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Reiseführer Nordzypern

Maulbeerbaum

Zyprische Chroniken des 19. Jahrhunderts berichten von einer Viertel Million Maulbeerbäumen, die vornehmlich an Orten mit ganzjährig fließenden Wasserläufen kultiviert wurden. Dazu zählten die große Streusiedlung Lapithos, das heutige Lapta, mit seiner berühmten Kephalovrysi-Quelle und andere Dörfer am wasserreichen Nordhang des Beşparmak-Gebirges wie Karavás (türkisch: Alsancak), Agios Amvrosios (Esentepe), Akanthou (Tatlisu) und am Südhang Kythrea (Değirmenlik). Auch einige Dörfer auf der Karpaz-Halbinsel und die Umgebung von Morphou (Güzelyurt) waren Zentren der Kultivierung des Weißen Maulbeerbaums (Morus alba). Seine Früchte ließen sich gut verwerten, doch wichtiger waren seine Blätter, das traditionelle Futter der Seidenraupen. Die damit herangefütterten Raupen begannen nach dem 35. Tag ihres kurzen Lebens aus einem Endlosfaden einen Kokon zu spinnen, aus dem in einem aufwendigen Verfahren der Seidenfaden gewonnen wurde.

Mehr zur zyprischen Seidenproduktion in unserem Kapitel „Seide für Aphrodite“.

Als ostasiatische Billigkonkurrenz die Nachfrage nach zyprischer Seide abstürzen ließ, mußte so mancher Maulbeerbaum neuen Obstkulturen weichen. Der dekorative Baum mit weit ausladender Krone und großen, herzförmigen Blättern hatte als Nutzbaum ausgedient, doch blieben viele erhalten und prägen nun in Gemeinschaft mit Zitrus-, Feigen-, Johannisbrot-, Mandel- und Olivenbäumen die grünen Oasen am Beşparmak-Gebirge.

Schwarz und weiß

Der sommergrüne Laubbaum stammt ursprünglich aus China. Sein enger Verwandter, der Schwarze Maulbeerbaum (morus nigra), ist in Persien beheimatet. Beide Arten werden schon seit der Antike (morus nigra) bzw. dem frühen Mittelalter (morus alba als Futterpflanze für Seidenraupen) im Mittelmeergebiet kultiviert und selbst in mitteleuropäischen Gegenden mit mildem Winterklima sind sie hier und da anzutreffen.

Maulbeerbaum, Nordzypern

Die zur Großfamilie der „Moraceae“ gehörenden Maulbeerbäume erreichen Höhen von 10 – 15 m. Zumeist ist ihr Stamm kurz und gedrungen, oft gewunden, überdacht von einer breit ausladenden, schirmartigen Krone, was dem Baum mehr Breite als Höhe verleiht. Seine Blätter sind bis zu 20 cm lang und 15 cm breit, manchmal fast rund oder breit-eiförmig, öfter aber herzförmig bis dreieckig, wobei die von morus alba oberseits glatt und hellgrün sind, während morus nigra mit dunkelgrünen und sehr rauhen Blattoberflächen aufwartet. Am einfachsten unterscheidet man sie an ihren brombeerähnlichen Früchten. Die Varietät „alba“ bringt weiße bis gelbliche, süß, aber etwas fade schmeckende Früchte hervor, dagegen sind die schwarzen Maulbeeren, wie schon der Name sagt schwarz bis dunkelviolett mit einem angenehm süß-säuerlichen Aroma.

Beerige Leckereien

Im Frühsommer werden Maulbeeren in Nordzyperns Obstgeschäften angeboten. Nicht überall und auch nicht in großen Mengen. Im Prinzip passen sie in jedes Rezept, das eigentlich Brombeeren oder Himbeeren vorsieht. Die in ihrem Geschmack nicht so ausgeprägten weißen Beeren vertragen sich gut mit anderen aromatischeren Früchten. Sie erinnern an weiche Rosinen und eignen sich auch hervorragend als Zutat zum morgendlichen Müsli.

Andere schwärmen von Maulbeer-Essig, der in wenigen einfachen Schritten aus Weinessig und Maulbeeren bereitet werden kann. Er lässt sich, gut vermischt mit verschiedenen Ölen, Senf, Kräutern und Gewürzen zu einer delikaten Marinade weiterverarbeiten, genau das richtige, um Gemüse ebenso wie Fisch und Geflügel geschmacklich aufzumöbeln.

Auf dem türkischen Festland sind Maulbeerleckereien ein gängiges und preiswertes Vergnügen. Besonders die Gegenden um Kemaliye, Malatya, Elaziğ und Adiyaman, wo kernlose Sorten wachsen, sind bekannt für ihre Produkte. „Pekmez“ gehört dazu, der sündhaft süße Maulbeersirup, der auf keinem Frühstückstisch fehlen darf. Oder „pestil“: Mit Mehl oder Stärke angedickter Maulbeersirup, dem mancherorts geriebene Walnüsse beigegeben werden. Auf ausgebreitete Tücher gegossen, wird die süße Masse der Sonne ausgesetzt bis sie gut durchgetrocknet ist, dann mit Mohnsamen bestreut und in dünne Scheiben geschnitten. Auch lässt man die Beeren auf den Flachdächern tagelang in der Sonne trocknen und gewinnt auf diese Weise süßes Knabberzeug für lange Winterabende.

Sehr beliebt ist „cevizli sucuk“, was wörtlich Walnußwurst heißt. Die Zyprer kennen und lieben ihr eigenes „sucuk“, deren Zutaten Mandeln und der angedickte, gekochte Saft von Weintrauben sind, während die festlandstürkische Variante Walnüsse und den Sirup aus getrockneten weißen Maulbeeren vorsieht. Die Herstellungsprozedur ist die gleiche: Hier Walnüsse, dort Mandeln werden in regelmäßigen Abständen auf Schnüre aufgezogen, in den Sirup/den angedickten Weintraubensaft getunkt, dann zum Trocknen aufgehängt und erneut eingetunkt bis die „Wurst“ den gewünschten Durchmesser hat. Nach dem Trocknen lässt sich „sucuk“ in handliche Stücke schneiden.

 



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