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Reiseführer Nordzypern

Leben unter dem Halbmond

Nach der Machtübernahme durch die Osmanen war Zypern von Verwüstung und Entvölkerung gezeichnet und weit davon entfernt, aus eigener Kraft einen Neubeginn zu schaffen. Sultan Selim II., der durch seinen Statthalter über die Lage vor Ort bestens informiert war, verkündete nur wenige Wochen nach dem Ende der Feindseligkeiten in einem „ferman“ (Erlaß) ein Wiederaufbauprogramm für die Insel, das dem Handwerk und der Landwirtschaft auf die Beine helfen und dem Land türkische Kolonisten zuführen sollte. Es seien Maßnahmen zu ergreifen, „dass eines Tages Städte und Dörfer wieder blühen werden (…) Als Anreiz sollen jene, die auf besagter Insel eintreffen werden, von Steuern und Abgaben für zwei Jahre befreit werden. Auch werden ihnen ihre Strafen erlassen.“ Neben entwurzelten, gesetzwidrig handelnden und arbeitslosen Personen, denen in Zypern eine neue Chance geboten werde, solle dieser Personenkreis um qualifizierte Handwerker erweitert werden, nämlich: „Schuhmacher, Stiefelmacher, Schneider, Mützenmacher, Weber, Seidenweber, Seidenfärber, Köche, Suppenköche, Kerzenmacher, Sattler, Hufschmiede, Gerber, Zimmerleute, Baumeister, Steinschneider, Goldschmiede, Kupferschmiede, auch Wollkämmer und Krämer (…) Zusätzlich sollen voll taugliche Männer hinzukommen und alle diese Menschen sind mit anständiger Kleidung am Leib und begleitet von ihren Schaf- und Ziegenherden sowie ihren landwirtschaftlichen Geräten noch vor Winteranbruch zu besagter Insel zu bringen.“

Sultan Selim II.
Sultan Selim II.

Eine zweite Säule des Wiederaufbaus stellten demobilisierte Soldaten der Invasionsstreitkräfte, von denen nicht wenige ihre Familien vom Festland nachholten. Diese Soldatenfamilien und die oft unter Zwang aus den Provinzen Konya, Karaman, Kayseri, Niğde, Maraş (in den historischen Landschaften Kappadokien, Kilikien, Kommagene) übergesiedelten Tagelöhner, Bauern und Handwerker bilden den Kern der türkisch-zyprischen Volksgruppe.

Gescheiterter Neubeginn

Den Neusiedlern wurde verwaistes Land zugewiesen – ehemaliger Besitz wohlhabender Kaufleute oder adliger Familien, der Römischen Kirche und des Johanniter-Ordens. Diese Landvergabe gehörte zu den ersten Amtshandlungen der neuen Inselverwaltung mit einem Gouverneur an der Spitze, dem obersten Richter (kadi) und dem Kämmerer (defterdar).

Unter den griechischen Zyprern regten sich Hoffnungen auf ein besseres Leben, die sich auch zu erfüllen schienen, als das neue Regime die anachronistische feudale Gesellschaftsordnung abschaffte und auch die orthodoxe Kirche aus den Fesseln der Römischen Kurie befreite. Doch die Umsetzung der zahllosen Erlasse und gutgemeinten Reformvorschläge scheiterte nur zu oft an einer Administration, die sich in einem Milieu von Korruption, Inkompetenz und Willkür bewegte. Hemmungslose Selbstbereicherung, ein repressives Steuersystem, die Unart, Ämter zu kaufen, sie gar meistbietend zu versteigern, die Vernachlässigung der Infrastruktur kennzeichnen eine Fehlentwicklung, die eine Notlage von bedrückenden Ausmaßen zur Folge hatte. Die desolate Lage Zyperns verschärfte sich noch durch die nachlassende Bedeutung des östlichen Mittelmeerraums für den internationalen Warenaustausch, seit sich die Handelsströme atlantisch orientierten.

Noch einmal versuchte Sultan Selim II., mittels wohlklingender Appelle das gestörte Verhältnis zwischen Neusiedlern und Besatzungsorganen auf der einen und den christlichen Untertanen auf der anderen Seite zu bereinigen. Die Lage der Rayah (der christlichen Untertanen) sei ziemlich schlecht, ließ er verlauten, ihnen dürfe keine Gewalt angetan werden, vielmehr sollten sie gerecht behandelt werden. „Es ist wichtig, sowohl bei der Durchsetzung der Entscheidungen der Sharia (dem islamischen Recht) als auch bei der Erhebung der staatlichen Steuern die Rayah zu respektieren und zu schützen, damit das Land zu seinem früheren Wohlstand zurückfindet. Ich ordne deshalb an, den uns von Gott anvertrauten Rayah so viel Schutz und Barmherzigkeit wie nur möglich angedeihen zu lassen.“

Es half nichts. Das System offener und verdeckter Ausbeutung verfestigte sich, der wirtschaftliche und soziale Niedergang Zyperns schien unaufhaltsam. Immer häufiger kam es zu Hungersnöten, die in Revolten mündeten, an denen Griechen und Türken der Insel gleichermaßen beteiligt waren. Viele versuchten ihr Heil in der Flucht. Die Bevölkerungszahl ging zurück.

Umsturzpläne

In dieser Zeit allgemeiner Unsicherheit formierte sich hinter verschlossenen Türen Widerstand. Es waren ihrer einstigen Machtstellung nachtrauernde Clans, die gegen die osmanische Administration konspirierten. Mit einer Flut von Petitionen, Denkschriften und teilweise absonderlichen Planspielen bestürmten sie alle jemals in die zyprischen Belange verstrickten europäischen Mächte. Frankreich und Spanien waren darunter, die Toskana und Savoyen, der Vatikan, die Malteser. Diese sollten ihre „Rechtsansprüche“ geltend machen, lautete die Forderung, die Waffen ergreifen und die muslimischen Machthaber von der Insel verjagen. Daß die besonders im 17. Jahrhundert zahlreichen Umsturz- und Invasionspläne im Sande verliefen, lag nur zum Teil an ihrer dilettantischen Planung. Viel stärker fiel die groteske Fehleinschätzung der Interessenlage der europäischen Mächte ins Gewicht. Mit scharfen antiosmanischen Parolen sparten jene keineswegs, hatten aber mit ihren eigenen dynastischen Problemen und Territorialkonflikten alle Hände voll zu tun. Von Kreuzzugsbegeisterung konnte schon lange keine Rede mehr sein, eine antimuslimische Front im fernen Zypern paßte einfach nicht mehr in die Zeit. Was die Europäer dagegen vorrangig interessierte, war die Ausweitung ihrer Handelsbeziehungen mit der osmanischen Welt. Und die Zyperngriechen? Die ihnen von den Verschwörern zugedachte Rolle, im Falle eines Angriffs das osmanische Inselregime von innen zu destabilisieren, erwies sich als Selbsttäuschung, denn von Kampfbereitschaft waren sie weit entfernt.

Reformansätze

Die angespannte Lage auf der Insel zwang die Hohe Pforte in Istanbul nach Auswegen zu suchen. Ein beschränktes Mitspracherecht für die christlichen Untertanen sollte die Wogen glätten und 1660 wurde den orthodoxen Bischöfen ein Interventionsrecht beim osmanischen Großwesir (Premierminister) eingeräumt. Auch die Eingliederung Zyperns in andere Verwaltungsbezirke war als Maßnahme gedacht, die der Insel Vorteile bringen sollte. Doch die Situation blieb unbefriedigend. Immerhin wurde im 18. Jahrhundert der orthodoxe Erzbischof als „Ethnarch“ d. h. als politisch-religiöses Oberhaupt der Zyperngriechen anerkannt, in einer Position also, die er faktisch schon lange innehatte. Ein zweischneidiger Erfolg überdies, war doch der Volksgruppenführer nicht ohne Einfluß auf die Reichsspitze in Istanbul, doch mußten die Griechen auch erkennen, dass ihre Kirchenführung sich bereitwillig in den osmanischen Machtapparat einbinden ließ, an der rücksichtslosen Steuereintreibung partizipierte, sich der Jagd nach Privilegien und weltlichem Glanz verschrieb. Zwischen Klerus und Kirchenvolk drohte eine Entfremdung.

Nicht nur in Zypern, in allen Provinzen des Osmanischen Reiches häuften sich die Krisenanzeichen. Militärische Erfolge blieben aus, großräumige Gebietsverluste mußte das Land hinnehmen, es häuften sich Aufstände, Befreiungsbewegungen erstarkten, massiv unterstützt von Rußland. Der alarmierende Verfall des Osmanischen Reiches, das, wie ein Historiker drastisch formulierte, „zum Schacherobjekt der Großmächte herabgesunken war“, ließ in Istanbul die Einsicht wachsen, ohne durchgreifende Reformen würde das Reich seine Zukunft verspielen.

Der erste „Reformsultan“, Selim III. (1789-1807), sah sich massiven Widerständen gegenüber und scheiterte. Sein Nachfolger, Mahmud II. (1808-1839), wurde zum eigentlichen Bahnbrecher der Reformbewegung „tanzimat“ (neue Ordnungen). Ihm folgten die Sultane Abdulmecit I. (1839-186, s. Abbildung rechts) und Abdulaziz (1861-1876). Was damals in Angriff genommen wurde, war nicht weniger als eine Jahrhundertaufgabe, an deren Ende Kemal Atatürk stand, der die Erneuerung des türkischen Staates und seiner Institutionen zu einem modernen türkischen Nationalstaat vollendete.

Die Auswirkungen der Reformbewegung auf die zyprischen Belange blieben hinter den Erwartungen zurück. Manches versickerte auf verschlungenen Amtswegen, man schottete sich ab, fürchtete um Privilegien und Pfründen. Dennoch zeichnete sich in der Wirtschaft und in den persönlichen Lebensumständen ein langsamer Wandel zum Besseren ab.

Zyperns traditionelle Exportgüter Johannesbrotschoten und Meersalz, Baumwolle und Wein, Wolle, Seide und Weizen waren wieder gefragte Güter. Famagusta spielte als Warenumschlagplatz im Gegensatz zum Hohen Mittelalter nur noch eine untergeordnete Rolle. Dagegen nahm die Bedeutung Limassols zu, erreichte aber nicht den Rang von Larnaca, wo auch die Konsuln residierten und ausländische Kaufleute ihren Geschäften nachgingen. Die prosperierende Wirtschaft und Fortschritte in der Bildungs- und Gesundheitspolitik schlugen sich in einem Anstieg der Einwohnerzahl nieder. Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sie mit nur noch 84.000 Seelen einen erschreckenden Tiefstand erreicht, lag aber 1881, drei Jahre nach dem Ende der türkischen Herrschaft, schon bei 186.000, davon waren 24,4 % Muslime und 73,9 % orthodoxe Christen.

Zypern im russisch-englischen Interessenkonflikt

Schon der Krim-Krieg (1853/56) hatte gezeigt, dass Großbritannien und andere westliche Mächte nicht gewillt waren, einen Zugriff Rußlands auf osmanisches Territorium zu tolerieren. Dahinter stand die Furcht, das labile europäische Kräftegleichgewicht könne aus der Balance geraten und überdies Englands Land- und Seeverbindungen nach Indien durch eine russische Expansion gefährdet werden. Die Dauerkrise um den „kranken Mann am Bosporus“ erhielt zusätzlichen Zündstoff, als nach einem weiteren russisch-türkischen Waffengang (1877/78) Istanbul der Abtretung kaukasischer Gebiete an Rußland zustimmen mußte.

Mehmet Veis

Mehmet Veis, osmanischer Gouverneur in Zypern in der 2. Hälfte des 19. Jhs.

England reagierte jetzt schnell. Man erinnerte sich in London der Insel Zypern als eines möglichen militärischen Stützpunkts gegen das weitere russische Vordringen. Schon Jahrzehnte zuvor war Zypern von London als „Kandidat“ für diesen Zweck ins Auge gefaßt worden. Als Alternativen waren seinerzeit Haifa, Akkon, Lemnos, Lesbos, Rhodos und Kreta im Gespräch. Jetzt, im April 1878, entschied man sich auf Grund seiner unbestreitbaren strategischen Gunstlage für Zypern.

Am 5. Mai 1878 erläuterte Premierminister Disraeli der englischen Königin Victoria das Zypernprojekt. Danach begannen Geheimverhandlungen zwischen dem britischen Botschafter in Istanbul, Layard, und Sultan Abdulhamid, die am 4. Juni erfolgreich abgeschlossen wurden. Am Vorabend der Vereinbarung hatte ein Dragoman der deutschen Botschaft der Hohen Pforte die offizielle Einladung zum Berliner Kongreß überbracht. Unter dem Vorsitz Bismarcks sollten im Juni/Juli die Staatsoberhäupter der führenden Mächte Europas die in der Balkan- und Orientkrise aufgebrochenen Konflikte mit ihren möglichen Auswirkungen auf die europäische Staatenwelt debattieren und eine Lösung ausarbeiten.

Obwohl schon vor dem Berliner Kongreß zwischen England und der Türkei vereinbart, war die Übernahme Zyperns durch die Briten natürlich ein zentrales Thema in Berlin.

Das Resultat der englisch-türkischen Geheimverhandlungen, die „Convention of Defensive Alliance between Great Britain and Turkey with respect to the Asiatic Provinces of Turkey“ (auch kurz Cyprus Convention genannt), lautet in ihren Kernsätzen:

„Wenn Batum, Ardachan und Kars oder irgend ein Teil dieses Gebietes von Rußland besetzt gehalten wird und wenn Rußland in Zukunft irgendwelche Versuche machen sollte, weitere asiatische Besitzungen seiner Majestät, des Sultans, in Besitz zu nehmen, verpflichtet sich England, mit Waffengewalt dem Sultan bei der Verteidigung seiner Besitztümer beizustehen.

Dahingegen verspricht der Sultan, die später zwischen beiden Mächten zu vereinbarenden notwendigen Reformen in der Verwaltung dieser Gebiete einzuführen und die dortigen Christen und anderen Untertanen der Pforte zu schützen. Um England die Durchführung seiner Verpflichtungen zu ermöglichen, willigt der Sultan ein, die Insel Zypern von England besetzen zu lassen..."

 



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