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Jüdisches Leben in Prag

Prag: Spanische Synagoge

Die Spanische Synagoge in der Dusni

Die Prager jüdische Gemeinde kann auf eine tausendjährige Geschichte zurückblicken. In diesem Zeitraum haben Juden Leben und Kultur der Stadt mit geprägt. Doch tragischerweise gilt diese Kontinuität auch in anderer Hinsicht: Kaum ein Jahrhundert ging ohne Verfolgung und Pogrome vorüber.

Von ersten Übergriffen gegen die sich bis dahin frei ansiedelnden Juden wird aus dem Jahr 1096 berichtet: Durchziehende Kreuzfahrer zwangen sie zur Taufe; wer sich weigerte, den erschlugen sie. Als viele daraufhin die Stadt verlassen wollten, ließ Fürst Bretislav II. ihr Eigentum konfiszieren, so dass sie nichts retten konnten als das nackte Leben. Tiefgreifende Folgen hatte das unter Papst Innozenz III. durchgeführte Konzil im Jahre 1214, das sich unter anderem mit der Frage der "Ketzerbekämpfung" befasste. Die dort ausgesprochenen Anordnungen und Verbote für Juden sollten im Kern bis weit ins 19. Jh. Gültigkeit haben: So war es ihnen verboten, Boden zu besitzen, Landwirtschaft und Handwerk zu betreiben, sie sollten in bestimmten, abgetrennten Vierteln siedeln und auch äußerlich durch Kleidung und besondere Zeichen - etwa einen gelben Ring auf der Brust - als Juden erkennbar sein.

Diese durch Kirche und Obrigkeit forcierte Isolierung schuf einen günstigen Nährboden für Gerüchte, Vorurteile und trübe Spekulationen und damit letztendlich für immer neue blutige Pogrome. Dabei konnten die Christen meist nur gewinnen: Als eines von wenigen Gewerben war den Juden das Verleihen von Geld gegen Pfand oder Zins erlaubt. Kaum ein böhmischer Herrscher mochte auf eine Finanzspritze der wohlhabenden Bankiers verzichten, aber auch viele Adlige und sogar Handwerker verließen sich bei der Beschaffung des notwendigen Kapitals auf jüdische Geldgeber. Ohne deren Finanzkraft wäre ein wirtschaftlicher Fortschritt nicht möglich gewesen, wäre so manche Schlacht nicht siegreich ausgegangen. Und wenn man ein Darlehen nicht zurückzahlen konnte, so konnte man den Gläubiger leicht irgend einer Schuld bezichtigen und damit seinen Anspruch zunichte machen. Die fremdartigen Bräuche und Riten der Juden lieferten Vorwände genug.

Eines der blutigsten Pogrome ereignete sich im Jahre 1389, unter der Regierung Wenzels IV. Unter dem Vorwand einer Hostienschändung, aufgestachelt von katholischen Geistlichen, stürmten Banden von Pragern das Ghetto, plünderten Häuser und sogar Gräber und ließen mehr als dreitausend Tote zurück. Das Klagelied, das der Prager Rabbiner Avigdor Kara, Zeuge dieses Pogroms, daraufhin verfasste, wird bis heute alljährlich am Versöhnungstag in der Altneusynagoge gelesen.

An Versuchen, die jüdische Bevölkerung endgültig aus der Stadt zu vertreiben, fehlte es vor allem im 17. und 18. Jh. nicht. Doch erst unter Maria Theresia wurden diese Überlegungen auch in die Tat umgesetzt. Sie war eine unversöhnliche Feindin der Juden, tatsächlich sagte sie, sie kenne "keine ärgere Pest vorm Staat als diese Nation". 1745 erließ sie den Befehl, dass sämtliche Juden Prag verlassen sollten. Doch der wirtschaftliche Schaden, den diese Ausweisung der Stadt zufügte, war unermesslich. Die Prager Stände wehrten sich gegen diesen Aderlass und griffen sogar zu dem ungewöhnlichen Mittel der Meinungsumfrage unter den Zünften, um die Rücknahme des Edikts zu erreichen. Das Ergebnis: Kaum jemand fühlte sich von der jüdischen Konkurrenz bedroht, und 1784 durften die Juden zurückkehren. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass sich Maria Theresia ihr generöses Einlenken gergolden ließ: 210 000 Gulden musste die jüdische Gemeinde jährlich für die "Aufenthaltsgenehmigung" bezahlen.

Das Toleranzpatent Josephs II. und die Ideen der Revolution von 1848 brachten der jüdischen Bevölkerung mehr Freiheiten und leiteten einen schrittweisen Emanzipations-, allerdings auch Assimilierungsprozess ein. Ab 1867 waren Juden per Gesetz anderen Staatsbürgern gleichgestellt. Im Verlauf dieser Entwicklung verlor das jüdische Ghetto seine ursprüngliche Bedeutung als erzwungene Wohnstatt. Während 1783 nur neun Christen gezählt wurden und 1837 das Ghetto noch zu 80 % von Juden bewohnt war, so betrug ihr Anteil 1880 nur noch 28 %. Die ehemalige Judenstadt sank zu einem reinen Armenviertel ab, zu dessen Kennzeichen Kriminalität, Prostitution und unhygienische Zustände zählten.

Mit dem faschistischen Terror fand die jüdische Emanzipation ein jähes Ende. Von 1941 bis 1945 verschwanden über 45 000 tschechoslowakische Bürger jüdischer Abstammung in Theresienstadt oder anderen Konzentrationslagern und fanden dort auf bestialische Weise den Tod. Nur einige tausend von ihnen kehrten nach dem Krieg zurück.

 


 

 


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