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Prager Kaffeehauskultur

Prag: Im Café des Repräsentationshauses (Obecni dum)

Im Café des Repräsentationshauses (Obecni dum)

Der Literaturnobelpreisträger Jaroslav Seifert schrieb über die Prager Kaffeehäuser: Nur zum Kaffeetrinken kam freilich niemand ins Kaffeehaus. Der Kaffee war dort stadtbekannt schlecht. Die zwei Kronen, die man dafür auf den Tisch legte, waren eher das Entrée: im Winter, um in der Wärme zu sitzen, im Sommer für den dichten Qualm. Doch das heimelige Milieu und die freundschaftliche Atmosphäre waren immer einen Besuch wert." So waren die Cafés des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jhs. vor allem Orte der Begegnung und des Austauschs, des Sehesn und Gesehenwerdens, Orte für Literaten, Künstler und solche, die es gerne sein wollten. Viele dieser Cafés fanden Eingang in die Werke der Literaten jener Zeit oder wurden selbst Orte des Schreibens. In erster Linie ist in diesem Zusammenhang das Café Slavia in der Národni zu nennen, in dem Ende des Jahrhunderts avantgardistische Künstler und Theaterleute zusammen kamen. Jaroslav Seifert, der in den 20er Jahren dort seine Mitstreiter der literarischen Vereinigung Devetsil traf, betitelte eines seiner Gedichte "Café Slavia", Ota Filip würdigte es gar eines ganzen Romans.

Prag: Café Imperial

Verspieltes Ambiente im Café Imperial

In derselben Straße lag des Café Union, ebenfalls Treffpunkt tschechischer Schriftsteller wie Josef und Karel Capek, Jaroslav Hasek, auch Kafka hat sich hier mehrmals aufgehalten. Mehrheitlich deutschsprachige Schriftsteller verkehrten im Café Arco in der Hybernská, nicht weit vom Pulverturm entfernt. Wie viele seiner Zeitgenossen erinnert sich Frantisek Langer in Aufzeichnungen an das Arco: "Es wetteiferte mit dem Café Union in drei Punkten: hinsichtlich der Künstler, des Obers und der Zahl der ausgelegten Zeitungen und Zeitschriften." Hier verkehrten Franz Werfel und Oskar Baum, Egon Erwin Kisch und Alfred Fuchs. Alfred Kraus erzählt von den Umgangsformen, die zu beachten waren: "Im literarischen Kaffee war es gewöhnlich, jeden mit einer literarischen Etikette zu bezeichnen. Oft war zu hören, wie der Ober bedauerte, dass ein Tisch besetzt sei, weil hier immer die Herren Pragmatisten säßen, oder dass der Herr Konstruktivist sich heute zu den Herren Urchristen gesetzt habe. Das alles war den Stammgästen ganz geläufig und überhaupt nicht lächerlich."

Während im Café Continental am Graben fast nur Pragerdeutsche anzutreffen waren - darunter Gustav Meyrink, Max Brod und Franz Kafka, der in einer Tagebucheintragung am 5. März 1912 notierte: "Sonntag: im "Continental" bei den Kartenspielern" -, ging der "Internationalist" Egon Erwin Kisch ostentativ ins zweisprachige Café Central, wie er schrieb. Die Liste legendärer Kaffehäuser läßt sich noch fortsetzen: Mit dem Café Montmartre etwa, in dem ein Kellner names Hamlet bediente, oder mit dem berühmten Café Radetzky am Kleinseitner Ring. So manche von ihnen sind verschwunden und leben nur noch in literarischen Zeugnissen fort, vor Idealisierungen nicht gefeit.

Pragbesucher heut müssen aber deshalb nicht auf schöne Kaffeehäuser verzichten. Das Europa am Wenzelsplatz beeindruckt mit seinem Jugendstil-Interieur, doch hier sind mittlerweile Touristen fast unter sich. Gemischter geht es im Café im Obecni dum zu, in dessen großem Jugendstilsaal fast immer Live-Musik von Klassik bis Jazz zu Kaffee und kleinen Gerichten geboten wird. Das Jugendstil-Café Paríz im gleichnamigen Hotel gleich um die Ecke (U obecniho domu) zeigt sich vornehmer und bietet sich für ruhigere Stunden an. Das Gany's in der Národní 20 (1. Stock) setzt eine alte Tradition fort: Hier befand sich früher das Café Louvre, Anfang des letzten Jahrhunderts Treffpunkt zahlreicher Intellektueller. Heute ist das Publikum gemischt: Touristen haben die Prager noch nicht verdrängt, die Atmosphäre ist entspannt.

 


 

 


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