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Punktmalereien und Froschkuchen

Adelaide in Australien: kleine Kapitale mit großer Kultur

Text und Fotos: Hilke Maunder

Australien Adelaide Skyline

Mehr Kirchen als Pubs, mehr Kultur als Probleme. Ein englisch geprägtes Idyll, umgeben von Parks, durchzogen vom Torrens River: Adelaide. Fast siebzig Prozent der Bevölkerung des Bundesstaates leben in der Hauptstadt Südaustraliens, die sich selbst stolz „Festival City“ nennt. Jedes gerade Jahr feiern mehr als eine Million Besucher im März mit dem Adelaide Festival of Arts das größte Kulturfest im asiatisch-pazifischen Raum.

Herzstück des Multi-Kulti-Mega-Events ist das futuristische Festival Centre, das 1974 im Elder Park zwischen dem Torrens River und der North Terrace errichtet wurde. Für den Vorplatz des markant weißen Baus gestaltete der Stuttgarter Künstler Otto Herbert Haek kunterbunte, abstrakte Plastiken.

Australien Adelaide Torrens river

Am Torrens River

Dass Adelaide bis heute so übersichtlich ist, verdankt die Stadt Oberst William Light. Der General-Landvermesser des ersten Gouverneurs der Kolonie nahm Catania auf Sizilien als Vorbild und legte Australiens erste Stadt, die nicht aus einer Sträflingssiedlung entstand, 1836 als Rechteck aus breiten und schmalen Straßen im Raster an, eingebettet in einen Ring von Parkanlagen. Mitten durch die Stadt verläuft der Torrens River, an dem der Botanische Garten und das Festival Centre liegen. Am Elder Park beginnen Ausflugsfahrten auf dem Fluss, die nach sechs Kilometern vorbei an Grünanlagen entlang des Ufers am Zoo enden.

Die noble North Terrace ist Adelaides Kulturmeile. Riesige Walskelette hinter Glaswänden künden vom South Australian Museum, das auf fünf Stockwerken mit mehr als 6.000 Exponaten die Natur- und Kulturgeschichte des Bundesstaates dokumentiert. Mit mehr als 3.000 Exponaten birgt seine Aboriginal Cultures Gallery die weltgrößte Sammlung von Alltagsgegenständen und Werkzeugen der Aborigines. Hinter dem riesigen Komplex erzählt das modern gestaltete Migration Museum die Geschichte der Einwanderung nach Südaustralien, die deutsche Siedler maßgeblich prägten.

Kultur im Quadrat

Ihren Ruf als Stadt der Kunst und Kultur verdankt Adelaide auch der benachbarten, 1881 gegründeten Art Gallery of South Australia, die mit 20.000 Gemälden, Drucken und Zeichnungen eine der größten Sammlungen australischer Kunst birgt. Sehenswert ist auch die umfangreiche Kollektion von Punktmalereien der Western Desert Aborigines. Ebenfalls an der vornehmsten Straße der Stadt liegen die Monumentalbauten weltlicher Macht. Das Parliament House prunkt mit einer monumentalen Front mit korinthischen Säulen, Granit und noch mehr Marmor. Das Government House, ältestes öffentliches Gebäude der Stadt und Residenz des Gouverneurs von Australien als Vertreter Ihrer Majestät, der englischen Königin, umgibt eine ausgedehnte Gartenanlage.

Australien Adelaide Parkanlage

Typisch Adelaide: Park vor Hochhauskulisse

Nicht weniger als 40 Zimmer, allesamt zwischen 1846 und 1870 gestaltet, gehören zum Ayers House, dem einstigen Wohnsitz des siebenfachen südaustralischen Premierministers Sir Henry Ayers, nach dem Ayers Rock benannt wurde. Geradezu winzig klein dagegen ist die Holy Trinity Church (1838), die älteste anglikanische Kirche Südaustraliens. Die Jam Factory for Contemporary Craft and Design schräg gegenüber an der viel befahrenen Montefiore Road gilt als eine der führenden Produktionsstätten und Ausstellungsflächen für zeitgenössisches australisches Kunsthandwerk; der gebürtige Schweizer Goldschmied Stefan Trigatti als bester Juwelier des Bundesstaates, der Kunst und Handwerk in seinen Kreationen zu einzigartigen Preziosen verschmilzt.

Australien Adelaide Museum

Tandanya: Ausstellung von Aboriginal Culture

Australiens ältestes Kulturzentrum im Besitz der Ureinwohner, das Tandanya National Aboriginal Institute, versteckt sich in einer hundert Jahre alten Nebenstation eines E-Werks in der Grenfell Street. Welche Pflanzen die Aborigines als Medizin, Nahrungsmittel und Baumaterial nutzten, verrät auch der Tappa Mai Trail im Botanischen Garten. Das Museum of Economic Botany präsentiert Nutzpflanzen aus aller Welt. Das restaurierte Palmenhaus von 1875 kontrastiert spannungsreich mit dem ultra-modernen Bicentennial Conservatory, dem größten Gewächshaus der Südhalbkugel.

Genuss im Quadrat

Ebenfalls im Botanical Garden liegt das National Wine Centre of Australia. Im Schaufenster der australischen Weinindustrie begleiten interaktive Multimedia-Exponate den Besucher bei seiner Zeitreise durch die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der australischen Weinproduktion. In der Verkostungshalle werden Weine aus ganz Australien angeboten.

Australien Adelaide Markt

Auswahl für Gourmets und ...

Adelaides Central Market ist ein Schmelztiegel der Kulturen und Genüsse. Seit 1870 werden hier täglich Obst und Gemüse, Käse, Fisch und Meeresfrüchte sowie Backwaren in einer Vielfalt und Qualität angeboten, die Feinschmecker schwärmen lässt – Probieren ist an vielen Ständen erlaubt und gewünscht. In der Markthalle gibt es auch die berühmten Frog Cakes, die die Bäckerei Balfours 1922 „erfand“: winzige Froschkuchen aus Creme und Biskuitteig, überzogen mit grünem Zuckerguss. Zum Traditionslook haben sich längst Modefarben und Sondereditionen gesellt. So schmecken die Frog Cakes heute neben Grün nicht nur in Weiß und Pink, sondern auch leuchtend rot – zu Weihnachten. Zu Ostern allerdings verwandeln sich die Frösche in gelbe Hühnchen.

Australien Adelaide Tandanya

... für Kunstfreunde

Seit 1915 kommen allabendlich „Pie Carts“ in die Stadt und stellen sich vor der Hauptpost (GPO) in der Franklin Street oder an der North Terrace vor der SkyCity Adelaide auf. Die Imbisswagen servieren einen kulinarischen Klassiker: „Pie Floaters“ – einen Teller grüne Erbsensuppe, in denen ein Fleischpie schwimmt, der mit einem Klecks Tomantenketchup verziert wird. Dazu schmeckt ein „Sparkling Ale“ aus Adelaide, gebraut von der letzten australischen Brauerei in Familienbesitz: Coopers.

Das Stammhaus von Haigh’s, der ältesten Schokoladenfabrik Australiens, liegt am Eingang der Rundle Mall, 1976 als erste Fußgängerzone des Kontinents eröffnet. Auf knapp 500 Metern drängen sich 600 Geschäfte und 15 Passagen, nur selten jedoch so luxuriös wie die nostalgische Adelaide Arcade. Gen Osten geht die Einkaufsstraße in die Rundle Street über, die Modeboutiquen, Internetcafés, In-Bars und Restaurants zum Szene-Treff machen. Besser Betuchte bevorzugen zum Shopping die Melbourne Street in North Adelaide, dem Wohnviertel der In-People, Galerien, Boutiquen und trendigen Lokale.

In einer halben Stunde rattert eine nostalgische Tram seit 1929 vom Victoria Square zum Badevorort Glenelg, der in den letzten Jahren von Investmentstrategen ein völlig neues Aussehen erhalten hat und heute in der Strandzone einer mondänen Großstadt am Meer gleicht. Nur wenig erinnert daran, dass Glenelg noch vor wenigen Jahren ein etwas in die Jahre gekommenes Strandviertel mit Patina und Charme war, wo 1836 die Unabhängigkeit des Staates proklamiert wurde. Direkt am Stadtrand beginnen auch die waldreichen Hänge der Adelaide Hills mit der Mount Lofty Range. Vom 711 m hohen Mount Summit eröffnen sich nicht nur Panoramaaussichten auf Adelaide, sondern bei klarer Sicht Fernblicke bis nach Kangaroo Island.

Reiseinformationen zu Adelaide

Auskunft: South Australian Tourist Commission, www.southaustralia.com

Anreise: Adelaides internationaler Flughafen liegt 5 km außerhalb der Stadt und wird z.B. von Frankfurt aus via Singapur von Singapore Airlines angeflogen. Anschlussflüge nach Sydney dauern 90 Minuten, nach Melbourne 60 Minuten. Zur Einreise nach Australien ist ein Visum erforderlich, dass i. Allg. bei der Flugbuchung mit ausgestellt wird.

Ausgehen:
Hindley Street, Rundle Street, Melbourne Street/North Adelaide, The Parade/Norwood sind die Zentren des Nachtlebens; dicht an dicht drängen sich hier Cafés, Bars, Restaurants und andere Szene-Locations.

Essen: 700 Restaurants machen Adelaide zu einer Schlemmermetropole. Als Gourmet-Tempel der Hauptstadt gilt The Grange im Hilton Hotel, in dem Chefkoch Cheong Liew auch „Four Dances of the Sea“ schuf – vom Magazin „Weekend Australian“ zum „australischen Nationalgericht“ befunden.

 

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