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Eintauchen in die Zeit der Goldschürfer

Ballarat und Sovereign Hill

Text und Fotos: Hilke Maunder

Australien - Australien - Freilichtmuseum Sovereign Hill in Ballarat

Victoria wäre wohl nie ein eigenständiger australischer Bundesstaat geworden, Melbourne keine prachtvolle Metropole, hätte es nicht den großen Goldrausch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegeben. Einem Magneten gleich zog er die unterschiedlichsten Menschen aus der ganzen Welt an. Wie sie einst lebten, zeigt in Ballarat ein Freilichtmuseum, das keine australische Antwort auf Disneyland ist, sondern sehr anschaulich und authentisch die goldene Vergangenheit Victorias aufleben lässt: Sovereign Hill.

Australien - Freilichtmuseum Sovereign Hill in Ballarat

1840 endeten die Sträflingstransporte nach Ostaustralien. Für explodierende Bevölkerungszahlen sorgten jetzt die Schatzsucher: Am 12. Februar 1851 hatte Edward Hargraves in einem See in der Nähe von Bathurst das erste Gold Australiens gefunden – einen 40-kg-Klumpen, eingeschlossen in einem Quarzblock. Als kurz darauf auch im Gebiet der Goldfields von Victoria die ersten Nuggets gefunden wurden, verwandelte sich die ferne Kolonie über Nacht zum Abenteuerland für Glücksritter aus aller Herren Ländern. Angelockt wurden auch Chinesen – bereits 1857 arbeiteten auf den Goldfeldern Victorias 24.000 Goldgräber aus Fernost. In Sydney und Melbourne entwickelten sich Chinatowns, deren exotische Farbigkeit für wildeste Geschichten über Opiumhöhlen und orientalische Bordelle sorgte. Die Goldfunde brachten auch die Opulenz des viktorianischen Zeitalters nach Australien. Stuckschmuck eroberte das Innere und die Fassade, gusseiserne Geländer und Balustraden wurden populär. In den innerstädtischen Vierteln von Sydney und Melbourne entstanden Straßenzüge mit „terrace houses“, aufwändig verzierten Reihenhäusern aus Backstein mit überdachten Veranden, Balkonen und floralem Zierart.

Zwei Jahrzehnte dauert der Rausch, dann waren die Goldminen ausgebeutet. Das Tor zu den Goldfeldern war Ballarat. 1858 hatten Glücksritter dort am Bakery Hill in 58 m Tiefe den 62,85 kg schweren „Welcome Nugget“ gefunden. Der drittgrößte australische Goldfund lockte Tausende in die größte Binnenstadt des Bundesstaates und ließ die Einwohnerzahl 1868 bereits auf 70.000 hochschnellen. Vom einstigen Reichtum zeugen zahlreiche viktorianische Prachtbauten wie das liebevoll restaurierte Her Majesty’s Theatre, üppige Gärten und das beliebteste Freilichtmuseum Australiens: Sovereign Hill. Mehr als 100 Statisten in historischen Kostümen stellen in der rekonstruierten Goldgräbersiedlung den Alltag um 1850 nach.

Australien - Australien - Freilichtmuseum Sovereign Hill in Ballarat

Juwelier und Blechschmied, Töpfer, Bäcker und Kerzenzieher arbeiten in ihren Werkstätten. Traditionelle Hotels und kleine Geschäfte, die authentische Souvenirs aus jener Zeit verkaufen, säumen die staubige Main Street. Wenig weiter wird wie einst Gold gebrochen und in Barren gegossen. Neben dem Chinesenlager, wo die Glücksritter aus dem fernen Osten in Zelten nächtigten, zeigen Digger an einem Bachlauf, wie Gold gewaschen wird, und begeistert stürzt sich der Nachwuchs auf die Blechpfannen, spült, sortiert, und wird ebenfalls fündig – lauter kleine Goldblättchen schimmern zwischen Sand und Kiesel.

Australien - Australien - Freilichtmuseum Sovereign Hill in Ballarat

Die eingewanderten Goldsucher mussten hohe Lizenzgebühren zahlen, besaßen kein Wahlrecht und durften nicht kandidieren, da sie kein Land besaßen. Als 1854 ein Goldsucher von Polizisten getötet wurde, kam es zur »Eureka Stockade«, dem einzigen bewaffneten Aufstand der Bürger in Australien gegen die Macht des Staates, der rücksichtslos überhöhte Schürflizenzen eintrieb. 22 Goldsucher und sechs Polizisten starben bei den Unruhen. Ihren Protest lässt abends das Sound & Light-Spektakel „Blood on the Southern Cross“ nacherleben – als mehrstündige Show mit nostalgischem Dinner, nächtlicher Zugfahrt, viel Pulverdampf und einem Erzähler vom Band, aber leider keinen Schauspielern, die die Ereignisse rekonstruieren. Umso präsenter ist die Fahne der Aufständischen – das „Southern Cross“, eine blaue Flagge mit einem weißen Kreuz und den fünf Sternen des Himmelsbildes „Kreuz des Südens“.

Australien - Australien - Freilichtmuseum Sovereign Hill in Ballarat

Dem Morgen des 3. Dezembers 1854, an dem die rund 200 aufständischen Goldsucher, die sich in einer improvisierten Barrikade (stockade) bei Ballarat verschanzt hatten und vom Angriff der Regierungstruppen und Polizeibataillone überrascht worden waren, widmet sich auch das 1998 eröffnete Eureka Centre an der Ecke Eureka Street/Rodier Street. Dort wird die Rebellion, die nach 20 Minuten niedergeschlagen war, als Initialzündung für die australische Demokratie gefeiert – und gleichgesetzt mit dem Sturm auf die Bastille. Der Eureka-Flagge als ältestem Symbol der australischen Demokratie ist indes in der Regional Gallery von Ballarat ein eigener Raum gewidmet.

Australien - Australien - Freilichtmuseum Sovereign Hill in Ballarat

Noch tiefer in die goldene Vergangenheit führt das Gold Museum gegenüber von Sovereign Hill, das neben den Gerätschaften der Goldsucher auch Goldmünzen aus aller Welt ausstellt. Weitere wichtige Orte des Goldrausches präsentiert die 144 km lange Goldfields Tourist Route. Von Ballarat leitet sie – markiert mit einem goldenen G in Form eines Nugget – über Daylesford nach Bendigo und weiter nach Maryborough, von dessen 1890 errichteten Bahnhofsgebäude Mark Twain gesagt hat, man habe einen Bahnhof gebaut und dann eine Stadt drum herum! Durch sanft gewelltes Weinland geht es dann vorbei an den renommierten Kellereien von Avoca, Stawell und Ararat zurück nach Ballarat.

 

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