Darwin - die Boomtown des australischen Top End
Text und Fotos: Hilke Maunder
Die Hauptstadt des Top End, noch vor wenigen Jahren ein verschlafenes Nest, glänzt heute mit den höchsten Wachstumsraten des fünften Kontinents – und macht erfolgreich den Touristenmagneten Cairns und Broome Konkurrenz. Damit die Urlauber nicht gleich in die umliegenden Nationalparks Nitmiluk, Litchfield und Kakadu weiterreisen, sondern in Darwin verweilen, investiert die Stadt derzeit mehr als eine Milliarde Euro in den Tourismus. Mehr als die Hälfte fließt davon in das ehrgeizigste Vorhaben, das schrittweise eröffnet wird: die „Darwin Waterfront“. Wo unter den Klippen im Süden der Stadt einst auf 25 Hektar Bitumen, Mineralien und Erze gelagert wurden, realisiert eine Public-Private-Partnership des Northern Territory mit dem Investorenkonsortium Toga Group/ABN Amro in zwei Bauabschnitten bis 2020 ein komplett neues Stadtviertel.

Stokes Wharf
Die Lage ist ideal: Zwei Piers – Stokes Wharf im Westen, Fort Hill Wharf im Osten – bilden hier eine kreisrunde Bucht. Mitten hindurch führt heute eine 656 m lange Barriere aus dunklen Felsen – die „Sea Wall“. Sie trennt die künftige Marina von der neuen Badelagune, die mit vier Hektar so groß wie fünf olympische Pools ist – und als einziger Strand im Stadtgebiet auch krokodilsicher: Denn die Küste rings um Darwin ist die Heimat der „Salties“, der gefährlichen Salzwasserkrokodile. Damit auch Surfer ihrem Sport frönen können, erhält die Badebucht derzeit eine Wave Lagoon, in der eine Wellenmaschine von früh bis spät bis zu 1,20 m hohe Wogen produziert.

Leanyer-Water-Park - Spaß für Kids
Direkt an die Badelandschaft grenzt das neue Darwin Convention Centre, – als knapp 23.000 qm großes Forum für internationale Tagungen, Konzerte und Ausstellungen. Das passende Bett für die Geschäftsreisenden – und Urlauber – bietet eine Tochter der Toga Group, Toga Hospitality, mit den Medina Serviced Apartments, 121 gehobenen Ferienwohnungen mit Hotelservice, und einem Vibe Hotel mit 120 Betten. Hinzu kommen rund 1.600 Wohnungen – als Kapitalanlage oder neues Heim. Für die Gäste, die vermehrt mit dem Kreuzfahrtschiff nach Darwin kommen, entsteht für drei Millionen Euro neben der Fort Hill Wharf ein neuer Anleger samt Terminal.
Einige der Attraktionen im künftigen Waterfront waren bereits vor der Sanierung des Hafengebietes Publikumsmagneten: die fünf Kilometer langen „WW 2 Oil Storage Tunnels“, in denen während des Zweiten Weltkrieges der Treibstoff für die australische Luftwaffe gelagert wurde, und die „Arcade“ am Ende der Mole, ein großes Lagerhaus mit Fish & Chips-Shops – perfekt für einen lauschigen Lunch. Welche Meeresbewohner sich in den Fluten tummeln, zeigt das Aquarium „Indo Pacific Marine“, das mehrmals pro Woche zur „Coral Reef Night Show“ mit anschließendem Seafood-Dinner lädt. Ebenfalls in dem Hafenschuppen untergebracht ist die „Australian Pearling Exhibition“, eine Ausstellung von den Anfängen des Perlentauchens bis zur modernen Perlenfarm.
Die fußläufige Verbindung von der Waterfront zur City schafft ein gläserner Lift, gefolgt von einem Brückenweg (Walkway) zur Smith Street. In der Einkaufsstraße der Tropenmetropole liegen Krokodile aus Plastik in den Auslagen, wehen australische Fahnen im Wind, gibt es die Digderidoos der Aborigines, mitunter made in Taiwan. Und, inmitten der Souvenirshops, trifft man auf zwei Lifestyle-Ikonen: den Showroom von Paspaley Pearls, Weltmarktführer für Süßwasserperlen made in Darwin, und eine Boutique von R. M. Williams, der zwar in Queensland fertigt, aber mit seiner Bekleidung wie kein zweites Label das Leben im Outback symbolisiert.
Am Ende der Smith Street Mall, dem verkehrsberuhigten Teil der Einkaufsstraße, duckt sich eine Ruine im Schatten von Baukränen: die Old Town Hall, die „Tracy“ zerstörte. In der Heiligen Nacht 1974 machte der Hurrikan in einer Nacht Darwin dem Erdboden gleich. Was heute erbaut wird, ist daher häufig architektonisch nicht besonders ansprechend, aber sturmsicher. So schützen an zahlreichen Gebäuden vorgebaute Stahlgitter
Fenster und Fronten vor Ästen oder anderen Teilen, die bei einem Sturm durch die Luft gewirbelt werden. Und stürmisch wird es hier durchaus öfter – fast jedes Jahr kündigt sich der Wechsel von der „Dry Season“, der Trockenzeit von April bis September, zur „Wet Season“ mit kräftigen Winden an. Doch nass wird es meist nur am Nachmittag – vormittags brennt die Sonne das ganze Jahr über vom makellos blauen Himmel, wird in den Coffeeshops der Mitchell Street der Caffè Latte open-air genossen, während wenig weiter an der Zukunft Darwin gehämmert wird.

Mindil Beach Market
Heute ist Hauptstadt des Top End eine multikulturelle Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern aus 75 Nationalitäten; 500.000 sollen es nach dem Willen der Stadtväter bald sein. Für die erhofften Neubürger entstehen derzeit die ersten beiden „vertical villages“. Die in die Höhe gebaute „Dörfer“ vereinen auf 28 bzw. 33 Stockwerken alles, was Reiche zum Leben so brauchen: Luxusapartments, Shops, Clubs, Restaurants, Pools und Spas. Wenig weiter entsteht hinter einem hölzernen Bauzaun ein touristischer Nervenkitzel: „Swim with the Crocodiles“ – ein Krokodilsaquarium, das Besucher ab Mitte 2008 zum gemeinsamen Bad mit den Reptilien einlädt. Allerdings tummeln sich dort nicht die „Salties“, sondern nur die kleineren „Freshies“, die für den Menschen nicht gefährlichen Süßwasserkrokodile. Der benachbarte Eckblock wandelt sich zur „China Town“. Der Erlebniskomplex mit Fernost-Flair hat Darwins asiatisches Erbe als Marktücke entdeckt: Nach den Goldfunden im 200 km entfernten Pine Creek Gold strömten ab 1871 auch chinesische Arbeiter ins Northern Territory, eröffneten entlang der Cavenagh Street ihre Geschäfte und Lokale, errichteten einen Tempel – und verließen im Zweiten Weltkrieg wieder das Land. Die wenigen, die geblieben sind, halten bis heute ihre Traditionen hoch – und begehen alljährlich mit einem farbenfrohen Umzug und abendlichem Feuerwerk ihr Chinese New Year. Gefeiert wird am Mindil Beach, in der Trockenzeit Heimat des Mindil Beach Market. Jeden Donnerstag und Sonntag Abend strömen dann Menschenmassen zu den mehr als 200 Ständen mit Kunsthandwerk und Kleidung, Spielzeug und Souvenirs. Besonders aber locken die fast 60 Food Stalls mit Wok-Gerichten, deutscher Bratwust und australischen „Road Kill“: Emu, Känguru und Krokodil, kross gegrillt am Schaschlikspieß. Blues-, Jazz- und Didgeridoo-Klänge vermischen sich in der tropischen Luft, während Hunderttausende den langen Sandstrandbevölkern, picknicken und zuschauen, wie die Sonne glutrot hinter dem Horizont versinkt.
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