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Noch ist die Luft feucht von der Winterkühle der Kanäle, das Kopfsteinpflaster allmorgendlich bedeckt von Tau und in den Scheiben der alten Kontorhäuser entlang der Wasserlinien spiegeln sich die Hausfronten von gegenüber durch den Dunst wie in milchigem Glas. An den Geländern der Grachtenbrücken hängen Tropfen von den Handläufen wie endlose Diamantenschnüre, und während die Taue der Hausboote sich an ihren Poldern scheuern, weil ein Schnellboot der Post vorbeigeflitzt und für kurzzeitigen Wellengang gesorgt hatte, fährt ein nicht mehr ganz junges, aber ganz schickes Paar auf dem Tandem vorbei zur Arbeit. Haustüren öffnen sich, Hunde laufen alleine Gassi und die Glocken der nahen Noorderkerk übertönen das Gurren zahlloser Tauben. In der Luft hängt das Aroma von frischgebackenem Brot und, wie Romantiker behaupten, von "Tabak und Jenever", denn hier, im Stadtteil Jordaan ist die Bohéme Amsterdams zuhause, so, wie im Montmatre von Paris oder im Trastevere Roms.

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Der Jordaan ist das älteste Viertel Amsterdams, hier entstanden die Arbeitersiedlungen während der Stadtgründung zwischen 1613 und 1650, hierher verbannte man jahrhundertelang alles weniger vornehme, laute und stinkende aus den wohlhabenden Gegenden um die Grachten der Innenstadt: Handwerksbetriebe wie die der Faßmacher, Gerber und Färber, der Dachdecker, Papier- und Hutmacher, Metzger, Tauzieher, Schnapsbrenner und – logisch, daß auch die Seeleute sich hier ansiedelten. Jordaan, über dessen Namensgebung man nur spekulieren kann, ob sie dem Jordan Fluß oder als Verballhornung dem französischen "Jardin" entlehnt ist, war das Armenviertel Amsterdams, das völlig übersiedelt war, in feuchten Wohnungen, ohne hygienischen Standard. Dennoch zogen unaufhaltsam Neuankömmlinge nach Jordaan. Auch Intellektuelle, Linke, Immigranten, Künstler – Rembrandt hatte Zeit seines Lebens eine "Gemäldefabrik" in der Bloemgracht und er lebte seine letzten Jahre in der Rozengracht. In Jordaan war jeder sicher vor allen Behörden der Welt, sagte man, denn die Umstände, in denen schon im 18. Jahrhundert über 150 verschiedene Nationalitäten auf engstem Raum zusammenlebten, ließ den Jordaanern nur die Alternative zwischen ständigem Streit untereinander oder dem festen Zusammenhalt gegen den Rest der Welt, wenn notwendig. Daß sie sich für die letzte Variante entschieden, prägte den Charakter des Viertels, der bis heute in Reinkultur erhalten ist.

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