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Die steilste Stadt der Welt

Ismail Kadaré, der bedeutendste albanische Schriftsteller der Gegenwart und immer wieder als Nobelpreiskandidat genannt, stammt aus der schroffen Landschaft im Süden des Landes. Er wurde in Gjirokastër geboren, einer steinernen Stadt, die sich in beinahe senkrecht aufragende Felsen hineinkrallt. Jedes Haus scheint eine Burg für sich, mit dicken Wänden und schweren Dächern aus geschichteten Steinplatten, oft mit einem Hof und einer eigenen Zisterne. Über ihnen thront eine mächtige Felsenburg, ein Festungskoloss, der das riesige Flusstal des Drinos und die gegenüberliegenden Berghänge beherrscht.

Albanien Süden Moschee
Minarette sind allgegenwärtig ...

Mit einer näheren Beschreibung von Gjirokastër muss man sich nicht aufhalten, denn die gültige Charakteristik seiner Heimatstadt hat Ismail Kadaré in seinem Roman „Chronik in Stein“ längst verfasst: „Es war dies eine steile Stadt, vielleicht die steilste auf der ganzen Welt; alle Gesetze der Architektur und des Städtebaus waren von ihr über den Haufen geworfen worden. Weil sie derart steil war, konnte es vorkommen, dass sich die Fundamente des einen Hauses auf der Höhe des Daches eines anderen befanden, und gewiss war dies der einzige Ort der Welt, wo jemand, der am Straßenrand ausglitt, nicht in den Graben stürzte, sondern womöglich auf das Dach eines hohen Hauses. Es war dies wirklich eine sehr seltsame Stadt.“

Albanien Süden Flagge
... und die albanische Flagge ebenfalls

Seltsam erscheint sie auch jetzt noch. Denn obwohl die Geburtsstadt Enver Hoxhas vom Diktator höchstpersönlich zur Museumsstadt und von der Unesco 2005 zum Kulturerbe der Menschheit erklärt wurde, ist sie akut vom Verfall bedroht. In den vergangenen zehn Jahren sind viele Bewohner ins nahe Griechenland ausgewandert, die Hälfte der sechshundert historischen Häuser steht leer. Für die Erhaltung ist kaum Geld vorhanden, und so brechen bereits manche Holzbalken unter der enormen Last der wuchtigen Steindächer zusammen. „Rettet Gjirokastër!“ ist ein Hilferuf, den man von Stadtvätern und Bewohnern hört und den sogar das Stadtbild selbst formuliert, der aber nur schwer aus der Abgeschiedenheit des albanischen Südens in die Welt hinausdringt.

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