Reisemagazin schwarzaufweiss

Ein Obelisk, ein Haus auf dem Dach – und immer wieder Evita

Auf Kostenlos-Tour durch Buenos Aires

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Einfach ein neues Leben anfangen, etwas ganz anderes tun – wer träumt davon nicht manchmal? Victoria Bottino hat sich diesen Traum erfüllt. Sie hat ihre Stelle als Buchhalterin gekündigt und ist um die Welt gereist. Als sie wieder zurückgekehrt ist in ihre Heimatstadt Buenos Aires, wollte sie nicht wieder zurück in den gleichen Trott. Deshalb hat sie sich entschlossen, von nun an ausländische Touristen durch ihre Stadt zu führen. Die Touren, die nicht im Panoramafenster-Bus durchgeführt werden, sondern zu Fuß, sind kostenlos – dennoch kann Victoria mittlerweile von ihrem neuen Job gut leben.

Argentinien - Buenos Aires - kostenlose Tour durch die Stadt

Wie zeigt man eine 13 Millionen Einwohner-Stadt wie Buenos Aires in zweieinhalb Stunden zu Fuß? Die Kunst liegt in der Beschränkung – die Organisation, für die Victoria arbeitet, sie heißt „Buenos Aires Free Tour“, hat zwei überschaubare, kostenlose Spaziergänge im Angebot, die an sechs Tagen pro Woche auf dem Programm stehen. Niemand meldet sich an, die Teilnehmer kommen einfach vorbei. Zum Beispiel um 11 Uhr vormittags am Plaza del Congresso, dort, wo die Rodriguez Pena-Straße in die Avenida Rivadavia mündet.

Argentinien - Buenos Aires - Kongressgebäude

Kongressgebäude

Victoria Bottino, die sich als Vici vorstellt, trägt ein leuchtend grünes Sweatshirt und ist deshalb leicht zu erkennen. Sie konzentriert sich inhaltlich nicht auf bauhistorische Informationen zu dem imposanten Kongressgebäude, dessen Kupferdom Richtung Himmel ragt, sondern sie beginnt mit Abstechern in die Geschichte. Im Jahr 1947, so berichtet sie, hat der Kongress auf Initiative der Präsidentengattin Eva Perón, die als Evita als eine Art argentinische Nationalheilige verehrt wird, hier das Frauenwahlrecht beschlossen – von dem Evitas Mann bei den Wahlen im Jahr 1951 dann profitieren konnte. Rund dreißig Jahre später, von 1976 bis 1982, in der Zeiten der argentinischen Militärdiktatur, war das Parlament, das sich sonst im Kongress zu Gesetzgebung traf, abgeschafft, und der argentinische Präsident entschied allein über die Gesetze. „In dieser Zeit war der Kongress geschlossen, nur zwei Leute arbeiteten damals in dem riesigem Gebäude“, berichtet Victoria.

Argentinien - Buenos Aires - Palacio Barolo

Palacio Barolo

Gut und Böse, ja sogar Himmel und Hölle, können nah beieinander liegen, das wird den Teilnehmern an Victorias City Tour wenige Minuten später klar – in der Avenida de Mayo, oder, wie die Porteños, die Bewohner von Buenos Aires, es aussprechen, in der „Avenida de Mascho“. Dort sticht ein Gebäude aus den anderen, großen Prachtbauten und Stadtpalästen heraus: Der Palacio Barolo, 100 Meter hoch und 22 Stockwerke umfassend, war ursprünglich als Mausoleum für den italienischen Dichter Dante Alighieri gedacht. Sowohl Bauherr Luis Barolo wie auch Mario Palanti, der Architekt des von 1919 bis 1923 gebauten Palacio, waren italienischer Herkunft – wie viele Argentinier. Die Nutzung als Mausoleum klappte nicht, dennoch ist der Palast, der getreu der „göttlichen Komödie“ in Himmel und Hölle aufgeteilt ist, in vielfältiger Weise mit dem Dantes Werk verbunden – und er war im Jahr seiner Eröffnung zudem das höchste Gebäude ganz Lateinamerikas.

Argentinien - Buenos Aires - Volksheldin Evita an einer Hauswand

Volksheldin Evita an einer Hauswand

Solche Superlative hat man in Argentinien durchaus gerne. „Wir sind freundlich, aber wir sind auch Snobs“, verrät Victoria Bottino, die ebenfalls italienische Vorfahren hat, als wir die Avenida 9 de Julio erreichen. Die drei Kilometer lange Prachtstraße, erbaut von 1935 bis 1960, hatte die Pariser Champs Elysées zum Vorbild. Stolze 140 Meter ist die 20-spurige Avenida breit. „Aber, ganz im Vertrauen, auch wenn es immer wieder behauptet wird, die Avenida 9 de Julio ist nicht die breiteste Straße der Welt, in der brasilianischen Hauptstadt Brasilia gibt es eine Straße, die nicht 140, sondern 250 Meter breit ist – aber das muss unser Geheimnis bleiben“, sagt Victoria augenzwinkernd. Kein Geheimnis hingegen ist es, wen die schwarzen Striche darstellen sollen, die auf der weißen Fassade eines Hochhauses, in dem das Gesundheitsministerium untergebracht ist, eine Frau skizzieren, die in ein Mikrofon spricht: Es ist, wie könnte es anders ein, die Volksheldin Evita.

Argentinien - Buenos Aires - Im Café Tortoni

Im Café Tortoni

Einige Minuten später, in der Avenida de Mayo, ein erneuter kurzer Halt. Das Café Tortoni ist über 150 Jahre alt und eine Institution in Buenos Aires. Im hinteren Teil des Gastraums sitzen ehemalige Stammgäste, die Schriftsteller Jorge Luis Borges, Federico García Lorca und Alfonsina Storni, als grau gekleidete Pappfiguren an einem Tisch. Doch statt über die Geschichte des Tortoni zu berichten, über die ohnehin in jedem Reiseführer etwas steht, weiht uns Victoria Bottino in die Geheimnisse der argentinische Kaffeekultur ein. Wer einen Espresso mit etwas Milch haben möchte, sollte einen Cortado bestellen, den wohl beliebtesten Kaffee in Argentinien. Der reine Milchkaffee – Cafe con leche – besteht hingegen zur Hälfte aus Milch. „Cafe con Leche trinken wir aber wirklich nur zum Frühstück“, berichtet Victoria, und gibt experimentierfreudigen Naschkatzen noch einen besonderen Tipp – den „Submarino.“ Eine Tasse heiße Milch, zu der ein Riegel dunkler Zartbitter-Schokolade gereicht wird, die anschließend in der Milch aufgelöst wird.

Argentinien - Buenos Aires - Victoria Bottino

Victoria Bottino bei einer Führung

Die Kaffeepause fällt diesmal aus, schließlich gibt es in der Stadt noch viel zu sehen. Das Herz von Buenos Aires, die Plaza de Mayo, ist nicht mehr weit. Benannt ist der Platz nach dem Mai 1810 – damals befand sich Spanien gerade unter der Kontrolle Napoleons und die Einheimischen nutzten diese Situation, um den spanischen Vizekönig abzusetzen, der das Land bis dahin regierte. Sechs Jahre später, am 9. Juli 1816, erlangte Argentinien seine komplette Unabhängigkeit. Damals stand das Hauptgebäude am Plaza de Mayo, der Präsidentenpalast Rosada, noch nicht. Warum die Rosada ausgerechnet pink gestrichen ist, weiß niemand so ganz genau. „Eine Theorie besagt, dass die Farbe wasserfest sein sollte, deshalb vermischte man Kuhfett und Ochsenblut“, berichtet Victoria. 1986, so erklärt sie weiter, präsentierte Maradona auf dem Balkon der Rosada den WM-Pokal – und Jahrzehnte vorher, wir könnte es anders ein, hat von diesem Balkon aus Evita zum Volk gesprochen.

Argentinien - Buenos Aires - Präsidentenpalast Rosada am Plaza de Mayo

Präsidentenpalast Rosada am Plaza de Mayo

Der Cabildo, der ehemalige Herrschaftssitz der Vizekönige, liegt der Rosada direkt gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes. Nicht weit von Cabildo entfernt steht die Dreifaltigkeitskirche. In ihr wirkte Jorge Mario Bergoglio als Erzbischof, bevor er im März 2013 zum Papst gewählt wurde. In einer Gruft innerhalb der Kirche findet sich das Mausoleum des südamerikanischen Freiheitskämpfers José de San Martín.

Argentinien - Buenos Aires  - in der Dreifaltigkeitskirche

In der Dreifaltigkeitskirche

Die Plaza de Mayo ist jede Woche das Ziel mehrerer Demonstrationen. Die Kundgebung mit den längsten historischen Wurzeln findet jeden Donnerstagnachmittag statt. Dann laufen zwei Gruppen von Müttern, deren Söhne und Töchter während der Militärdiktatur verschwunden sind, circa dreißig Minuten lang im Kreis, um an ihre vermutlich ermordeten Kinder zu erinnern. Die alten Damen wirken zum Teil schon recht gebrechlich – und sie sind in unterschiedlich ausgerichtete Gruppierungen unterteilt, die sich nicht recht grün sind. Vor allem eine der beiden Gruppen ist eng mit der jetzigen Regierung verbunden. „Die meisten Argentinier unterstützen die Mütter jetzt nicht mehr“, glaubt Victoria Bottino. „Als sie anfingen, ging es bei ihren Einsatz um die Menschenrechte. Jetzt haben sie ein hohes Budget und viele von ihnen demonstrieren vor allem wegen dem Geld“, erläutert Victoria. Deutlich mehr Sympathien haben bei ihr da schon die Großeltern vom Plaza de Mayo - das sind Menschen, die nach ihren Enkeln suchen, die während der Militärdiktatur verschwunden sind bzw. geraubt wurden. Viele dieser gestohlenen Kinder wurden in Adoptivfamilien gebracht – und erfuhren dort meist nicht, wer ihre wirklichen Eltern waren. „Seit es diese Initiative gibt, wurden schon mehr als 100 Enkel gefunden, die meisten von ihnen sind inzwischen zwischen 30 und 35 Jahre alt.“

Argentinien - Buenos Aires - Demonstration

Demonstration

Nach dem Ausflug in die Politik führt uns Victoria zurück zur Avenida 9 de Julio. Denn eines ist klar, wer nach Buenos Aires kommt, der muss ihn sehen: den 67 Meter hohen Obelisken, der 1936 erbaut wurde – zum 400-jährigen Jubiläum der Stadt. Bevor man die Avenida 9 de Julio errichtete, eine Prachtstraße, für die auf einer Strecke von drei Kilometern eine ganze, rund 100 Meter breite Häuserzeile weichen musste, stand an seiner Stelle eine Kirche. Doch ein Bauwerk, wie der Obelisk, das jeder kennt und jeder sehen kann, ist nicht das Hauptthema Victorias. Sie stellt ihren Gästen vielmehr die Frage, wo denn das nächste Haus zu finden sei. Denn in Buenos Aires, insbesondere hier im Zentrum, gäbe es zwar eine Menge größere Gebäudekomplexe, aber so gut wie keine Einfamilienhäuser.

Argentinien - Buenos Aires  - Obelisk in der Avenida 9 de Julio

Obelisk in der Avenida 9 de Julio

Doch damit lockt sie ihre Besucher aufs Glatteis – denn das nächste Haus steht nur wenige Dutzend Meter entfernt, zentral gelegen, und liegt doch vergleichsweise versteckt. Und wo bitte soll dieses Haus sein? Victoria deutet nach oben, und tatsächlich, auf dem Dach eines Hochhauses aufgesetzt steht ein schnuckeliges kleines Wohnhaus. „Das Haus gehörte dem Inhaber eines Möbelgeschäfts, er hatte nicht genug Zeit, zum Mittagsessen und zum Mittagsschlaf in seine Villa außerhalb des Stadtzentrums zu gehen, also hat er sich dieses Haus im Jahr 1927 hier auf dem Dach gebaut.“ Das „Chalecito de Don Diaz“ wurde das Häuschen früher genannt - eine Sehenswürdigkeit, die leicht übersieht, wer in Buenos Aires allein unterwegs ist.

Da lohnt es, sich einer Führung von Buenos Aires Free Tour anzuschließen. Doch wie kam Gastón Cernada, der Gründer des Unternehmens, eigentlich auf die Idee mit den kostenlosen Stadttouren für Individualreisende? Victoria verrät es uns. Bei einem Besuch in Berlin entdeckte er vor über fünf Jahren ein ähnliches Angebot, das ihn begeisterte. Und obgleich die Touren kostenlos sind – ein Trinkgeld am Ende des Rundgangs wird natürlich gern genommen. Gästen, die noch mehr von der faszinierenden Metropole sehen möchten, bietet Buenos Aires Free Tour sogar noch eine zweite kostenfreie Führung an. Sie startet am Plaza San Martin, führt von dort aus durch die aristokratischen und noblen Viertel Retiro und Recoleta – und endet vor dem Friedhof von Recoleta, auf dem seit dem Jahr 1976 auch die Volksheldin Evita beigesetzt ist.

Argentinien - Buenos Aires - Wohnhaus auf einem Hochhausdach in der Avenida 9 de Julio

Wohnhaus auf einem Hochhausdach in der Avenida 9 de Julio

 

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