Reisemagazin schwarzaufweiss

Ameisen-Snack im australischen Busch

Unterwegs zu den geheimen Plätzen der Aborigines

Text und Fotos: Karsten-Thilo Raab

„Nganthaan-un-bi bubu“ – „Unser Land ist Euer Land“, ruft Willie Gordon zur Begrüßung. Willie Gordon ist klein, ein bisschen untersetzt. Das gräulich melierte Haar und die grauen Stellen im Bart bilden einen starken Kontrast zu seiner tief braunen Hautfarbe. Er trägt Wanderschuhe, Shorts, ein blaues Polohemd und eine blaue Schirmmütze und sieht damit gar nicht aus, wie viele sich einen australischen Ureinwohner vorstellen. „Wir sind immer noch Jäger und Sammler, doch heute machen wir das vom Auto aus“, lacht der 51jährige, der sich mit speziellen Führungen bemüht, die Kluft zwischen Aborigines und Weißen ein wenig zu verkleinern und das Verständnis für die jeweils andere Kultur zu fördern.

Australien - Aborigines - Willie Gordon

Willie Gordon

Willie Gordon gehört zum Stamm der Nugal-warra. Deren heiliges Land liegt zwischen Cooktown und Hope Vale auf der Halbinsel Cape York im äußersten Nordosten Australiens. Und eben dieses heilige Land stellt er an sechs Tagen in der Woche Interessierten vor. Er führt sie zu den Geburtsstätten seines Stammes, zeigt ihnen ein paar Staubstraßen-Kilometer westlich von Cooktown Höhlenmalereien aus den Generationen seiner Vorfahren und verrät, wie man in der Wildnis überleben kann.

„Einige meiner Stammesbrüder sind vehement dagegen, dass wir den Weißen unsere heiligen Stätten zeigen“, macht Willie, der im Jahr 2007 zum „Citizen of the Year“, zum Bürger des Jahres, in Cooktown gewählt wurde, keinen Hehl daraus, dass seine Touren bei anderen Aborigines nicht uneingeschränkt auf Begeisterung stoßen.
„Die Höhlenmalereien sind Teil unserer Geschichte und Kultur. Wenn wir diese nicht weitergeben, werden die Ideen dahinter für immer verschwinden“, erläutert Willie sein Eigenverständnis und seine Motivation. Gleichzeitig hofft er, dass weitere Stammesbrüder seinem Beispiel folgen, und so dafür sorgen, dass die Aborigines ihren angestammten Platz in den australischen Geschichtsbüchern finden.

Australien - Höhlenmalereien der Aborigines

Willie Gordon mit Höhlenmalereien der Aborigines

Leben im gesellschaftlichen Abseits

Die australischen Ureinwohner sind nachweislich bereits seit 50.000 Jahren auf dem fünften Kontinent heimisch. Sie leben in einem weit verzweigten Netz aus Clans und Stämmen in exakt festgelegten Territorien. Mehr als 200 verschiedene Sprachen trennen die Aborigines. Traditionell lebten diese als Nomaden innerhalb ihres Areals. Je nach Jagdsaison und Jahreszeit wechselten sie ihren Standort. Heute lebt das Gros der 460.000 Aborigines, die gerade einmal zweieinhalb Prozent der australischen Bevölkerung ausmachen, in festen Häusern und nimmt am Bildungssystem und gesellschaftlichen Leben teil. Obwohl den Nachkommen der Ureinwohner theoretisch die gleichen Chancen eingeräumt werden wie den Weißen, sind heute gut 40 Prozent von ihnen ohne feste Arbeit. Viele flüchten sich noch immer in Alkohol, Drogen und Gewalt. Die Lebenserwartung der Aborigines ist auch im 21. Jahrhundert noch um 20 Jahre geringer, als die der weißen Australier. Die Kindersterblichkeit ist sogar doppelt so hoch.

Australien - Auf Tour durch den Busch

Im Busch unterwegs

Der lange Weg bis zur Anerkennung und Gleichberechtigung der Ureinwohner ist gepflastert von zahlreichen düsteren Kapiteln der australischen Geschichte. Bis Ende der 1960er Jahre rissen australische Behörden rücksichtslos Aborigine-Familien auseinander und steckten den Nachwuchs in Heime, die oft Tausende Kilometer vom Zuhause entfernt lagen. Erst 1967 erhielten die Aborigines die vollen Bürgerrechte zugesprochen. Bis dahin war es ihnen vielerorts untersagt, die Städte zu betreten.
„In Cooktown verlief in meiner Jugend die Grenze entlang der Boundary Street. Die durften wir nicht überschreiten“, so Willie Gordon mit Blick auf die schweren Tage seiner Kindheit zwischen zwei Kulturen und Weltanschauungen. Er selber drückte in Brisbane die Schulbank und arbeitete zwischenzeitlich für den staatlichen Gesundheitsdienst, bevor er sich entschloss, in seine Heimat zurückzukehren und seinen Lebensunterhalt mit Führungen durch sein Stammland zu bestreiten.

„Zwei Generationen zurück kannten wir Aborigines keine Plastikflaschen, Teebeutel, Dosen oder Verpackungen“, erinnert sich Willie beim Gang durch das Gebiet der Nugal-warra an längst vergangene Zeiten, alles es alles andere als einfach war, mit simplen Mittel in der bisweilen harschen Natur zu überleben. Zudem brachte die voranschreitende Integration viele Probleme mit sich. „Meine Vorfahren nahmen zwar dankbar die Erleichterungen des Lebens und speziell der Nahrungsbeschaffung an, schmissen aber den Unrat vielfach einfach in den Wald oder Busch“, ist der 51jährige überzeugt, mit seinen Stammesbrüdern erst am Anfang eines langen Entwicklungsprozesses zu stehen. Gleichwohl will er sicherstellen, dass vieles von dem, was seine Väter und Vorväter praktizierten und vorlebten, auch für künftige Generationen nicht verloren geht. Dazu gehört auch das Wissen darüber, wie in der Wildnis überlebt werden kann.


Ameisen als Snack zwischendurch

Schon dreht sich Willie um und pflückt ein paar Blätter des Soap Bush. Er zerquetscht das Laub in den Händen und zeigt, wie mit ein paar Tropfen Wasser ein Seifenschaum für die Körperhygiene hergestellt werden kann. Als kleine Stärkung dienen ihm ein paar Minuten später fette, weiße Maden, die sich im Stamm des Grass Trees finden lassen. Höflich bietet Willie etwas von dem eiweißhaltigen Leckerbissen an. Doch fast alle lehnen dankend ab.

Australien - Maden in der offenen Hand

Eiweißhaltigen Leckerbissen: fette, weiße Maden

Als ein weiterer kleiner Snack zwischendurch müssen kurz darauf grüne Ameisen herhalten. Diese sind besonders reich an Vitamin C, schmecken nach Zitrone und werden gerne gegen Erkältung eingesetzt, fördern aber auch den Milchdurchschuss bei jungen Müttern. Etwas gewöhnungsbedürftig ist der Griff in die Ameisenstraße auf dem Ast. Noch mehr Überwindung kostet das Zerquetschen der Insekten mit den bloßen Fingern, ganz zu schweigen von dem Moment, wenn der Ameisenklumpen in den Mund gesteckt wird.

Beim nun folgenden Stopp demonstriert Willie, wie mit einem Stück Hartholz und einem Stein Feuer gemacht werden kann. Das nächste Pflanzenwunder, das er den verblüfften Hobby-Naturkundlern in seinem Schlepptau vorstellt, sind ein paar Nüsse, aus denen sich mit wenigen Handgriffen eine Sonnencreme zaubern lässt. Dann fällt der Blick auf ein mächtiges, drei, vielleicht sogar vier Meter großes Spinnennetz, in dessen Mitte eine fette goldene Seidenspinne thront.

„Früher haben die Aborigines die Spinnen getötet, die Netze eingerollt und daraus Fischfangnetze geflochten“, erläutert Willie mit Blick auf die extrem hohe Reißfestigkeit der Spinnweben, während er unvermutet stehen bleibt. Er greift nach einem Blatt an einem Busch und träufelt etwas Wasser aus seiner Trinkflasche darauf. Dann kniet er sich nieder und reicht einer kleinen Echse eine willkommene Erfrischung.

Malereien der Aborigines

Australien - Höhleneingang

Eingang zu einer Höhle

Nun folgt der Höhepunkt der kurzweiligen Buschtour. Unter einigen mächtigen Felsen befinden sich jene Höhlen, in denen seine Vorfahren Schutz und Unterschlupf suchten, und in denen ganze Generationen das Licht der Welt erblickten. Die Wände sind verziert mit unzähligen Malereien. Alle sind mit Handabdrücken des jeweiligen Künstlers signiert. Einige Motive zeigen Emus, Kängurus oder Stationen des Lebens. Andere erzählen von der Regenbogenschlange, der Rainbow Serpent oder Yirmbal. Diese mythologische Figur bewohnt, so die Vorstellung der Aborigines, während der Trockenzeit die wenigen verbliebenen Wasserlöcher und kontrolliert das Wasser als den kostbarsten Rohstoff überhaupt. Als unberechenbarer Gegenspieler der Sonne bringt sie den erhofften Regen. Sie steht deshalb als Symbol für das beginnende Leben. Ein Leben, das sich nicht für Aborigines wie Willie Gordon in den letzten Jahrzehnten massiv gewandelt hat. Denn nach 50.000 Jahren stehen die australischen Ureinwohner einmal mehr vor einem schwierigen Neuanfang. Dazu gehört auf der einen Seite die Integration und auf der anderen Seite der Erhalt von Kultur und Tradition. Ein schwieriger Spagat, zu dem die Willie Gordons unter den Ureinwohnern das Ihre beitragen wollen.

Australien - Höhlenmalerei der Aborigines

Höhlenmalerei der Aborigines

 

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