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Reiseführer Nordzypern

Vounos

Ein Besuch des prähistorischen Friedhofs lohnt eigentlich nicht. Es gibt wenig zu sehen. Zu allem Unglück haben auch noch fragwürdige Baumaßnahmen das bis dahin unberührte, von Buschwerk bewachsene Hügelgelände in Mitleidenschaft gezogen. Was dort im Frühjahr 2004 mit dem Einsatz von Bulldozern seinen Anfang nahm, war ein nordzyprisches Lehrstück für den Umgang mit dem kulturellen Erbe des Landes: Erschreckende Ahnungslosigkeit und Kompetenzwirrwarr auf politischer Ebene wurden sichtbar, dazu gesellten sich Gleichgültigkeit und schlichte Frechheit auf Seiten der kommerziell Involvierten. Dabei war die Ausgangssituation eindeutig, denn der Ort ist seit Jahrzehnten als „Grade One Archaeological Site“ ausgewiesen, für deren Verwendung und Pflege verbindliche Regeln existieren.

Als nach einem Jahr kontroverser Debatten Bauunternehmer und Behörden im April 2005 einen Kompromiß aushandeln konnten, atmeten alle Betroffenen auf. Der Unternehmer sah die „Reputation“ seiner Firma nicht mehr in Frage gestellt, außerdem winkte Kompensation und unter den um das historische Erbe Nordzyperns Besorgten wuchs die Hoffnung auf rasches und entschlossenes Handeln auf Seiten der offiziellen Stellen, sollten wieder einmal Bulldozer anrücken, um auf historisch bedeutsamen Terrain Unheil anzurichten.

Die Bedeutung von Vounos

Der Erhalt dieser in der Nomenklatur der Archäologen Vounous genannten Nekropole aus der Frühen Bronzezeit (ca. 2400 – ca. 1900 v. Chr.) ist schon deshalb unverzichtbar, weil allein die Architektur ihrer Grabstätten (und natürlich auch die andernorts verwahrten Fundstücke) Auskunft über das religiöse und soziale Leben jener Epoche geben. Auch gilt es als sehr wahrscheinlich, dass noch eine größere Zahl unberührter Gräber unter dem Erdreich schlummert. Die zur Totenstadt gehörende „Stadt der Lebenden“ wurde bis auf den heutigen Tag nicht entdeckt – wie schon in vielen anderen Fällen, wo man Grabfelder freilegte, die dazugehörigen Siedlungen aber nicht lokalisieren konnte. Die bisherige Kenntnis über die Kultur der Frühen Bronzezeit fußt also nahezu ausschließlich auf Grabfunde und Grabarchitektur, zumal es aus dieser Epoche keine schriftlichen Quellen gibt.

Form und Ausstattung der Gräber zeugen vom wirtschaftlichen Wohlergehen des Landes. Es war eine Zeit großen Fortschritts, der durch das Wirken handwerklich versierter und technologisch überlegener Einwanderer aus Kleinasien in Gang gesetzt wurde. Ihre Bestattungsriten und religiösen Praktiken beeinflußten die Gewohnheiten der Alteingesessenen, ihre Kenntnisse auf metallurgischem Sektor kamen der kaum entwickelten zyprischen Kupferindustrie zugute und die Keramikproduktion brachte jetzt reizvolle Mischformen hervor. Schöne Exemplare rotpolierter Gefäße mit anatolischer Silhouette (spitze Schnabelausgüsse, hohe Hälse, flache Standfläche) sind im Zypern-Museum zu bewundern – beeindruckende Beispiele für die langsame Verschmelzung der fremden mit der einheimischen Zivilisation.

vounos, Nordzypern

Fund aus Vounos

Dem Intermezzo anatolischer Stilelemente folgte eine Rückbesinnung auf urzyprische Formen und Farben. Die rot auf weiß bemalte Tonware aus der zurückliegenden Epoche des Chalkolithikums erlebte mit ihren mattroten Mustern auf crèmefarbenem Grund eine neue Blüte. Es war geradezu eine Explosion der Gestaltungsfreude, eine Freisetzung unbändiger Phantasie, die sich jetzt in Vounous und an anderen Orten Bahn brach, neue geometrische Motive und stilisierte Tiere entwarf, winzige Menschen- und Tierfiguren schuf, die auf dem Rand flacher Gefäße aufsaßen, brettartige Idole mit eingeritzten Verzierungen und Vasen in Tiergestalt entstehen ließ oder eine bootartige Pyxis (Behälter für Toilettengegenstände), deren beide Enden plastische Reiterfigürchen schmücken. Als Krönung dieser reichen Schaffensphase und zugleich wertvollstes Zeugnis der kulturellen und religiösen Entwicklung jener Zeit gilt das Tonmodell eines „Temenos“, d. i. der eingefriedete Bereich eines Heiligtums, in Gestalt einer Schale von 30 cm Durchmesser, die 19 menschliche und vier Tierfiguren zu einer kultischen Handlung versammelt. Nicht weniger berühmt ist ein weiteres Fundstück aus dem Gräberfeld von Vounous. Das Terrakottamodell stellt eine Pflügerszene dar: zwei Paar zusammengespannte Ochsen ziehen einen Pflug, dahinter erkennt man je eine menschliche Gestalt.

Gräber . . .

Der Hügel von Vounous beherbergt überwiegend Familiengräber. Leicht geneigte, seitlich eingefaßte Zugänge, sog. „Dromoi“, führen auf die Felskammergräber zu. Manche von ihnen besitzen zwei große Kammern, andere weisen in der Dromoswand kleine Zellen für Einzelbestattungen auf. Dazu zwei Beispiele: Grab Nr. 85 hat einen Dromos von 3,14 m Länge, 2,36 m Breite und 1,38 m Tiefe, seine erste Kammer ist 2,78 m lang, 2,80 m breit, die zweite Kammer mißt 1,90 m in der Länge und 1,50 m in der Breite. Grab 154 besitzt einen 2,54 m langen, 1,80 m breiten und 1,52 m tiefen Dromos. Die einzige Kammer ist 2,70 m lang und 2,35 m breit.

vounos, Nordzypern

Fund aus Vounos

Die Toten wurden auf den Boden oder auf ausgehauene Steinbänke gelegt, in den ältesten Gräbern auch in Hockerstellung beigesetzt. Eine Fülle von Grabbeigaben umgab sie. Dazu zählten Kultgefäße, Spinnwirtel, Webgewichte, Messer, Schleifsteine, Meißel, Pinzetten, Gewandnadeln, Haar- und Ohrenschmuck, Lanzenspitzen, Dolche und auch eine vollständige Geschirrausstattung (Schüsseln, Amphoren, Krüge, Schalen, Tassen, Flaschen) begleitete die Verstorbenen auf ihrem Weg ins Jenseits.

Neben den Skelettresten der Toten fand man auch Knochen der domestizierten Tiere jener Zeit: Ochse, Rind, Ziege, Schaf.

. . . und ihre Entdecker

Die Existenz des Gräberfelds von Vounous war in der Gegend kein Geheimnis. Spätestens als sich die Archäologen zu den unterirdischen Kammern vorgearbeitet hatten, wurde offenbar, dass schon lange vor ihnen schatzsuchende Grabräuber am Werk gewesen waren.

Als 1930 rotpolierte Vasen, die offensichtlich aus Vounous stammten, in Kyrenia (heute: Girne) auftauchten, schritt der damalige Leiter des Cyprus Museum, Porphyrios Dikaios, zu „rescue excavations“, die 1931/32 eine Fülle von Fundstücken ans Tageslicht beförderten. Dikaios grub 1931 die Gräber 1 bis 31 und im Jahre 1932 die Gräber 32 bis 48 im westlichen Bereich des Hügels (= „Site B“) aus. Über das Hügelgelände verteilten sich damals 14 Äcker, von denen fünf türkisch-zyprischen und neun griechisch-zyprischen Bauern aus Bellapais bzw. Kazaphani (heute: Ozanköy) gehörten. Mit ihnen wurde zäh um die Freigabe des Areals verhandelt und auch bei den späteren Grabungen ging nichts ohne Kompensation.

1933 stieß der Straßburger Archäologe Claude Frédéric Armand Schaeffer im Auftrage des französischen Nationalmuseums dazu (im Jahr darauf löste er das „Rätsel“ von Enkomi). Gemeinsam mit Dikaios legte er in „Site B“ die Gräber 49 bis 79 frei. Viele Fundstücke aus Vounous fanden seinerzeit wie selbstverständlich den Weg in das „Musée du Louvre“ in Paris, das eine der bedeutendsten Sammlungen zyprischer Antiken außerhalb der Insel beherbergt. Der abschließende Bericht über Schaeffers Ausgrabungen 1933 erschien erst siebzig Jahre später als Band 130 der in Göteborg herausgegebenen Schriftenreihe „Studies in Mediterranean Archaeology“ (2003).

Eine Expedition der British School of Archaeology at Athens unter der Leitung von James R. Stewart setzte die Ausgrabungen in den Jahren 1937/38 fort. Die von den Engländern freigelegten Gräber 80 bis 164 verteilen sich auf die schon von Dikaios und Schaeffer durchforschte „Site B“ und nun auch auf die ältere „Site A“ auf der Ostseite des Hügels.

 



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