrettern nach, im Wave Room erzeugt eine Wellenmaschine künstliche Brecher.

Torquay ist das Tor zur State Road 100, besser bekannt als „Great Ocean Road“. 320 Kilometer lang folgt die Panoramastraße den Steilklippen aus Sandstein, die den Southern Ocean vom hügeligen Hinterland mit uralten Regenwäldern und tosenden Wasserfällen trennen. Nur mit Pickel und Schaufel hatten Soldaten, die aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt waren, zwischen 1919 und 1932 die Straße in den Fels geschlagen – Arbeitsbeschaffung und Erschließung einer Region, die bis dahin nur per Schiff erreichbar war.

Ocean Road Steilküste

Klippen und Steilküste: das Panorama ist immer grandios

Jahrhunderte alte Norfolk-Zedern säumen den Strandpark von Lorne, das bereits ein beliebter Badeort war, ehe die Küstenstraße gebaut wurde. Die gut betuchten Gäste aus Melbourne legten per Schiff am 1879 erbauten Pier an und logierten im Grand Pacific Hotel, dem ältesten Badehotel Victorias. Sie promenierten auf der Mountjoy Parade, die heute trendige Boutiquen und Cafés säumen, und spielten, streng nach Geschlechtern getrennt, „lawn bowling“.

Ocean Road Lawn bowling

Australisches Hobby: Lawn Bowling

Noch heute weht über der Clubanlage am Hang ein Hauch von Old Britannia. An diesem Nachmittag lassen ältere Herren ganz in Weiß, den Strohhut auf dem Kopf, stilvoll ihre schwarze Kugel über den akkurat geschnittenen Rasen gleiten. Am Horizont glitzert silbern der Southern Ocean.

Uralte Eukalyptusriesen

Bei Apollo Bay verlässt die Straße die Küste und schlängelt sich durch den Nationalpark der Otway Ranges. Mitten in diesem Urwald der Urzeit führen die 600 Meter langen Brückenwege des Fly Tree Top Walk durch die Wipfel des gemäßigten Regenwaldes mit seinen moosbedeckten Stämmen uralter Eukalyptusriesen und meterhohen Farnwäldern. Für den besonderen Blick gibt es einen fünfzig Meter hohen Aussichtsturm, der fast die höchsten Bäume erreicht.

Ocean Road flache Küste

Die Ruhe täuscht: für Schiffe eine gefährliche Küste

In Princeton erreicht die Straße wieder die Küste, die bis Port Fairy im Osten zu Recht den Namen Shipwreck Coast trägt: 200 Schiffe zerschellten schon an ihren Riffs und Klippen. Berühmt wurde die Loch Ard, für Tauchlegende Marg O’Shea einer der schönsten Wracktauchgänge. Der 1873 in Glasgow erbaute Dreimaster war am 1. März 1878 im englischen Gravesend mit 54 Passagieren und einer Ladung im Wert von mehr als 100.000 Pfund ausgelaufen. Im Morgengrauen des 1. Juni 1878 geschah die Tragödie. Nebel und Dunst machten eine genaue Positionsbestimmung unmöglich. Während Kapitän Gibb sich sichere sieben Kilometer von der Küste entfernt wähne, sah er plötzlich, wie sein Schiff unaufhaltsam auf eine Steilklippe zutrieb – die hundert Meter hohe Wand von Mutton Bird Island. Hilflos musst er zusehen, wie sein Segler am Felsen zerschmettert. Nur zwei Passagiere überlebten und wurden in einer kleinen Bucht an Land geworfen: Eva Carmichael und Tom Pearce – sie wurden zum Liebespaar des Jahrhunderts stilisiert. Die Wirklichkeit jedoch hielt dem Mythos nicht stand.

Die Rettung kam per Helikopter

Die Bucht jedoch gehört heute zu den Höhepunkten des Port Campbell National Parks, der die Ikonen der Küste versammelt: die „Zwölf Apostel“, nach Ayers Rock das bekannteste Wahrzeichen Australiens. Bis zu 65 Meter ragen die sand- bis ockerfarbenen Kalksteinfelsen aus den stürmischen Fluten. Gischt schießt aus den Kaminen, durch die das Meer seine Wellen presst; stetig schlägt die Brandung Grotten, Schluchten, Bögen und bizarre Felsformationen aus dem weichen Kalkstein der Klippen, erschafft und zerstört: Am 15. Januar 1990 stürzte London Bridge ohne Vorwarnung ins Meer. Die Besucher der Felsbrücke, plötzlich auf einem Dorn im Meer isoliert, wurden per Helikopter gerettet.

Ocean Road 12 Apostle

Australisches Wahrzeichen: die "12 Apostel"

Spektakulärer als vom Auto aus präsentiert sich die Great Ocean Road beim Inn-to-Inn-Walk. Sechs Tage lang wandert ein Guide mit einer kleinen Gruppe über Sandstrände, Steilküsten und Regenwälder von Torquay nach Lorne, während das Gepäck von Hotel zu Hotel befördert wird. Aus der Vogelperspektive lassen sich die Zwölf Apostel, Loch Ard und London Bridge bei einem Rundflug im Helikopter erleben. Die Rundflüge mit maximal drei Passagieren starten am 12 Apostles Helipad von Port Campbell.

Ocean Road Holzfiguren

Australische Folklore: Rettungsschwimmer aus Holz

Von Mai bis September verwandelt sich die Küste vor Warrnambool zur Kinderstube der Southern Right Wale. Wer Glück hat, kann bei einer Walbeobachtungstour oder auf der Plattform am Logan’s Beach die 18 Meter langen und 95 Tonnen schweren Säuger beobachten. Wie der Hafenort zur Zeit der großen Segler aussah, zeigt das Flagstaff Hill Maritime Museum – tagsüber mit mehr als 30 restaurierten Gebäuden, historischen Seglern im Hafen und der interaktiven Great Circle Gallery, abends mit der Sound & Laser-Show „Shipwrecked“.

Koalas und Kängurus

Port Fairy hat seinen Kolonialcharakter in die Gegenwart gerettet. Mehr als fünfzig alte Gebäude werden im Fischerstädtchen am River Moyne vom National Trust betreut – auch das Caledonian Inn, in dessen Pub der erste Alkohol Victorias ausgeschenkt wurde. Fort Fairy hieß ursprünglich Belfast – und so wird beim jährlichen Musikfest hauptsächlich Irish Folk mit australischem Einfluss gespielt: Country, Blues und Didjeridoo.

Ocean Road Leuchtturm

Port Fairy markiert den Endpunkt der Great Ocean Road – und lädt zugleich ein, die Reise durch den Westen Victorias auf der Great Southern Touring Route durch das Landesinnere fortzusetzen. Das nächste Ziel: die Grampians. Gen Osten fallen die parallelen Gebirgswände aus rotem Sandstein steil in die Ebene, gen Westen neigen sie sich sanft zur den Weiden und Feldern hinab. Wind und Wasser haben bizarre Felsskulpturen geschaffen; als breites Band donnern die MacKenzie Falls zu Tal. Die grandiose Berglandschaft gleicht einem riesigen botanischen Garten. Viele der ungewöhnlichen Pflanzen und Tiere Australiens sind hier heimisch. In den Baumwipfeln der Eukalypten schlummern Koalas; in der Dämmerung grasen Herden von Kängurus. Jedes Frühjahr überzieht ein Teppich blühender Wildblumen die archaische Urlandschaft. „Gariwerd“ nannten die Koorie-Aborigines ihre Heimat und schmückten Höhlen und Überhänge mit Malereien. Mehr als 4.000 Felszeichnungen wurden bis heute entdeckt.

Ein Netz von Wanderwegen mit 160 Kilometer Länge durchzieht das Gebirge. Das Angebot der fünfzig Routen reicht von kurzen Spazierwegen unter einer Stunde bis zu anstrengenden Mehrtagestouren. Populärstes Wandergebiet ist die Wonderland Range südwestlich von Halls Gap mit den Pinnacles und dem Grand Canyon. Stellenweise recht anstrengend ist der Aufstieg zum höchsten Gipfel, dem 1.168 Meter hohen Mount William.

Zum Abschluss: ein guter Wein

Wer Wein liebt, kann später in Great Western bei einer Führung in den Keller von „Seppelt’s“ hinab steigen. Sägemehl bedeckt den Boden der langen, schummrigen Gänge, um Feuchtigkeit zu binden. Als feiner Flaum überzieht Schimmel, an Werkzeug aus Europa eingeschleppt, die alten Flaschen und Wände. 1,7 Millionen Flaschen lagern in den unterirdischen Gewölben, vor allem Sekt, der zum Großteil noch per Hand gerüttelt wird, aber auch Fässer und Flaschen mit Shiraz, Pinot Noir, Chardonnay und Sauvignon Blanc. Hinter einer wappengeschmückten Tür liegt der Privatkeller der früheren australischen Premiers Frazer, der unter dem großen Kronleuchter gerne mit Gäste die guten Tropfen des Hauses genoss.

Ocean Road Grampians

Bizarre Felsen in den Grampians

Baumeister des Weinkellers waren Goldgräber – sie hatten gehofft, mit den Stollen auf eine Goldader zu treffen. Als 1851 nördlich von Ballarat die ersten „nuggets“ gefunden wurden, verwandelte sich die Kolonie über Nacht zum Abenteuerland für Glücksritter aus aller Herren Ländern. Zwei Jahrzehnte dauerte der Rausch, dann waren die Goldminen erschöpft. Tor zu den Goldfeldern war Ballarat, die größte Binnenstadt Victorias. Den Alltag zur Zeit des Goldrausches zeigen 100 Statisten im Freilichtmuseum Sovereign Hill. Nacht für Nacht erwachen die blutigen Ereignisse der Eureka Stockade, bei der sich Goldgräber gegen die Willkür der britischen Obrigkeit auflehnten, beim Sound- & Light-Spektakel „Blood on the Southern Cross“ zum Leben.

 

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