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Inkarnation eines archäologischen Traums

König Zog I., selbsternannter Monarch von italienischen Gnaden, wollte Albanien modernisieren und, wenn auch verspätet, ins zwanzigste Jahrhundert führen. Nach zehnjähriger Regentschaft aber wurde sein kleines Reich von Mussolini einkassiert, der König floh nach Griechenland, und um die Unabhängigkeit von Shqipëria war es erst einmal geschehen. Die Italiener ließen Sümpfe trockenlegen und begannen den Ausbau des noch heute existierenden Straßennetzes. Auf der Suche nach der heroischen Vergangenheit Italiens schickte Mussolini schon zu König Zogs Zeiten Archäologen nach Butrint, das antike Buthrotum, um dort die römischen Ruinen freizulegen. Was sie dort, auf einer Halbinsel zwischen Lagune und Ionischem Meer, fanden, war freilich weitaus mehr als römische Architektur.

Albanien Süden Teich in Butrint
Das Wasser steht heute höher als zu römischer Zeit

Butrint ist die Inkarnation eines archäologischen Traums, eine gewaltige Ausgrabungsstätte mit griechischem Theater, römischen Bädern, byzantinischer Basilika, orthodoxem Baptisterium, venezianischem Turm, Mosaiken aus zahlreichen Epochen und Mauern aus zwei Jahrtausenden. Zur Lagune hin, Butrint war von Beginn an eine Hafenstadt, stehen noch die Verteidigungsanlagen der Illyrer aus dem vierten Jahrhundert vor Christus, gegen die seit mehr als zwei Jahrtausenden das Wasser plätschert. Die Fundamente sind teilweise freigelegt, manchmal sinnvoll rekonstruiert, anderswo auf der Suche nach Spuren der römischen Antike gedankenlos zerstört. Man spaziert durch Jahrhunderte mediterraner Geschichte und Architektur. Vieles ist von Lorbeerbäumen und dichtem Eichenwald überwuchert, in dem man immer wieder auf Mauerwerk trifft: mächtige Steinquader oder Backsteinkonstruktionen, in die sich Baumwurzeln verschlungen haben. Seit 1992 gehört die gesamte Anlage zum Weltkulterbe der Unesco.

Albanien Süden Tor in Butrint
Mächtige Steinquader der Antike

An der Schnittstelle zwischen Griechenland und Italien ist vor allem die Küste mit Überresten der Antike übersät, aber ausgegraben ist kaum etwas. Apollonia, westlich des Provinzstädtchens Fier, ist so ein schlummernder Schatz: Hier liegen, unter der Erde verborgen, die Überreste einer antiken Stadt mit sechzigtausend Einwohnern und einem Hafenbecken, das mehr als hundert Schiffe fasste. Durch ein Erdbeben wurde sie im dritten Jahrhundert nach Christus zerstört, von den Bewohnern verlassen und danach einfach vergessen.

Albanien Süden Butrint
Antike Ruinen - von der Natur überwuchert

Auf dem Weg nach Apollonia fährt man durch Felder und Macchia, vorbei an Hoxha-Bunkern und Gänseherden. Höchstens ein Zehntel der Anlage ist freigelegt. Marin Haxhimihali, der Direktor des Archäologischen Parks, spricht von einem albanischen Pompeji: „Wenn man hier in vernünftigem Tempo und nach neuesten Erkenntnissen weitergraben würde, bräuchte man zwei Jahrhunderte, um alles aufzudecken“, sagt er. Einstweilen jedoch ist Apollonia weniger eine Attraktion für Kulturtouristen als ein sonntägliches Ausflugsziel für Familien, die hier unter Eichen und Olivenbäumen Picknick machen und die Kinder über die Mauerreste toben lassen.

Weitere Grabungen sind in Apollonia bloß eine Geldfrage, in Durrës sind sie ein praktisch unlösbares Problem. Denn dort steht die gesamte moderne Stadt mit Wohnblöcken und Hochhäusern auf den Grundmauern einer antiken Siedlung der Illyrer und Griechen, die zu römischer Zeit hunderttausend Einwohner hatte. Das Amphitheater, zwanzig Meter hoch und hundertzwanzig Meter im Durchmesser, fasste fünfzehntausend Besucher und ist inzwischen rudimentär freigelegt worden, obwohl es von allen Seiten durch moderne Gebäude bedrängt wird, unter denen ebenfalls archäologische Schätze liegen. Doch wie soll man jemals daran kommen?

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