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"Der rasende Reporter" Egon Erwin Kisch

Im mexikanischen Exil schrieb Kisch 1942: "Ich habe Prag nie verlassen, so intensiv auch ich mich davon entferne, so intensiv auch ich in allen fünf Weltteilen lebte. Und ich lebe auch jetzt dort..." Ein wenig erinnert dies an Kafkas "Prag läßt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen". Bei beiden Schriftstellern - die sich übrigens kannten, jedoch keine besonders intensive Beziehung pflegten -   läßt sich der enge Bezug zu Prag nachzeichnen, wenngleich die Gründe dafür unterschiedlich waren. Egon Erwin Kisch wurde am 29.4.1885 als Sohn eines Tuchhändlers in Prag geboren. Erste journalistische Erfahrungen machte er 1905 als Volontär am 'Prager Tageblatt', danach besuchte er eine Journalistenschule in Berlin. Zwischen 1906 und 1913 arbeitete er als lokaler Reporter der Prager deutschen Zeitung 'Bohemia', danach auch eine Zeitlang als Dramaturg am 'Künstlertheater' Berlin und als Reporter des 'Berliner Tageblatts'. In seiner Prager Zeit verfasste er zahllose Feuilletons, Reportagen und Erzählungen, die später auch in Buchform erschienen, so z.B. 'Aus Prager Gassen und Nächten' (1908) und 'Prager Kinder' (1913). Sein einziger Roman, 'Der Mädchenhirt', wurde 1914 veröffentlicht. Der von seinen Schriftstellerkollegen als guter Tänzer, frauenumschwärmter Bohemien und Kenner der sog. Halb- und Unterwelt charakterisierte Kisch war in der Tat ein besonderer Journalist. Er scheute sich nicht davor, die Schattenseiten der Großstadt nachzuzeichnen und seiner offensichtlichen Sympathie für die einfachen Leute Ausdruck zu geben, an Traditionen wie die eines Emile Zola anknüpfend. Man könnte ihn auch als frühen Wallraff bezeichnen, denn manche seiner Artikel konnte er nur verkleidet erarbeiten. Seiner Meinung nach hatte der Journalist "unbefangen Zeuge zu sein und unbefangene Zeugenschaft zu liefern". Deshalb scheute er auch vor unkonventioneller Arbeitsweise nicht zurück. "Ich drängte mich mit der Masse der Frierenden in den Wärmestuben, ich wartete mit den Hungernden in der Volksküche auf die Armensuppe, ich nächtigte mit den Obdachlosen im Nachtasyl, mit den Arbeitslosen hackte ich Eis auf der Moldau, schwamm als Flößerbursch nach Hamburg, statierte im Theater, zog mit dem Heerbann des Lumpenproletariats ins Saazer Land auf Hopfenpflücke und arbeitete als Gehilfe eines Hundefängers." Auf diese Weise zeichnete er ein Bild Prags Anfang des 20 Jhs, das nüchterne Detailtreue beinhaltete und Schönfärberei vermied. Von 1914-1917 nahm er am serbischen Feldzug teil, wurde schwer verwundet und arbeitete deshalb anschließend als Presseoffizier beim Oberkommando in Wien. 1918 beteiligte er sich an der Revolution, war zeitweilig gar Führer der Roten Garde in Wien. Bald wurde er aus Österreich ausgewiesen. In den Jahren 1921 bis 1933 arbeitete er als freier Schriftsteller in Berlin, u.a. als Mitarbeiter der 'Weltbühne' und der KPD-Zeitung 'Rote Fahne', war jedoch sehr oft und lange im Ausland unterwegs. 1922-24 bereiste er Europa und Afrika, 1925/26 die Sowjetunion. 1928/29 hielt er sich illegal in den USA auf, 1932 unternahm er eine Chinareise. Seine Reisereportagen, die er immer als Kritik sozialer und politischer Verhältnisse verstand, machten ihn bald international bekannt - und natürlich auch verhasst. In dieser Zeit entstanden u.a. seine Bücher 'Der rasende Reporter' (1924), 'Zaren, Popen, Bolschewiken' (1927) und 'Paradies Amerika' (1929). Kein Wunder, daß die Nazis 1933 seine Bücher verbrannten, ihn nach dem Reichtagsbrand verhafteten und schließlich auf Intervention der tschechoslowakischen Regierung nach Prag abschoben. Kisch emigrierte anschließend nach Paris und nahm 1937-38 am Bürgerkrieg gegen die Faschisten in Spanien teil. Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges floh er über die USA nach Mexiko, wo er von 1940-46 lebte. In den dreißiger Jahren waren zahlreiche weitere Bücher von ihm erschienen, die seinen internationalen Ruf als engagierter Journalist weiter festigten. Darunter 'Prager Pitaval' (1931), 'Geschichten aus sieben Ghettos' (1934), das sich mit dem Leben der Juden in Deutschland beschäftigte, die berühmte 'Landung in Australien' (1936), bei der er trotz Verbots, das Schiff zu verlassen, mit einem beherzten Sprung beim Ablegen das Land betreten hatte und anschließend inhaftiert wurde, sowie 'China geheim' (1936). Die Schriftstellerin Irmgard Keun schrieb einmal über ihn: "Er sprühte und knisterte vor Lebendigkeit, Kampfeslust, Witz und Einfällen". Auch in Mexiko setzte er seine politische Arbeit fort, u.a. als Mitarbeiter der Exil-Zeitung 'Freies Deutschland'. Nach dem Krieg kehrte er nach Prag zurück, wo er am 31.3.1948 starb.

Seit 1978 wird ein nach ihm benannter Preis für herausragende journalistische Leistungen vergeben.

 


 

 


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