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Reiseführer Nordzypern

Max Ohnefalsch-Richter (1884)

"Das griechische Familienleben auf Cypern ist ganz und gar nicht so rosig und golden, als wie es Franz von Löher in seinem "Cypern" beschreibt. Die besseren Familien in den Städten etwa ausgenommen, nimmt die Frau ganz und gar nicht die hohe Stellung ein, von der Franz von Löher spricht, sondern eine niedrige, vielfach die der Dienerin. Ein cyprischer Bauer von einem andern Bauer eingeladen, könnte es vielfach als Beleidigung auffassen, gestatte der Gastgeber der eigenen Frau einen Platz beim Schmause. Die Frauen bedienen die Männer und essen nachher allein. Auch ehrlich ist der cyprische Bauer zuweilen nur dann, wenn er ehrlich sein muß; er ist oft ehrlich aus Furcht. Er ist oft genau so verschmitzt und durchtrieben wie andere Orientalen; nicht besser und nicht schlimmer. Man findet jedoch auch eine bedeutende Anzahl ehrlicher Leute, und gerade auch unter dem niedern Volk. Einen zuverlässigen Arbeiter gibt der cyprische Bauer noch viel weniger ab. Er arbeitet nur, wenn er sich von einem strengen Arbeitgeber beobachtet sieht, und meist nur dann, wenn ihn die Noth zur Arbeit zwingt.Auch da unterscheidet er sich um nichts von anderen Orientalen. Nur phlegmatischer ist er und oft von ruhigerm Temperament. Die heutigen Cyprioten sind keine besonders guten Seeleute und Fischer. Sie eignen sich auch viel weniger zu Feldbauern oder zu Handelsleuten. In jedem Bauer steckt ein Stück von einem Bankier oder Diplomaten trotz aller sonstigen Unwissenheit. Der heutige Cypriot ist wie sein Vorfahr im Alterthum im allgemeinen sehr sinnlich und bleibt es oft bis ins hohe Alter. Das gilt für dasVolk auf dem Lande wie in den Städten, für viele Kreise (...) Manche Cyprioten, auch auf den Dörfern leben in wilder Ehe, und manche verheirathete Männer halten sich neben der Frau mehr oder weniger öffentlich eine Maitresse. Natürlich sollen diese Verhältnisse nicht als besonders cyprische hervorgehoben werden. Sie wären gar nicht betont worden, hätten nicht Autoritäten zu schön gefärbt. Gewisse auf Cypern länger ansässige Europäer treiben es übrigens nicht besser als gewisse Cyprioten. Auch die vielgerühmte cyprische Gastfreundschaft (sie gehört immer noch zu den schönsten Tugenden des Cyprioten) hat überall dort erheblich nachgelassen, wo englische Beamte verkehren. Daran tragen wohl aber mehr die Engländer als die Cyprioten die Schuld, indem die erstern oft die letztern viel zu barsch und unfreundlich behandeln. Ich habe beobachtet, daß man mich meist überall dort williger und besser aufnahm, wo ich nicht als englischer Beamter erschien, oder wo ich nicht für einen englischen Beamten angesehen wurde (...) Die Unwissenheit des Klerus auf dem Lande ist unglaublich. Hat ein junger Bauer schöne Haare, läßt er sich sie lang wachsen, lernt er die Kirchengebete und Formeln herunterplärren, wird er erst Diakon, d.h. Priestergehülfe, und später, bringt er nur das nöthige Geld für die nöthigen Gewänder und die Sporteln für den Bischof auf, kann er sich zum Priester wählen und weihen lassen. Ich zeigte einmal einem Kalogiros, einem Priester-Mönche, einen äußerst gut geschriebenen neugriechischen Brief. Er frug mich darauf, ob der Brief Englisch oder Fränkisch enthalte. Indem die englische Regierung das Schulwesen fördert, Schulen unterstützt und neu gründet, schlägt sie den allein richtigen Weg ein, den geistigen Horizont des verdummten niedern Volkes zu erweitern (...) Diejenigen, welche heute noch fortwährend klagen und sich allerdings nur unter derTürkei in einer goldenen Lage befinden konnten, sind gewisse Wucherer und gewisse ehemalige Consularbeamte in den Städten. Jene haben noch heute kleine Landbauern an ihrer Hand, und die beste Ernte kann letztern nicht genügen, um an erstere die Schulden zurückzuzahlen. Verkaufte der Bauer dem Wucherer sein Getreide, wurde gehäuft gemessen und ein Spottpreis berechnet. Brauchte später der Bauer Saatgut, maß man gestrichen und berechnete einen Schwindelpreis. Gewisse Wahlconsuln machten unter der Türkei aus ihrer Stellung ein Geschäft, schmuggelten für andere steuerfrei oder billig versteuerte, niedrig geschätzte europäische Waaren ins Land (Importsteuer ist 8 % vom abgeschätzten Werth noch heute) oder engagierten für wenige Wochen Leute als Kavassen, Dragomane, Sekretäre. Dabei bezahlte nicht der Consul oder Consularagent, sondern die so vorübergehend angestellten Beamten dem erstern eine oft nicht unbedeutende Summe. Diese Zeit, in der so Rajahs, d.h. ottomanische Unterthanen christlicher Confession, die Protection einer europäischen Macht als deren Bedienstete genossen, wurde benutzt, einen sonst sicher verlorenen Proceß zu gewinnen. Ja manche ursprüngliche Rajahs genossen gleichzeitig die Protection mehrerer Mächte ....."

"Meine Thätigkeit auf Cypern begann 1878. Ich hatte mich dahin im September mit einer diplomatischen Empfehlung des deutschen Reichskanzleramtes als Berichterstatter, Illustrator und Photograph begeben". Ehe er sich für zwölf Jahre in Zypern niederließ, hatte Ohnefalsch-Richter (1850-1917) die Naturwissenschaften in Halle studiert, sich als Landwirt versucht und war sechs Jahre als Maler und Fotograf durch Deutschland und Italien gezogen. Mit ersten Planungen eines großen illustrierten Werkes über die Archäologie und Landschaft Italiens befaßt, erreichte ihn die Nachricht von den sensationellen archäologischen Entdeckungen Cesnolas auf Zypern. Letzter Anstoß zu seiner Reise auf die Insel war die Inbesitznahme Zyperns durch die Engländer (1878). Als Korrespondent der "Allgemeinen Zeitung", der "Neuen Freien Presse" und der Zeitschrift "Unsere Zeit", aus deren Band I von 1884 die Auszüge entnommen wurden, schrieb er in einem frischen, unverkrampften Stil über seine Eindrücke und Erfahrungen unter den Griechen und Türken Zyperns, ohne dabei seine eigentliche Liebe, die Archäologie, aus den Augen zu verlieren. 1880 begann er im Auftrage des British Museum nahe Larnaca und Salamis mit ersten Ausgrabungen. Obwohl nicht "vom Fach", hat Ohnefalsch-Richter der seinerzeit kaum entwickelten archäologischen Forschung Zyperns wichtige Impulse geben können.

 



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