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Prag im Mittelalter

Wenn von Prag im Mittelalter die Rede ist, so herrschen meist Namen königlicher Häupter wie die von Wenzel I. oder Karl IV. vor. Nicht ganz zu Unrecht, berichten doch die spärlichen historischen Quellen in erster Linie über Leben und Treiben, Taten und auch Untaten der weltlichen und geistlichen Herrscherschicht. Über das Leben der breiten Masse der Bevölkerung erfährt man nur wenig, sie fand höchstens am Rande Erwähnung.

In der zweiten Hälfte des 14. Jh., zur Zeit Karls des IV., lebten zwischen 40 000 und 80 000 Menschen in Prag, so genau vermag das heute niemand mehr zu sagen. Dabei ist zu bedenken, daß es sich ja eigentlich um mehrere eigenständige Städte handelte - Altstadt, Kleinseite, Neustadt, Hradschin -, die jedoch von Fremden häufig als Einheit wahrgenommen wurden. Die Burg brachte es mit sich, daß ein gewichtiger Teil der städtischen Bevölkerung seinen Lebensunterhalt mit Tätigkeiten für den Herrschersitz verdiente. Das Wachpersonal für Burg und König gehörten dazu ebenso wie die zahlreichen Stallknechte und Futtermeister, die eine große Zahl von Pferden zu versorgen hatten. Zu den hohen Hofbeamten gesellten sich Kammerdiener und -Zofen, Musikanten, Kellermeister, Köche u.v.a.m. - sie alle prägten das städtische Gesicht rund um den böhmischen Königssitz. Ganz zu schweigen von Adel und Geistlichkeit samt Personal, die in großer Anzahl die Nähe des Hofes suchten oder vom König nach Prag gerufen wurden. So sollen zur Zeit Karls IV. (1316-1378) mehrere tausend Geistliche Prag bevölkert haben. Sie waren in jener Zeit die einzigen, die über ein breites Allgemeinwissen verfügten, konnten sie doch lesen und schreiben. Eine Fähigkeit, die selbst ein Großteil des Adels lange Zeit nicht vorweisen mußte, reichten doch Rang und Namen, aus edler Geburt hergeleitet, für ein standesgemäßes Leben.

Durch die erfolgreiche Handels- und Machtpolitik Karls IV. weit über Böhmen hinaus wurde eine wachsende Schicht gebildeter Untertanen benötigt. Elementare Lateinkenntnisse, wie sie die wenigen Pfarrschulen boten, reichten dafür nicht aus. Die vom König ins Leben gerufene Karlsuniversität muß in diesem Zusammenhang gesehen werden. Sie gilt als erste europäische Universität, die jenseits kirchlicher Institutionen direkt von einem weltlichen Herrscher gegründet  wurde und   bestand zunächst aus vier Fakultäten: einer artistischen ( = philosophisch), juristischen, theologischen und medizinischen. Am Ende der Regierungszeit Karls IV. dürften um 1500 Studenten die Stadt bevölkert haben. Nur die wenigsten von ihnen kamen aus Böhmen und Mähren; in Prag  studierten junge Leute aus Polen, Ungarn, Schweden zusammen mit Bayern und Sachsen. Frauen waren unter den Studenten nicht zu finden, Mädchen aus besseren Familien erhielten damals höchstens Privatunterricht im Lesen und Schreiben.

Mit dem 'internationalen' studentischen Leben erweiterte sich nicht nur der Wissensstand der Prager Durchschnittsbevölkerung, der nicht mit dem der ländlichen Bevölkerung zu vergleichen war, auch das städtische Alltagsleben veränderte sich. Fast modern muten damalige Klagen über ausgelassenes studentisches Leben und die 'Sittenlosigkeit' der jungen Leute an. In jener Zeit schien die studierende Jugend ausgiebig die Prager Kneipen und auch Bordelle besucht zu haben, fielen Studenten durch 'unpassende Späße' und Lieder in der Öffentlichkeit auf. Selbst der Reformator Jan Hus klagte: " Welche unverkennbar Schlechtigkeit tun sie in der Kirche".

Neben zahlreichen Bediensteten stellten die Handwerker und Händler einen gewichtigen Teil der Prager Bevölkerung. Einheimische Händler hatten ihre Verkaufsstände häufig im Erdgeschoß der Häuser eingerichtet, fremde Kaufleute aus ganz Europa bildeten ein buntes Völkergemisch in den Prager Gassen: sie kamen aus Frankreich und Italien mit riesigen Weinfässern, niederländische Kaufleute boten feines Tuch an, arabische Händler verkauften Gewürze und Weihrauch, Seide und Elfenbein. Ein Arbeitstag im mittelalterlichen Prag lehnte sich nah an die Natur an, erstreckte sich also meist von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Überall wurde dann in den Gassen gehämmert und geklopft, gehandelt und gefeilscht, arbeiteten Waffenschmiede und Kunsthandwerker, Sattler und Kürschner. Die in der Stadt verstreuten Märkte waren auf besondere Warengruppen spezialisiert und trugen entsprechende Namen, die sich bis in die Neuzeit erhielten: Obstmarkt, Kohlenmarkt, Viehmarkt. Mit der Gründung der Neustadt durch Karl IV. wurden vor allem Vieh- und Roßmärkte dorthin verlagert, ebenso wie besonders schmutzige und lärmende Handwerksstätten: Brauer und Radmacher, viele der Schmieden und die wegen ihres Gestankes ungeliebten lederverarbeitenden Betriebe wie Gerber, Pergamenthersteller oder Buchbinder. Bis heute tragen noch manche der Gassen ihren Namen nach den ehemals dort   konzentrierten Handwerken: die Reznická (Fleischhauergasse), Zelezná (Eisengasse), Celetná (Zeltnergasse), Masná (Fleischmarktgasse) oder die Zlatnická (Goldschmiedgasse).

Eine Stadt wie Prag zog natürlich auch die Gestrandeten der Gesellschaft an, Bettler und Prostituierte, kleine Gauner und Betrüger, die in der Anonymität dieser 'Großstadt' ihr Auskommen suchten.

Zum Alltag im 14. Jh. zählten periodisch wiederkehrende Katastrophen wie Überschwemmungen, Großbrände, Hungersnöte und Pestepidemien. Mißernten  wie die von 1361  dezimierten die Bevölkerungszahl. Weitaus verheerender wirkten jedoch die immer wiederkehrenden Pestepidemien, die oft mehrere Jahre lang anhielten (z.B. 1357-1363; 1369-1371; 1380). Bis zu 20 % der Bevölkerung fielen dem 'Schwarzen Tod' bisweilen zum Opfer.

Da Hintergründe und natürliche Zusammenhänge wie fehlende Hygiene nicht bekannt waren, lag es nahe, das vermeintlich sündige Leben der Menschen für die Seuchen  verantwortlich zu machen und  das Unglück als Strafe Gottes zu interpretieren. Die 'Rettungsanker' in diesen persönlich ausweglosen Situationen konnten verschiedene Gestalt annehmen: Judenpogrome dienten ebenso als 'Ventil' wie exzessiv gelebte Frömmigkeit, Askese und Bußfertigkeit.

 


 

 


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