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Armenien, Kloster Sevan, Foto: Pixabay

Armenien im Überblick

Erscheint Armenien zuweilen wie ein Synonym für Katastrophen aller Art, von Völkermord bis Erdbeben, von Bürgerkrieg über Wirtschaftsruin bis Massenexodus, könnte man darüber fast vergessen, dass dieses Land am Schnittpunkt des asiatischen und europäischen Kontinents trotz aller Tragik eine große Geschichte und ein bedeutendes kulturelles Erbe sein eigen nennt.

Kreuzsteine in Armenien, Foto: Pixabay

Kreuzsteine (Foto: Pixabay)

Hier war der Schauplatz der legendären Landung der Arche Noah, hier entstand die älteste Nationalkirche der Welt und eine der wichtigsten Handelsrouten des Mittelalters, die Seidenstraße, führte quer über das armenische Hochland. Fremde Dynastien beherrschten das Land, Meder und Perser, Römer und Araber, Osmanen und Russen: Armenien geriet zum Zankapfel zwischen den übermächtigen Völkern der Region. So nimmt es nicht wunder, dass es staatliche Unabhängigkeit nur selten und für kurze Zeit erlangte. Dennoch vermochten die Armenier ihren sprachlichen und ethnischen Zusammenhang und die Kontinuität ihrer Kultur zu behaupten. Die Erinnerung an die alte Heimat stärkte ihren Gemeinschaftsgeist, doch größtes Verdienst für ihren phänomenalen Zusammenhalt in guten und in schlechten Zeiten hat die armenische Kirche.

Restaurant in Jerewan, Foto: Pixabay

Restaurant in Jerewan (Foto: Pixabay)

Nicht zu Unrecht wird Armenien als ein Freilichtmuseum bezeichnet, zeugen doch weit über 4.000 Baudenkmäler von den verschlungenen Wegen seiner historischen Entwicklung. Kulturdenkmäler und die überwältigend schönen Landschaften, dazu ein überaus gastfreundliches, herzliches Volk haben vor zwei, drei Jahrzehnten schon recht viele Besucher ins Land gelockt. In den Wirren der Nachsowjetzeit versickerte der Touristenstrom fast gänzlich. Wer heute mit einem der wenigen Spezialanbieter das Land bereist, hat mit holprigen Straßen, dürftigen Hotels und anderen Unannehmlichkeiten zu rechnen. Doch wer damit vorlieb nehmen kann, wird von einem außergewöhnlichen Reiseerlebnis erzählen können.

Ein gutes Drittel der Einwohner Armeniens lebt in seiner Hauptstadt Jerevan (Eriwan). Bei klarem Wetter beherrscht der „Schicksalsberg der Armenier“, der 65 km entfernt auf türkischem Gebiet liegende Ararat, das westliche Panorama der Stadt. Große Teile ihrer alten Viertel wurden in der Frühzeit der Sowjetherrschaft abgerissen, die Neugestaltung der Stadt in die Hände des einheimischen Architekten Alexander Tamanian gelegt. Er verschmolz nationale Traditionen und moderne Baukonzepte zu faszinierender neuer Stadtarchitektur. Großzügig angelegte Straßenzüge und Plätze entstanden und die für Jerevan so typischen Bauten aus rotem, rosa und gelbem Tuffstein und grauem Basalt. Ein Gang durch die Stadt sollte mit der Besichtigung der urartäischen Festung Erebuni aus dem 8. vorchristlichen Jahrhundert beginnen, Vorgängerin und Namensgeberin des heutigen Jerevan. Das Historische Museum gewährt Einblicke in die turbulente Geschichte von Stadt und Land, mit ländlichen Gebräuchen und Fertigkeiten macht das Museum für Volkskunst bekannt. Unter den Sakralbauten sticht ausnahmsweise ein ganz neuer Bau hervor: die Kathedrale des hl. Gregor, die von Papst Johannes Paul II. während seines Armenienbesuchs im September 2001 geweiht wurde. Einzigartig der Matenadaran, eine der umfangreichsten Handschriftensammlungen der Welt, die über 14.000, alle Wissensgebiete abdeckende Manuskripte bewahrt. Sie ist in die UNESCO-Liste „Memory of the World“ aufgenommen worden.

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Rund 20 km westlich von Yerevan liegt im Tal des Araks das Weltkulturerbe Kloster Etschmiadsin, Zentrum der armenischen Kirche, Residenz des Katholikos, des Kirchenoberhaupts. Die Kathedrale aus dem 4. Jahrhundert zählt zu den ältesten noch „aktiven“ Gotteshäusern der Welt und auch die zum Komplex gehörenden Kirchen Hripsime und Gajaneh können auf ein Alter von fast 1.400 Jahren zurückblicken. Nach dem Kloster Khor Virap südlich von Jerevan zieht es Armenier aus aller Welt, denn von keinem anderen Ort lässt sich „ihr“ heiliger Berg Ararat besser betrachten, nirgendwo ist man ihm näher. Aber da ist noch ein anderer Grund. Gregor, der Erleuchter, wurde hier 15 Jahre eingekerkert, ehe er zum Missionar Armeniens wurde und auch seinen Kerkermeister, König Tiridates III., im Jahre 303 zum christlichen Glauben bekehrte.

Durch das grandiose Gebirgsland östlich von Jerevan erreicht man Garni, einstiger Sommersitz der armenischen Könige im grünen Tal des Azat-Flusses. Hier steht der einzige hellenistische Tempel, der die Zeiten im Kaukasus überdauert hat. Unweit liegt in wildromantischer Schlucht das Höhlenkloster Geghard, verehrt von den Einheimischen als spirituelles und kulturelles Zentrum. Die fast vollständig erhaltene Klosteranlage aus dem 13. Jahrhundert zählt zum Weltkulturerbe. Eine der großen landschaftlichen Attraktionen Armeniens ist der Sewansee. Fast 1.900 m hoch im Osten des Landes gelegen, ist er mit 1.244 km² einer der größten Hochgebirgsseen der Welt (Bodensee: 538 km²). Die „blaue Perle Armeniens“ ist das sommerliche Badeparadies der Hauptstädter. An seinen Ufern erhebt sich das ehrwürdige Sewankloster aus dem 9. Jahrhundert.

Eine Rundreise durch die nördlichen Landesteile berührt Ashtarak, einst bedeutender Handelsplatz an der Seidenstraße, berühmt für seine malerische Lage und seine altarmenischen Kirchen aus dem 5. und 7. Jahrhundert. Dann geht es hoch hinauf auf 2.300 m zur schwindelerregend unter den Gipfeln des Aragaz gelegenen Festung Amberd. Der verwitterte Wehrbau ist eines der wenigen erhalten gebliebenen säkularen Baudenkmäler Armeniens aus dem Mittelalter. Jenseits der Bergkette liegt Lori, die Grenzprovinz zu Georgien. Waldreich, fruchtbar, mit reichen Niederschlägen und gemäßigten Temperaturen gesegnet, zählt diese Landschaft zum armenischen Kernland mit eindrucksvollem kulturellen Erbe wie der Kathedrale von Odzun (6. Jahrhundert), einem großartigen Beispiel frühchristlicher armenischer Architektur. Einen besonderen Ruf hat das Wehrkloster Haghpat (UNESCO-Weltkulturerbe), das in verschieden Baustufen zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert gewachsen ist. Für lange Zeit war dieser ausgedehnte Komplex eines der spirituellen mittelalterlichen Zentren Armeniens. Bibliotheken, Skriptorien und Akademien waren hier wie im benachbarten Kloster Sanahin (auch auf der Welterbeliste) selbstverständliche Einrichtungen.

Kloster Tatev, Armenien, Foto: Pixabay

Kloster Tatev (Foto: Pixabay)

Der Weg in Armeniens Süden führt zunächst durch nahezu baumloses Hochland. Eines der schönsten Klöster des Landes, Noravank, liegt etwas abseits der Route. Mit Jerevan direkt verbunden (177 km) ist dagegen der in 2.100 m Höhe gelegene Kurort Jermouk, dessen heiße Mineralwasserquellen viele gesundheitsbewusste Hauptstädter anziehen. Es wird gebirgiger. Bis über 3.500 m ragen die Gipfel auf. Strenge Winter herrschen hier und die Sommer sind heiß in den Tälern: wir durchfahren die grandiose Landschaft der Provinz Syunik, ein mit Burgruinen gespicktes Grenzland zum Iran. Herausragend die Feste Baghaberd (4. Jahrh.) und die Burg Halidzor (17. Jahrh.). Neben einer mehr als 1.300 Jahre alten Kathedrale bietet Sissian eine mysteriöse Steinsetzung auf dem Rücken eines Hügels, ähnlich der von Stonehenge in England. Die 204 aufgereihten Steine unterliegen zahllosen Deutungen. Manche halten die ca. 4.000 Jahre alte Anlage für den Überrest eines Sonnentempels. Für andere ist es nicht mehr als eine natürliche Steinformation, aber es gibt auch Forscher, die für ein frühzeitliches Observatorium plädieren.

Einer der Höhepunkte des Abstechers in den Süden ist der Besuch des Klosters Tatev auf einem Felsplateau, das an drei Seiten von unüberwindlich tiefen Abgründen umgeben ist. Seine sehenswerte Hauptkathedrale St. Peter und Paul entstand gegen Ende des 9. Jahrhunderts – eines der bedeutendsten unter den unzähligen sakralen Baudenkmälern dieses ersten christlichen Landes der Welt.

Eckart Fiene

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