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Andorra im Überblick

Gefragt, was das Geheimnis der weltweit höchsten Lebenserwartung sei, derer sich die Andorraner erfreuen, antwortete der Ministerpräsident des Landes: „Es muss an den kalten Wintern liegen, die uns so gut konservieren.“ Oder an der reinen, frischen Gebirgsluft, gepaart mit einer gehörigen Dosis Frustshoppen, wie ein Spaßvogel vermutet.

Das Vall del Madriu Perafita Claror

Das Vall del Madriu Perafita Claror

Worauf er anspielt, lässt sich in der Hauptstadt Andorra la Vella beobachten, wo man sich am falschen Platz wähnt angesichts endloser Reihen von Outlets, Boutiquen, Shopping Malls, umlagert von Einheimischen und Kaufwütigen, die in Bussen aus Barcelona herangekarrt werden oder in Pkw-Kolonnen aus den französischen Nachbardépartements anreisen. Was die Statistiken ohnehin verraten, kann man hier mit eigenen Augen sehen: die überwältigende Mehrheit der Besucher strebt nicht etwa in das Naturparadies Andorra, sondern in das Einkaufsparadies gleichen Namens. So nimmt man denn klaglos den Dauerstau auf der Haupteinkaufsmeile hin und mit der frischen Luft ist es dann auch vorbei.

Auslöser des Kaufrauschs ist das eigenartige Zoll- und Steuersystem Andorras. Auf Konsumartikel und Benzin wird kein Zoll erhoben. Seit dem 1.1.2015 müssen im Land ansässige Personen Einkommensteuer zahlen. Auch wurde 2007 eine Kapitalertragssteuer eingeführt und 2012 eine bescheidene Körperschaftssteuer. EU-Bürger müssen seit Juli 2005 Quellensteuer entrichten. Selbst eine Erbschaftssteuer ist im Gespräch. Seit Anfang 2013 gilt eine Mehrwertsteuer von durchschnittlich 4,5 % auf die meisten Waren und Dienstleistungen, was den Einkauf von Luxusartikeln (Schmuck, Antiquitäten, Designermode) besonders attraktiv macht. Aber auch bei Sportartikeln, Kosmetika, Unterhaltungselektronik, selbst Lebensmitteln und IT-Zubehör liegen die Preise um etwa 25 % niedriger als in Spanien oder Frankreich. Das Bankgeheimnis der früheren Steueroase wurde unter internationalem Druck transparenter und es wurde zugesichert, bei Steuerbetrug und Steuerhinterziehung künftig Amtshilfe zu leisten. Sein schlechtes Image in Finanzangelegenheiten wird Andorra nicht so bald loswerden, sah sich doch Regierungschef Martí im März 2015 gezwungen, Administratoren für die Banca Privada d`Andorra einzusetzen, die im Verdacht steht, „hohe Summen Schwarzgeld aus Quellen internationaler Verbrecherbanden, insbesondere der russischen Mafia und des (…) chinesischen Unternehmers Gao Ping gewaschen zu haben. Auch seien Milliardenbeträge des mexikanischen Sinalao-Kartells hinzugekommen.“

NaheDie Casa de la Vall, das Parlament des Fürstentums

Die Casa de la Vall, das Parlament des Fürstentums

Neben den glatten, gesichtslosen Konsumpalästen der Hauptstadt fällt die historische Casa de la Vall, das aus Bruchsteinen erbaute kleinste Parlament Europas, besonders ins Auge. Der festungsartige Bau entstand 1580 im Stil eines katalanischen Herrenhauses. Er zeigt Verteidigungselemente wie Pechnasen, Schießscharten und einen Turm. Seit 1702 tagt hier das Parlament, der Generalrat, des Fürstentums. In der Nähe findet man mit der Kirche Sant Esteve ein weiteres Beispiel für die traditionelle Granit-Architektur Andorras. Ihr romanischer Ursprung reicht ins 12. Jahrhundert zurück.

Wintertourismus heißt das große Projekt des Landes. Viel Geld wurde in den letzten Jahren in die Erschließung neuer und in die Modernisierung alter Wintersportzentren gesteckt. Es entstanden Schneegärten für die Kleinsten, Skilifte und Kabinenbahnen wurden gebaut, Schneekanonen angeschafft, Spazierwege eingerichtet – schließlich gibt es nirgendwo auf der iberischen Halbinsel bessere Bedingungen für Schneetourismus und Wintersport als in Andorra. Herausragend: Grandvalira im Osten des Fürstentums mit nicht weniger als 200 km gepflegten Pisten aller Schwierigkeitsgrade, Dutzenden Skilifts, Freestyle-Anlagen, Restaurants und Hotels und das alles in Höhen zwischen 1.710 m und 2.640 m. Ein anderes Zentrum des Schneevergnügens ist Vallnord im Nordwesten. Rund 100 km Pisten warten auf Spaziergänger und Sportler. Wagemutige können sich mit Skimobilen und Heliskiing vergnügen und viele Einrichtungen zielen auf ein jüngeres Publikum, das sich für Freestyle, Freeride und Half Pipe begeistert. Das für seine zahllosen hochklassigen Events berühmte Gebiet von Vallnord liegt zwischen 1.940 m und 2.625 m Höhe. Als weiteres Winterziel hat Naturlandia einen guten Ruf erworben. Hier kann man bei herrlichem Panorama in 2.000 m Höhe Nordischen Skisport auf einem 15 km – Kurs betreiben. Es gibt eine Eislaufbahn und als besondere Attraktion den „Tobotronc“, der mit 5,3 km Streckenlänge weltweit von keiner anderen natürlichen Berg- und Talbahn übertroffen wird.

Skifahren in Andorra

Schwerpunkte des andorranischen Sommertourismus sind traditionell das Wandern und Bergsteigen. Auch für Wellness-Reisen ist man gut gerüstet, war doch Andorra eines der ersten Ziele des integrierten Gesundheitstourismus. Caldea ist einer der größten europäischen Spa-Komplexe, der gespeist wird aus Thermalquellen und wirklich keinen Wunsch unerfüllt lässt: Im Sommer wie im Winter ein idealer Ort, um den Körper zu pflegen und Ruhe und Entspannung zu finden. Man versucht auch die internationale Golf-Community für Andorra zu interessieren. Zu gerne würde man sie auf Europas höchstgelegenem Golfplatz Grandvalira Golf Soldeu in 2.250 m Höhe begrüßen. Von Mitte April bis Ende September können Sportangler an den vielen kleinen Seen und Flüssen ihr Glück versuchen.

Der Spa-Komplex Caldea

Der Spa-Komplex Caldea

Für Wanderer wurden neue „Öko-Routen“ eingerichtet, die in Begleitung lizenzierter Reiseführer erkundet werden können. Sie berühren die reizvollsten andorranischen Naturräume und bieten unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Wer auf eigene Faust die Bergwelt erwandern will, wird in den örtlichen Fremdenverkehrsbüros gerne beraten. Hier sind Wanderkarten erhältlich und Verzeichnisse der rund dreißig Schutzhütten (das können alte, kürzlich restaurierte Schäferhütten sein), die einen Mindestkomfort garantieren. Außerdem nehmen drei bewirtschaftete Schutzhütten Wanderer und Bergsteiger auf. Zu den Höhepunkten der imposanten Hochgebirgslandschaft zählt der Naturpark Comapedrosa-Täler, rund um Andorras höchsten Gipfel, den Comapedrosa (2.942 m). Hier bekommt man Gämsen zu Gesicht, Bartgeier und Königsadler, stößt auf Enzian, Pyrenäen-Hornkraut und viele andere Pflanzen, wie sie typisch sind für alpine und subalpine Höhen. Ein wahres botanisches Paradies lässt sich im Sorteny-Naturpark erwandern. Mehr als 700 Pflanzenarten sind hier heimisch, darunter über 50 endemische Arten. Viele von ihnen werden seit Menschengedenken wegen ihrer heilenden Wirkung gesammelt, präpariert und auf Märkten angeboten.

mehr zu: Weltkulturerbestätten in Andorra

Fast 10 % der Fläche Andorras nimmt das Madriu-Perafita-Claror-Tal ein. Seit 2004 zählt das von Gletschern und gewaltigen Muren geformte Terrain zum UNESCO-Weltkulturerbe. Hier lässt sich erfahren, wie im 13. Jahrhundert geschaffene Besitzverhältnisse und Organisationsstrukturen überlebten und wie in dieser rauen Landschaft mittels Heimindustrie (Holzkohleherstellung, Eisenschmelze) und Land- und Weidewirtschaft (man sieht Scheunen, Schafpferche, Trockenmauern, Bewässerungsgräben, terrassierte Felder) nachhaltig gewirtschaftet wurde. Berühmt ist der Granitplatten-Weg, der die Täler mit dem Roussillon im Osten, dem Languedoc im Norden und Katalonien im Süden verbindet. Schmale Naturpfade führen durch Torfmoore und Heideland und begleiten Uferwälder, Bartgeier kreisen über tief eingeschnittenen, dicht bewaldeten Tälern, man hört den Raufußkauz rufen und mit etwas Glück wird man Auerhuhn und Alpenschneehuhn sichten.

Noch ein Wort zur Gastronomie im Fürstentum. Ihr oberstes Gebot lautet: Nur einheimische Produkte verwenden! Doch hat man sich den kulinarischen Einflüssen der Nachbarn nicht verschlossen und eine perfekte Verbindung von traditioneller Gebirgsküche und französischen wie katalanischen Ideen kreiert. Aber überall erhält man auch noch das bodenständige, kräftige, hocharomatische Gericht aus Pilzen oder Flussforellen, aus Kartoffeln, Bauchspeck und Kohl, aus Wildbrett oder gerösteten Schnecken, aus deftigen Würsten oder in Schmalz gebratenen Schweinerippen.

Bei den Streifzügen durch Andorras Landschaften stößt man häufig auf eindrucksvolle, breit hingelagerte und uralt erscheinende Kirchen. Die aus Granitgestein errichteten Gotteshäuser stammen aus dem11., andere aus dem 12. Jahrhundert, der hohen Zeit der andorranischen Romanik, als in den urbanen Zentren Europas bereits die Gotik Einzug hielt. Es sind kleine, lombardischen Vorbildern nachempfundene Bauten, nach außen schlicht, aber innen mit überschwänglichen Verzierungen und wunderschönen Wandmalereien ausgestattet. Einblick in die romanische Kunst und Architektur Andorras vermittelt das Romanik-Informationszentrum in Pal (Centre d`Interpretació Andorra Romànica), wo man alles über die Stilentwicklung und seine künstlerischen Ausdrucksformen erfährt. Pal selbst beherbergt mit der Kirche Sant Climent einen der bedeutendsten romanischen Sakralbauten Andorras vom Ende des 11. Jahrhunderts. Sehenswert ist auch die im Tal des Riu Valira del Nord gelegene Kirche Sant Martí von La Cortinada oder das ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert stammende urtümliche Ensemble aus einem Wehrturm, der Kirche Sant Romà und einem aus dem Fels geschlagenen Wasserspeicher in Les Bons. Die in Encamp, im Tal des Riu Valira d`Orient gelegene romanische Pfarrkirche Santa Eulalia mit ihrem 23 m hohen Glockenturm entstand schon im 11. Jahrhundert wie auch die Kirche Sant Joan de Caselles in Canillo, die wie kaum eine andere Kirche das für die andorranische Romanik so typische Architekturschema verkörpert: Rechteckiges Schiff, hölzerner Dachstuhl, halbrunde Apsis, Glockenturm im lombardischen Stil. Beispielhaft für romanische Brücken des 12. Jahrhunderts ist der Pont de La Margineda, der Andorras größten Fluss, den Valira, in einem ebenso kühnen wie anmutigen Bogen überquert und auch die Brücke von Sant Antoni de la Grella stammt noch aus dem Mittelalter.

Pont de La Margineda

Pont de La Margineda

Mehr als zwanzig Museen haben sich der Aufgabe verschrieben, ihre Besucher mit dem reichen historischen und kulturellen Erbe des Fürstentums vertraut zu machen. Im Sanktuarium Nostra Senyora de Meritxell, das Andorras Schutzheiliger Santa Maria gewidmet ist, erfährt man viel über die religiösen Traditionen des Landes und in den ethnographischen Museen Casa Cristo und Casa Rull wird das Alltagsleben des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wieder lebendig, Zeugnisse der Arbeit und Sparsamkeit einer bäuerlichen Gesellschaft. An eine noch gar nicht so weit zurückliegende Zeit, als Anbau und Verarbeitung von Tabak eine der Haupterwerbsquellen der Andorraner waren, erinnert das Museu del Tabac und auch eine der letzten aktiven Schmieden des Fürstentums, Farga Rossell, in der bis 1876 Roheisen zu Barren verarbeitet wurde, kann besichtigt werden.

 



Text: Eckart Fiene
Photos © Andorra Turisme, SAU

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