So still ist die Sahara
Erfahrungen mit sich selbst und mit der Wüste in der ägyptischen Oase Bahariya
Text und Fotos: Dirk Schröder

Nur mein Herzschlag ist in der Stille zu hören, kein
Sandkorn bewegt sich. Das leise Geräusch in meinen Ohren wird durch
das Blut in den Adern verursacht. Das Klicken der Kamera kommt einem Aufschrei
gleich. Der Mond taucht die Naturmonumente rings um mich herum in ein mystisches
Licht, das es nur hier in der Wüste gibt. Die Augen sehen mehr, als
sie gewohnt sind. Der Lärm von Kairo ist nur noch Erinnerung. Hier
habe ich das Gefühl völlig allein auf der Welt zu sein, umgeben
von der Schönheit und Geborgenheit der Natur.
Die Mondsichel steht noch über mir, als das Licht deutlich andere
Gestalt annimmt. Als wenn jemand an einem Rädchen drehen würde,
wird aus Schwarz-Weiß allmählich Farbe, ganz langsam, wie in
Zeitlupe. Meine ersten Schritte in den neuen Tag hinein berühren Sand,
sinken in die vielen Millionen Körner ein, bewegen sich, um meine
Spur zu hinterlassen.

Christiane ist auch schon auf. Sie konnte die Nacht kaum schlafen, weil es so viele Sternschnuppen gab und die Energien so spürbar waren, sagt sie leise. „Einmal habe ich sogar richtig Angst bekommen, als diese Kräfte durch mich durchzufließen schienen. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut. Es war wie ein erotisches Gefühl. Ich glaube, ich habe mich verliebt“, sagt sie vorsichtig - und meint die Wüste. „Allein schon für diese Nacht hat sich der weite Weg gelohnt“, ist sie überzeugt. Zwischen den Oasen Bahariya und Farafra ist die Wüste auf kurze Entfernung so abwechslungsreich, wie sonst nirgendwo in Afrika.
Die Spuren nächtlicher Gesellen
Nichts hält mich mehr unter „meinem“ schützenden Sandgebilde, die einer riesigen Skulptur gleicht. Ich muss raus - das Neue erforschen. Es ist förmlich ein Sog, ein inneres Drängen. Mit jedem Schritt spüre ich die frische Luft auf meinen nackten Wangen vorbei streichen, sanft und kühl mich begrüßend. Streicheln wie die zarten Finger einer Geliebten. Mein Herz bestimmt den Weg über Sanddünen auf Kalkfelsen. Plötzlich wird deutlich sichtbar, dass ich nicht alleine bin. Abdrücke, wie auf einer Perlenkette aufgezogen, kreuzen meinen Weg. Ich folge ihnen und tauche automatisch in diese Energie ein. Feine Krallenpunkte werden sichtbar. Vorne muss das Tier kräftig gebaut sein, während die Abdrücke der anderen Pfotenpaare auf ein schlankes Hinterteil schließen lassen. Sie verlieren sich auf dem harten weißen Stein und geben mir wieder die Illusion, allein zu sein in der Weite Gottes. Fröhlich, lustig scheinen zwei andere Gesellen heute Nacht unterwegs gewesen zu sein. Kreuz und quer haben sie ihre Abdrücke hinterlassen. Die Beiden gehören offensichtlich der hüpfenden Spezies an, wie bei uns zu Hause die Wiesel und Marder.

Wind und Wetter haben über Jahrtausende eindrucksvolle
Skulpturen in Sand geformt. Die Kunstwerke der Natur werden allmählich
wie mit einem Filter in Rosa-Purpur gehüllt, wie ein breiter Farbstreifen
am Horizont. Das Lichtschauspiel lässt mich für einige Minuten
erstarren. Dann schielt die Sonne über den Horizont und taucht die
Szenerie in ein warmes Ocker mit langen Schatten.
Aus der erhobenen Perspektive einer Düne sehe ich nun bestimmt ein
Dutzend Camps in der Weite verteilt. Jeeps wurden zu kleinen Wagenburgen
zusammengestellt und zum Schutz die farbigen Stoffe mit den orientalischen
Motiven davor montiert. Auch in unserem Camp hat Karim bereits das Teewasser
auf dem Gaskocher erhitzt. Der Beduine versteht es, uns zu verwöhnen.
Der Duft von Minze durchzieht meine Nase. Das heiße süße
Getränk belebt meinen Körper. Die Fladen sind erwärmt, der
Honig liegt in kleinen Döschen bereit, daneben milder Schafskäse
und klein geschnittene Tomaten. Wir sitzen auf weichen Matten vor einem
niedrigen Tisch und haben den Rücken an dem bunten Tuch angelehnt,
das vor dem Wagen gespannt den Wind abhält. „Habt ihr auch den
Wüstenfuchs gesehen?“ will Karim wissen. Er war in der Nacht
hier am Lager und hat nach Wasser gesucht, berichtet er und bindet dabei
sein Tuch neu um den Kopf. „Aha“, denke ich mir, schwer vorne,
leicht hinten. Er war das also.
Eine Quelle aus dem Nichts
Ebenso schnell wie das Camp am Abend aufgebaut war, verschwindet
nach dem Abwasch alles wieder an seinem Platz im Wagen und auf dem Dach.
Noch
einmal
das Öl prüfen und Sprit nachfüllen. Karim, dessen Großvater
Nubier war, ist auch ein Wüstenfuchs. Er ist mehr in seinem Toyota
mit Touristen unterwegs als daheim. So kennt er sich im Umkreis von vielen
Tagesetappen aus wie in seiner Westentasche.
„
Nach diesem Felsen nennen wir den nächsten Wüstenabschnitt Raju“,
sagt er selbstsicher bei Tempo 70 auf der Piste und deutet mit der linken
Hand nach vorne. Als wir die markante Felsformation passiert haben wird
es flacher, weiter, der Boden fester. Feiner Staub zieht durch die Ritzen
herein. Ich staune wie viel davon ein Kassettenrekorder verkraften kann.
Geduldig spielt er immer wieder Beduinenmusik. Selbst ein CD-Laufwerk aus
dem Computer, das Karim geschickt auf dem Armaturenbrett befestigt hat,
hält die Erschütterungen und Schläge des hart gefederten
Allrads aus.

Der Sand ist nun überzogen mit strahlend weißen
Steinplatten, so riesig, dass unser blauer Jeep wie ein Spielzeug dazwischen
wirkt.
Die Räder des Kraftprotzes wirbeln an dem Hügel gewaltige Staubwolken
auf, die die Sonne verdunkeln. Karim wirkt hoch konzentriert. Er hält
den Motor auf voller Drehzahl, damit sich die breiten Reifen durch den
Sand schaufeln. Ohne Zweifel ist der Beduine mit dem Wagen wie verschmolzen,
so dass er jede Veränderung der Piste unter sich spüren kann.
Blitzschnell schaltet er einen Gang runter und der Jeep zieht wieder
gleichmäßig
bergan.
Etwa eine Stunde weiter ist die Wüste schwarz gesprenkelt. Die kleinen
Teile wirken bei näherer Betrachtung wie braune Schlackestücke,
die nach Eisen klingen wenn man sie gegeneinander schlägt. Ihre bizarren
Formen erinnern uns an Ergebnisse des Bleigießens zu Silvester. Mitten
im Sandmeer zeichnen sich Palmen am stahlblauen Himmel ab. „Das ist
Magic Springs!“ sagt unser Fahrer und hält direkt drauf zu. „Very
much tourist“ ergänzt er noch, als vier weiße Jeeps sichtbar
werden. Die Quelle kommt aus dem Nichts und verschwindet nach wenigen Metern
wieder im Sand – eben so, wie man sich eine Oase vorstellt. Karim
nutzt die Gelegenheit, packt sein Waschzeug aus und genießt sichtlich
die Ganzkörperwäsche.
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