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Ein Symbol des neuen Albanien

Männer, ob jung oder alt, prägen das Bild in der Öffentlichkeit. Sie sitzen überall herum und trinken Kaffee im Café oder Raki in der Taverne, sitzen einfach nur da unter Markisen oder Sonnenschirmen, sitzen auf Parkbänken und rauchen oder spielen Domino, sitzen allein, zu zweit, in Gruppen. Sie sitzen und spielen Karten, spielen Schach, lesen Zeitung, palavern, verhandeln oder schweigen. Aber sitzen tun sie überall. Und wenn man in die zerfurchten, aber entspannten Gesichter der alten Männer schaut, dann hat man den Eindruck, dass sie hier schon ewig sitzen und in alle Ewigkeit sitzen werden.

Albanien Süden Dominospiel
Da sitzen sie nun ...

Wer nicht irgendwo herumsitzt, fährt Mercedes. Denn Mercedes heißt das unumstrittene und allgegenwärtige Symbol des neuen, postkommunistischen Albanien. Mercedes ist für die Albaner offenbar der Inbegriff des Automobils, seit König Zog 1938 von Adolf Hitler zur Hochzeit ein knallrotes Modell geschenkt erhielt und weil die Staatskarosse Enver Hoxhas ebenfalls aus Stuttgart kam. Mehr als die Hälfte des albanischen Pkw-Bestandes, ob in der Hauptstadt Tirana oder im hintersten Gebirgstal, besteht aus Mercedes. Es sind meist betagte Veteranen der Landstraße, zehn, zwanzig, dreißig Jahre alte Modelle, die auf den holprigen, manchmal gar nicht vorhandenen Straßen des Balkans einen beschwerlichen Lebensabend souverän meistern.

Albanien Süden Im Park
... und sitzen ...

Die Mercedes-Manie will angemessen gehegt werden, und deshalb sind an den Straßenrändern in Albanien nicht nur Bunker und Bauruinen aufgereiht, sondern auch unzählige improvisierte Autowaschanlagen. Ein wackliges Dach, zwei Wasserschläuche und ein Staubsauger genügen dafür. Das Schild mit der Aufschrift „lavazh“ steht vor Cafés und Restaurants, neben Kirchen und Moscheen, vor Tankstellen sowieso und manchmal auch neben einem Feld, auf dem die Bauern Unkraut jäten und ein Esel in der Sonne döst.

Albanien Süden Männer
... und sitzen

Von den Bauern stammen die letzten weit verbreiteten Bauwerke am Straßenrand: kleine Kioske, provisorisch zusammengezimmert aus Balken, Brettern und Plastikplanen. Das schäbige Äußere birgt eine kulinarische Pracht aus Kirschen und Zitronen, Melonen, Tomaten und Möhren - was immer die Jahreszeit zu bieten hat, gewachsen ohne EU-Norm, geerntet zum Verzehr und nicht zum Transport durch halb Europa. Obst und Gemüse haben noch Formen, Farben und Geschmack, wie sie ursprünglich gemeint waren. Ein bisschen Wahrheit also enthält die Geschichte, die von den Albanern gern erzählt wird: Als der liebe Gott eines Tages durch die Welt streifte und mit Schrecken sah, was die Menschen aus der Erde gemacht hatten, traf er schließlich auch in Albanien ein. Nur hier, so stellte er fest, war alles so geblieben, wie er es geschaffen hatte.

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