| Streiflichter
1821, während des griechischen Unabhängigkeitskrieges, ankerte einer seiner populären Helden im Schutze der Nacht vor Lapta. Es war Konstantinos Kanaris, der mit seinen Mitkämpfern eine Haltung an den Tag legte, „welche in den Augen der heutigen Griechen dem homerischen Heldentum keineswegs nachsteht“, wie der griechische Historiker Pavlos Tzermias schreibt. Mit seiner Brandertaktik hatte er der osmanischen Flotte schwere Verluste zugefügt, benötigte nun dringend Proviant, Rekruten und Waffen. Bei einem gewissen Paspallas im Ortsteil Agía Paraskeví kam er unter und verließ bei Tagesanbruch mit neuer Verpflegung, sechzehn Rekruten und Waffen (vorwiegend feststehende Messer aus Laptas Messerschmieden) die zyprischen Gewässer. Doch das waghalsige Unternehmen war nicht unbemerkt geblieben und so folgte die Vergeltung durch osmanische Kommandos auf dem Fuße.
Unter den Briten war Lapta eine der zehn „municipalities“ (politische Verwaltungseinheiten) der Insel. Sie erhielt 1880 erstmals eine Straßenanbindung an Girne, die aber erst zehn Jahre später mit einer Kiesauflage befestigt wurde. Aus jener Zeit stammt die Reportage über einen Besuch beim Dorfkrämer von Lapta/Lapithos: „Lapithos ist also das größte Dorf Cyperns. Zuerst führt man mich nach dem Geschäftshause meines Gastfreundes. Zur langen Halle zwischen Haus und Orangengarten zieht ein langer Zug waarenbeladener Kameele, wohl mehr denn zwanzig. - Sie gehören alle dem Gastfreunde, der längs der ganzen Nordküste mit den Landeserzeugnissen handelt. Er führt dieselben nach Levkosia (Nicosia) zum reichen Kaufmannskönig Schakali. Bei dem handelt und tauscht er Wolle und Sesam, Baumwolle und Weizen gegen europäische und asiatische Waaren ein, führt sie zurück nach Lapithos und verkauft sie mit gutem Gewinn an Griechen und Türken. Was hast Du nicht alles aufgethürmt und aufgebaut und aufgehangen, ehrwürdiger Gastfreund? Berge von Tschibuks (langstielige Pfeifen) und Fezen (Kopfbedeckungen), von gestickten Decken und schöngemusterten Teppichen, von Tabak und Cigarettenpapier, Schachteln und Schächtelchen, Ohrgehängen, Ketten und Ringen und Armbändern, türkischen Rosenkränzen und Amuletten aus Gold und Silber, Glas und Stein und Metall: das sind Waaren aus Konstantinopel, Smyrna, Beyrut und Alexandrien. Berge von Schießpulver und Schrot, carrirten und geblümten Kattunen (Baumwollgewebe), Streichhölzern, Regenschirmen, Photographierahmen, griechischen und katholischen Heiligenbildern, Kreuzen, Cravaten, Knöpfen, Stöcken, Gläsern, Flaschen, Sackleinwand und Stricken: das sind Waaren aus Europa, von Triest, Neapel, Genua, Marseille. Berge von Bauernstiefeln und Schnabelschuhen, glasperlengezierten Hemden, buntgefransten Handtüchern aus Baumwolle, rohseidenen oder buntseidenen Stoffen, Berge von trockenen Hülsenfrüchten, Hufeisen, Wurfschaufeln, Sensen, Branntweinflaschen und weingefüllten Schläuchen: das sind die Waaren des Landes, von Karpaso, Limasol, Levkosia, Larnaka und Bapho (Paphos). Selbst im menschendurchwogten Toledo Neapels sah ich auf den endlosen Weihnachtstischen und in den Weihnachtsbuden nicht so verschiedene Waaren aufgehäuft, wie hier beim Krämer zu Lapithos. Die Handelsproducte dreier Welttheile, in einem Dorfkramladen beisammen, kann es etwas Originelleres geben?“ (Aus: „Spazierritte durch Cypern“ von Max Ohnefalsch-Richter, hier unter dem Pseudonym C. Cin, veröffentlicht 1879 in dem Magazin „ Alte und Neue Welt“, Einsiedeln) 1905 erhielt Lapta einen Polizeiposten. In den 20er Jahren, während der Amtszeit von Bürgermeister Kyrios Kaplanis, blühte der Ort auf. Viele der neoklassizistischen öffentlichen Bauten wie die „Town Hall“ entstanden damals. Straßen und Schulen wurden gebaut, die Anlage von Zitronenplantagen forciert. Im August 1915 berichtete das englische Wochenblatt „The Near East“ von einem Zwischenfall auf dem Fest des Propheten Elias, der sich an der Frage entzündet hatte, welches der beiden rivalisierenden Dörfer (vermutlich Karavas/Alsancak und Lapithos/Lapta) die Haupttänzer vor dem Caféhaus stellen sollte: „Zwei schon heftig angetrunkene Männer aus einem der Dörfer beanspruchten diese Rolle für sich, was ihnen von den Rivalen aus dem anderen Dorf streitig gemacht wurde. Darauf erhob sich ein wildes Geschrei und die Festteilnehmer – Männer wie Frauen – teilten sich in zwei feindliche Gruppen. Wurden anfangs nur Steine und Stöcke eingesetzt, griff man schließlich zu Messern und fügte sich gegenseitig schwere Wunden zu. Die Auseinandersetzung zog sich bis Mitternacht hin und führt drastisch vor Augen, was sich auf zyprischen Festen gar nicht so selten ereignet, besonders dann, wenn gut gerüstete Polizeipatrouillen durch Abwesenheit glänzen. Das Gesetz, welches das Mitführen von dolchähnlichen Messern verbietet, kann natürlich kaum das Fortbestehen derartiger nationaler Gewohnheiten verhindern.“ Es ist kein Geheimnis, daß der Ort eine Hochburg der zyperngriechischen EOKA-Guerilla war. Viele junge Lapithioten ließen sich für den Untergrundkampf gegen die Briten schulen und taten sich als Saboteure, Bombenleger und Heckenschützen hervor, was von den Kolonialbehörden mit drakonischen Strafen geahndet wurde. Als 1964 die Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen einen Höhepunkt erreichten, verließ die zyperntürkische Gemeinde (etwa 370 Personen) das Großdorf mit damals rund 3.500 Einwohnern und suchte Unterschlupf in der türkischen Enklave am Nordrand von Nicosia. Zehn Jahre später, nach der de-facto-Teilung des Landes, kehrten sie zurück und mit ihnen siedelten sich Flüchtlinge aus Paphos und Umgebung im Bergdorf an, Festlandstürken gesellten sich 1978 dazu. Die letzten Griechen verließen ihr Heimatdorf im September 1976. |