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Bummelwelten für Weltenbummler

Unterwegs in Papua-Neuguinea

Text und Fotos: Judith Weibrecht

 

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Radelt einer um die Welt, sollte er Papua Neuguinea nicht links liegen lassen. Zwischen Asien und Australien in der Südsee gelegen ist das Land neben seinen tausend Wundern gerade für Radreisende interessant: Über die Insel New Ireland führt der Boluminski Highway.

Papua-Neuguinea von oben

Eigentlich fliegt man in diesem Land, was das Zeug hält. Man muss, denn Straßen lassen sich zwischen Dschungel und Hochland nicht so einfach anlegen und die Entfernungen sind immens. In der Maschine transportiert Air Niugini deshalb außer Fahrrädern, Koffern und Reisetaschen auch Schweine nach Rabaul. Mit einem so genannten Banana Boat werden Rad und Mensch weiter über die Bismarck See transportiert. Die lang gestreckte Insel New Ireland entlang aber bummeln wir gemütlich per Fahrrad.

Papua-Neuguinea - Küste

Kilometerangaben in Dörfern

Wie weit ist es denn noch? „Na ja, so vier bis fünf Dörfer“, antwortet Terrence. Kilometerangaben gibt es hier nicht. Wie weit die Orte auseinander liegen, bleibt ein Rätsel. Ein Rätsel bleibt auch, warum der Fahrrad-Guide mit nur einem Flipflop radelt. Den zweiten hatte er irgendwo am Wegesrand verloren. Aus Gründen der Symmetrie wäre es vielleicht angenehmer, den anderen auch noch auszuziehen. „Nein, ist besser so!“

Papua-Neuguinea - Guide

Ein Schild am Straßenrand weist auf die Grundschule hin. Da zeigt Terrence aufs Schulhaus: „This is Lossuk elementary school!“ Oft erklärt Terrence das Offensichtliche, und das immer zweimal. Klarer Favorit ist der Hinweis: „Now we are going downhill!“ Das sollte man nicht falsch verstehen. Man bemüht sich sehr um Touristen, und die Bewohner der Insel werden alles in ihrer Macht stehende tun, damit Sie sich wohl fühlen.

An einer der vielen Dorfschulen halten wir an, um Hefte, Buntstifte und Spitzer abzugeben. Die Kinder sind verlegen, Freude über Geschenke zeigt man nicht und gibt sich bescheiden. Doch als wir wieder abfahren, rennt eine große Menge jubelnd hinterher. Fast ständig winken Kinder oder Jugendliche begeistert am Straßenrand, wollen mit der weißen Radfahrerin abklatschen, reichen Blumen ans Fahrrad und rufen „Masta!“, weißer Mann, oder „Turis, turis!“. Turis bedeutet Tourist auf Tok Pisin und ist nett gemeint. Allzu viele dürften hier noch nicht vorbeigekommen sein, denn so manches Kleinkind bricht bei meinem Anblick in Tränen aus. „Klar, denn du siehst aus wie ein Geist, du bist weiß!“, erklärt eine Mutter.

Papua-Neuguinea - Schule mit Schülern

Das machen sich auch die Mudmen im Hochland zunutze. Sie schmieren sich voll weißen Schlamm und tragen Masken aus demselben Material, um so feindlich gesinnte Stämme in die Flucht zu schlagen. Bewundern kann man diese und viele andere Sing-Sing-Gruppen des Landes auf der Goroka Show in den Highlands.



Apinun 

„Apinun!“, rufe ich lachend zurück, schönen Nachmittag. Tok Pisin ist die lingua franca im drittgrößten Inselstaat der Welt, in dem man ganze 820 Sprachen spricht. Alleine auf New Ireland, der viertgrößten Insel des Landes, gibt es laut Demas 32 Idiome. Demas, einst Senator der Insel und Inhaber des Guesthouses in Bol, forscht dazu und zeigt die Dörfer und ihre Sprachen auf einer Landkarte: „Hier spricht man Tigak, da Barok, dort Madak. Tok Pisin beherrschen wir alle.“ Diese Sprache besteht nicht nur aus englischen, sondern auch aus melanesischen und deutschen Lehnwörtern, denn einstiger deutscher Kolonialismus hat in der Südsee seine Spuren hinterlassen. Kopra, getrocknetes Kokosnussfleisch, Kokosöl, Kakao, Kaffee und Baumwolle wurde von deutschen Handelshäusern angepflanzt und verkauft.

Papua-Neuguinea - Kokospalme

Daher gibt es hier auch den fahrradfreundlichen Boluminski Highway. Um 1900 plante der deutsche Ingenieur Franz Boluminski die Straße auf dem ehemals Neu-Mecklenburg genannten Eiland, Teil des kaiserlich-deutschen Schutzgebiets Deutsch-Neuguinea, und ließ sie von Einheimischen erbauen und erhalten. Die Bewohner der einzelnen Dörfer waren jeweils für einen Abschnitt verantwortlich. „Seine“ Kokosplantagen wollte Bezirksvorsteher Boluminski so mit Kavieng und dem Hafen verbinden. Die einstige Kaiser-Wilhelm-Chausee auf der ca. 300 Kilometer langen, aber nur wenige Kilometer breiten Insel wird bis heute geschätzt. 193 Kilometer sind glatt asphaltiert. Der Rest der um die 263 Kilometer langen, an der Ostküste verlaufenden Straße hat einen Belag aus zerstoßenen, weißen Korallen. Optimale Radfahrbedingungen unter Palmen.

Papua-Neuguinea - New Ireland Racing Team auf dem Boluminski Highway

Die Autos, die einem begegnen, lassen sich mehr oder weniger zählen. Ab und an ein PMV (Public Motor Vehicle, Pickups, die wie Busse funktionieren), ein Lastenfahrzeug, ein Moped. Das „New Ireland Racing Team“ kommt uns auf Fahrrädern in vollem Speed entgegen. Trainer Rupen Paris hat viele Radrennen auf der Insel gewonnen. Er zieht die Bremsen und erklärt, dass man sich sehr über Unterstützung vom ADFC freuen würde: Schläuche, Reifen, Helme, Handschuhe, alles wird gebraucht und muss für viel Geld importiert werden.

Papua-Neuguinea - Masken

Das Rad rollt gut auf der leicht wellig verlaufenden Straße. Die feuchte Hitze ist allerdings nicht für jedermann: Heute haben wir 32 Grad im Schatten und eine Luftfeuchtigkeit von über 90 %. Ein tropischer Regenguss geht hernieder und beschert mir drei Stunden in Libba mit Ben Sisia jr., dem Sohn des gleichnamigen, berühmten Meisterschnitzers. Wir sitzen unter dem Blätterdach einer an den Seiten offenen Hütte, es tropft von Blüten und farbenfrohen Orchideen und Ben Sisia erzählt von der Bedeutung der Masken.

Papua-Neuguinea - Strand

Von Dorf zu Dorf geht es durch exotische Welten, an unberührte, weiße Sandstrände, glasklare Flüsse. Für die mannigfaltigen Früchte gibt es manchmal keine Bezeichnung auf Englisch, oder man kennt sie nicht. „Pao ist das!“, sagt Aida, Vermieterin des Gästehauses in Dalom, und gibt mir ein Stück der außen grünen, innen weißen Frucht. Es schmeckt, und ein Stück Kokosnuss gibt’s gleich noch hinterher. Man muss nur die Hand ausstrecken. Ist das das Paradies? Aus Wurzelgemüse wie Taro, Kau Kau, Yams oder Süßkartoffeln, Früchten wie Ananas, Mangos, Bananen, Fisch, Schwein oder Huhn besteht meist das Essen. Wir ratschen auf den Stufen vor meiner Hütte aus Palmholz. „Auch das Dach ist aus Naturmaterialien“, betont Aidas Mann William, „und zwar aus Palmblättern“. In dem einfachen Häuschen steht ein Bett mit Matratze. Zum Waschen geht man bekleidet in den Fluss, was einiges an Geschicklichkeit erfordert. „Das ist eben unsere Kultur!“, sagt Aida und dass sie es nicht mag, wenn ein Ausländer nur mit Badehose bekleidet ins Wasser springt, also nackt. Zum Schlafen verziehe ich mich unters Moskitonetz, denn es gibt ungebetene, kleine Tiere.

Papua-Neuguinea

Terrence Tochter Noella zeigt mir ein größeres Tier, ein Kuskus, auf Deutsch Kletterbeutler genannt: „Dessen Mutter war zu fett, da haben wir sie geschlachtet.“ Wir sitzen in den Schaukelstühlen vor der Hütte. „Lass uns Geschichten erzählen!“, sagt sie und mir wird mulmig. Tok stories ist ein hiesiges Hobby, aber welche Märchen kenne ich auswendig - und noch dazu auf Englisch? Als es dunkelt, ersterben die Worte, die Menschen flüstern nur noch, ein letzter Piepser des Vogels über uns im Baum. Nur das Meer schwappt gleichmäßig leise an den Strand.

Papua-Neuguinea - Kuskus

Rote Zähne grüßen - Moning tru

Morgens gibt es kräftigen, schmackhaften Hochlandkaffee. „Moning tru!“, einen wirklich schönen Morgen, grüßt Timothy, der Fahrer des Begleitbusses und entblößt seine rot gefärbten Zähne beim Lächeln. Rote Zähne grüßen allerorten, denn Betelnuss-Kauen ist die lokale Passion. „Das ist unser Whisky!“, erklärt Terrence, „Die Ausländer meinen, Buai sei eine Droge. So ein Quatsch!“

Trick fünf

Es ist noch früh, denn nicht Trick siebzehn ist gefragt, sondern Trick fünf: Um fünf Uhr aufstehen und losradeln, dann ist es noch nicht so heiß und man erreicht vor der Mittagszeit den Zielort. Immer noch flüstern die Dorfbewohner. Das ist so von der Abenddämmerung bis zum Sonnenaufgang. Die Vögel erwachen und singen eigenartige, fremde Lieder. Viele kommen extra deswegen hierher: Über 700 Vogelarten gibt es in diesem Land, darunter den schillernden Raggi-Paradiesvogel, Wahrzeichen Papua Neuguineas, 650 Inseln, über 3.000 Orchideenarten, 820 verschiedene Sprachen, 1.000 verschiedene Stämme.

Papua-Neuguinea - Straße

Das Ende des Highways ist in der Hauptstadt der viertgrößten Insel des Landes Kavieng (1) erreicht. Zur Belohnung springe ich in ein Boot und düse über die spiegelglatte See nach Lissenung. Hier braucht es kein Rad, denn das Inselchen, auf dem ein Resort ist, ist ungefähr so groß wie ein Fußballfeld. Schnorcheln, tauchen, surfen, schwimmen, die hervorragende Küche genießen oder einfach vor dem hübsch eingerichteten Bungalow im Sessel dösen, auf den weißen Strand und ins türkise Wasser starren, die Radtour Revue passieren lassen. Südsee pur.



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