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Und dann sind da die Menschen. "Museum der Völker" hat man Südäthiopien genannt, der unterschiedlichen Stämme wegen, die sich in der Abgeschiedenheit ihren Lebensstil, ihre Eigenheiten und einen der 200 Dialekte des Landes bewahrt haben. Ein Museum ja, mit der Besonderheit freilich, dass das "Ausstellungsgut" Menschen aus Fleisch und Blut sind, mit eigenem Willen und eigener Würde. Versteht sich, dass es beim Aufeinandertreffen von Bewohnern und Besuchern immer wieder zu rührenden, heftigen und auch beschämenden Situationen kommt.

Südäthiopien - Mursi-Frau
Mursi-Frau mit Lippenteller

Ob in Dörfern der Dorze, Mursi oder Erbore - taucht ein Auto auf, rücken die Frauen Kopfputz oder Lippenteller zurecht, nehmen ein Kind auf den Arm oder eine Freundin um die Schulter und stellen sich in Reihe auf. Ein klarer Handel: zwei Birr, rund 40 Cent pro Foto und Person, Babys extra, zahlbar sofort und ohne Abzug. Wer knapp über die Runden kommt, hat nichts zu verschenken, auch nicht das Recht am eigenen Bild. Größere Kinder probieren lachend ein paar Brocken Touristisch: "Pen, Father! Giv Birr! Karamello!", während die Kleinen sich wortlos an weiße Hände hängen und sie bis zur Abfahrt nicht mehr loslassen. Die Zeit ist knapp, das einzige Geschäft womöglich für viele Tage oder Wochen muss innerhalb von Minuten gemacht werden. Kein Wunder, dass ein enttäuschter Völkerfreund im Besucherbuch des Mago-Nationalparks die Mursi voll Bitterkeit als "gewalttätigen und gierigen Haufen Leute" bezeichnete und auf Idee kam, dass man sie "ihr Leben für sich und ohne Tourismus weiterführen lassen sollte" - ein richtiger Vorschlag zum falschen, weil viel zu späten Zeitpunkt.

Südäthiopien - Webereien der Drorze
Webereien der Dorze

Was haftet von solchen Sightseeing-Stopps im Gedächtnis des Besuchers? Die igluförmigen Hütten der Dassanech, aus Häuten, Blech und Gestrüpp? Die hohen Hüte der Alaba-Männer? Der brodelnde Sud aus Kaffeebohnenschalen auf dem Feuer in der Hütte des Erbore-Chefs? Sicher. Ein bunter Film aus Gebäuden, Werkzeugen, Trachten und Körperbemalung: Folklore.

Südäthiopien - Karo-Frauen
Karo-Frauen mit Schmuck und Körperbemalung

Aber erst an Orten, in denen mehr Zeit bleibt und verständige Dolmetscher als Vermittler auftreten, erwächst aus solchen Zusammentreffen so etwas wie Begegnungen. Voller Stolz erläutert Dorze-Bauer Sagaje in seinem Garten den Anbau, die verschiedenen Sorten und die Verarbeitung der falschen Banane. Seine Mutter zeigt, wie sie aus den Blattschäften den Stoff heraus schabt, der sich durch einen aufwendigen Fermentierungsprozess in Mehl verwandelt. Aus den Fasern werden Basthüte geflochten - ach ja, es gibt sie auch zu kaufen.
In Dimeka versuchen die Studenten Koza und Amon dem Fremden beim Honigwein zu erklären, worum es bei den Kämpfen der Hamer mit den Bume-Leuten zwei Tage zuvor ging, bei denen einige Männer getötet wurden: ums liebe Vieh, wie immer. Und natürlich um die Ehre. Wie, die Deutschen kennen solche Kriegszüge nicht? Arme Europäer!
Und auf dem Markt von Turmi stürzen sich Woyto und Soma, deren Schulunterricht erst um drei beginnt, mit Feuereifer auf die Aufgabe, eine möglichst komplette Liste der Güter zu erstellen, die die Hamer-Frauen anbieten: Tabak und Tomaten, Butter in Konservendosen und Honig in Kalebassen, Ockererde für die Haare und Gras fürs Dach, Ziegen, Esel, Bündel Feuerholz, Mangos, Chili, Eier, Milch. "Und Urra!" fällt Woyto zuletzt noch ein: Grauer Stein, mit dem nach dem Tabakkauen die Zähne gesäubert werden - eine alte Frau zeigt grinsend, wie es geht. Zwei Birr.

Südäthiopien - Wandkarte von Afrika in der Schule von Dimeka
An die Wand gemalte Karte von Afrika
in der Schule von Dimeka

Mit solch finanziellem Kleinkram halten die Hamer von Teya sich nicht auf - wahrscheinlich, weil sie als wohlhabende Viehzüchter am wenigsten auf solche Zusatzeinnahmen angewiesen sind. Ein französisches Fernsehteam zahlt 2000 Birr, umgerechnet etwa 220 Euro, um filmen zu dürfen. Der Preis für die Teilnahme der Deutschen beträgt nach langen Verhandlungen 700 Birr, etwa 77 Euro. Jetzt können sie fotografieren, was und wen sie wollen. Großes Interesse erregen sie nicht mehr. Sie sind geduldet. Mehr nicht.

Südäthiopien - Fest der Hame rin Teya
Fest des Hamer in Teya

Es ist fast Abend geworden. Die Festgesellschaft zieht zum großen Platz, auf dem ein Dutzend Ochsen durcheinanderläuft. Schriller werden jetzt die Rufe der Tänzer, schneller die Schritte, heftiger das Klimpern der Glöckchen an den Knöcheln. Roter Staub wirbelt auf, verschwitzte Körper zucken, es riecht nach Viehdung, Holzfeuer, Schweiß und ranziger Butter. Immer öfter zischen Gerten auf nackte Rücken, ein knisterndes Vibrieren liegt in der Luft, ein rhythmisches Stampfen, unterlegt vom Brüllen der Ochsen. Plötzlich öffnet sich der Menschenkreis um die Tiere. Zehn Meter davor steht Boké, noch im Arm eines Freundes. Er macht sich los, nimmt Anlauf, stürmt auf die Herde zu, die Rücken an Rücken steht, springt hoch - und gleitet ab! Gelächter, Entsetzen - wenn er versagt, ist seine Familie für immer gezeichnet. Ein erneuter Versuch - und der gelingt: Der Junge zieht sich auf den Rücken des ersten Ochsen, hüpft und tänzelt über die wogenden Leiber und zwischen den aufgeworfenen Hörnern hindurch, rutscht noch einmal nach unten in die Herde, kommt aber mit gütiger Mithilfe wieder hoch und springt schließlich unverletzt ab. Dreimal hat er die paar Meter über die Ochsen zurückgelegt: Er hat es geschafft. Ab sofort darf er heiraten, kämpfen, eine Hütte beziehen. Ab sofort beginnt das Leben des Hamer-Mannes Boké.

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