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Reiseführer Nordzypern

Krisenjahre

Selbst auf dem Höhepunkt ihrer Macht sahen sich die Lusignan-Herrscher außerstande, den seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt zwischen den verfeindeten Handelsmächten Genua und Venedig von der Insel fernzuhalten. Im Wettstreit der Rivalen um lukrative Märkte und politischen Einfluß im levantinischen Raum waren die Genuesen zunächst die Erfolgreicheren. Sie hatten die Gelegenheit beim Schopfe gefaßt und in dem Machtkampf zwischen Teilen der Inselaristokratie und ihrem Oberlehnsherrn, dem deutschen Kaiser Friedrich II., für die Barone Partei ergriffen. Ihr Beistand brachte den Genuesen einträgliche Handelsprivilegien und weitreichende exterritoriale Rechte auf Zypern ein.

Die Spannungen zwischen den verfeindeten Seerepubliken, die sich mittlerweile in Zypern wie Staaten im Staat aufführten, entluden sich, als die Genuesen im Oktober 1372 einen protokollarischen Rangstreit mit Venedig zum Anlaß nahmen, große Teile der Insel mit Waffengewalt unter ihre Kontrolle zu bringen. Mit der Okkupation Famagustas und ruinösen Entschädigungs- und Tributforderungen an das wehrlose Königshaus begann eine neunzig Jahre dauernde Leidensgeschichte wirtschaftlicher Ausbeutung und politischer Bevormundung durch Genua.

Um welche ungeheuren Summen es dabei ging, verdeutlicht die endgültige Vertragsvereinbarung vom 21. Oktober 1374, nach der sich Zypern zur jährlichen Zahlung eines Tributs in Höhe von 40.000 florins (Gulden) verpflichtete. Mehr als zwei Millionen florins waren, gestreckt über einen Zeitraum von 12 Jahren, an die MAONA CYPRI zu zahlen, eine eigens für das Zypernunternehmen ins Leben gerufeneprivate Finanzgesellschaft in Genua und weitere 90.000 florins mußten als Kompensation für genuesische personelle und materielle Kriegsverluste aufgebracht werden. Als Pfand behielt Genua Stadt und Hafen Famagusta und nahm überdies noch Mitglieder aus Königshaus und Hochadel in Geiselhaft.

Während die MAONA CYPRI die Tresore der heimischen Bank von San Giorgio mit zyprischem Geld füllte, braute sich neues Unheil zusammen. Für die Mamluken Ägyptens war die Zeit der Rache gekommen. Die Mamluken (auch: Mamelucken) waren die Nachfahren der einst von muslimischen Machthabern ins Land geholten turkstämmigen Soldatensklaven. Besonders im Raum Syrien-Ägypten errangen sie eine beherrschende Stellung im Militärwesen. Nach dem Ende der von Saladin begründeten Dynastie der Eyyubiden, rissen sie die Macht an sich und machten Kairo zur Hauptstadt ihres Einheitsstaates und zum Zentrum der islamischen Welt. Von hier nahm 1426 die Strafexpedition gegen Zypern ihren Ausgang. Sultan al-Malik al-Ashraf Barsbay (reg. 1422-1438) schlug die schwache königliche Streitmacht vernichtend und kehrte im Triumph mit unzähligen Gefangenen, darunter König Janus, nach Kairo zurück. Auch der Mamluken-Herrscher verlangte nun seinen Anteil am schwindenden Reichtum Zyperns.

Der Fall Cornaro

Eine Zeitlang schien es, als ließe sich der Verfall des Königreichs aufhalten, hatte sich doch mit Jacques II. ein zu allem entschlossener Machtmensch den Weg an die Spitze der Dynastie gebahnt. Seinen vermeintlichen Thronanspruch hatte er gegen die legitime Thronfolgerin, seine Halbschwester Charlotta, mit Gewalt durchgesetzt, Famagusta zurückerobert und die genuesische Besatzung vertrieben. Jacques le Bâtard (der Bastard), wie man ihn abfällig nannte, galt als Günstling Venedigs.

Historische Karte von Zypern

"Cezire Kibris" (Insel Zypern) aus dem "Kitap-i Bahriye" (etwa: Das
Marine-Buch) des osmanischen Flottenkommandanten Piri Reis (1521)
Quelle: Skylife Nr. 208, Nov. 2000

Die Stadt am Lido bildete auch die Kulisse für ein Verhandlungsmarathon, zu dem zyprische Emissäre angereist waren, um mit Vertretern der Republik und Mitgliedern der Familie Corner (Cornaro), einem einflußreichen venezianischen Patriziergeschlecht, einen Ehevertrag auszuhandeln, der Jacques II. und die jugendliche Cornarotochter Caterina zusammenführen sollte. Für die Beobachter des Geschehens stand außer Frage, dass Venedig mit dieser Liaison zielstrebig die Machtübernahme auf Zypern vorbereitete.

In das Heiratsprojekt waren auch die zwei auf Zypern ansässigen Stränge der weitverzweigten Cornarofamilie involviert: Die „Corner da Piscopia“, Eigner des Zuckerrohrimperiums von Episkopi und die Familie des Bankiers Marco Cornaro, der schon 1444 Hauptgläubiger des Lusignankönigs Jean II. (des Vaters von Jacques) war. Im Ehevertrag wurde die Mitgift Caterinas auf 61.000 Dukaten festgesetzt, wovon die Familie freilich nur 36.000 zahlte, aber 25.000 als Schuldenleistung einbehielt. Damit war aus Sicht der Cornaros das Schuldenproblem zufriedenstellend gelöst und ihre wirtschaftliche Position auf Zypern nachhaltig gestärkt.

Als Jacques II. 1473 nur wenige Monate nach der Hochzeit unter mysteriösen Umständen zu Tode kam und auch sein nachgeborener Sohn starb, hielt sich hartnäckig das Gerücht, venezianisches Gift sei im Spiel gewesen. Dieser Verdacht drängte sich förmlich auf, nachdem der König offen Venedig brüskiert und die einflußreiche „Katalanische Partei“ favorisiert hatte, eine gegen Venedig konspirierende Clique aragonesischer, katalanischer und sizilianischer Adliger.

Caterina Cornaro, die Patrizierin aus Venedig, übernahm die Krone Zyperns. Doch wirkliche Machtausübung verhinderten die Beauftragten der Serenissima, die längst Schlüsselpositionen des schwachen Inselreichs besetzt hielten und hinter königlichen Fassaden die Strukturen des kommenden Kolonialregimes entwarfen. Mit allen Vollmachten ausgestattete „Sonderberater“ lenkten unterdes die hilflose Königin, die nach sechzehn demütigenden Jahren vor dem Druck der Republik und den offenen Drohungen von Familienangehörigen kapitulierte und das zyprische Erbe der Lusignans 1489 den Venezianern überließ.

Mit der Machtübernahme durch die Lido-Metropole endete die fast dreihundertjährige Herrschaft des Hauses Lusignan über Zypern. Der letzte Kreuzfahrerstaat war Geschichte.

 



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