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Reiseführer Nordzypern

Kibrisli Mehmet Emin Pascha (1813-1871)

Zwei Söhne Zyperns bekleideten im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts als Großwesire das höchste Verwaltungsamt des Osmanischen Reiches. Ihr Aufgabenbereich entsprach dem eines Premierministers in einem westeuropäischen Land. Der Bekanntere von beiden ist sicher Mehmet Kamil Pascha (1832-1913) aus Lefkosa, der gleich vier Mal Regierungschef des osmanischen Vielvölkerstaates war. Sein aus Paphos im südwestlichen Zypern gebürtiger Vorgänger Kibrisli Mehmet Emin Pascha brachte es dagegen auf drei Amtszeiten.

Mehmet Emin Pascha -zur Unterscheidung von den vielen anderen Politikern gleichen Namens führte er den Beinamen "Kibrisli" (der Zyprer)- erlebte eine für osmanische Amtsträger jener Zeit nicht ungewöhnliche Karriere voller überraschender Wendungen und abrupter Brüche. Ein Oheim hatte ihm eine Pagenstelle am Hof des Sultans in Istanbul vermittelt. Obwohl noch blutjung, wechselte er schon bald in das Offizierskorps der kaiserlichen Garde und später auf ausdrücklichen Wunsch des Sultans an die Polytechnische Schule in Paris und die berühmte Kriegsakademie von Metz. Nach Reisen durch England und Deutschland diente er erneut als Major und dann im Range eines Obersts in der Palastwache. Sein erstes militärisches Auslandskommando machte ihn zum Befehlshaber der Festung Akkon an der palästinensischen Küste, 1846 wurde er Gouverneur von Jerusalem, 1848 Kommandant Belgrads.

Der Wechsel in den diplomatischen Dienst führte ihn 1852 als Botschafter an die Vertretung des Osmanischen Reiches in London und hier spielte sich etwas ab, was die in Augsburg erscheinende "Allgemeine Zeitung" anlässlich ihres Nachrufs auf den zyprischen Großwesir des Sultans Abdülmecit in ihrer Ausgabe vom 25. September 1871 zu der folgenden Anmerkung veranlasste:

"Mehmet Pascha wusste sich dort (in London) sehr bald durch sein solides Wesen und seine staatsmännische Begabung in allen Kreisen Sympathien zu erwerben, als er ebenso plötzlich von dort abberufen wurde, ohne dass man ahnte weshalb. Ja, weshalb? Warum? Niemand wusste es und vergebens wird man sich in London gefragt haben: was denn diese bei Nacht und Nebel erfolgte schleunige Abberufung veranlasst haben mochte. Eine Engländerin war es oder vielmehr eine leichtfertige Levantinerin, die durch Verheiratung mit einem englischen Arzt Engländerin geworden war, dann ihrem Ehemann entlief, in den Harem Mehmet Paschas flüchtete, den Islam annahm und während Mehmet Pascha als Gesandter in London war, in Konstantinopel ihre lockere Lebensweise fortsetzte und zwar zum größten Skandal aller orthodoxen Muselmänner. Statt nun einfach die Person fortzujagen und ihrem Schicksal zu überlassen, machte man daraus eine wichtige Staatsaffaire und es wurde im Ministerrat beschlossen, Mehmet Pascha schleunigst aus London abzuberufen, um die Ehre seines Harems zu bewahren. Mehr als in irgendeinem anderen Land sind die Staatsangelegenheiten der Türkei mit den Fäden der Jupons (elegante Unterröcke) durchflochten."

Nach Syrien versetzt - er war hier kurzzeitig Gouverneur von Aleppo- stieg er 1853 zum Marineminister auf und wurde noch im gleichen Jahr Großwesir. Seine Abneigung gegen den Krim-Krieg kostete ihn zwar sein Amt, schmälerte aber nicht seine einflussreiche Stellung in den politischen Zirkeln Istanbuls. Schon 1858 war er wieder Großwesir, um nach Differenzen mit seinen Ministern zurückzutreten und im Jahr darauf erneut an der Spitze des Staates zu stehen.

Als Gouverneur von Edirne und Mitglied des Staatsrats ließ er seine politische Laufbahn ausklingen. Es war die Zeit, da man in Europa teils amüsiert und selbstgefällig, nicht selten aber auch ernstlich besorgt mit dem Finger auf den "kranken Mann am Bosporus" zeigte. Das kam auch im oben erwähnten, durchaus wohlwollend gehaltenen Nachruf der "Allgemeinen Zeitung" zum Ausdruck, wo es einleitend heißt:

"Wenn der Berichterstatter über türkische Zustände in der Regel nur das traurige Los hat, in Schmutzhaufen aller Art herumzuwühlen und den Augiasstall aller denkbaren und undenkbaren Missbräuche zu eröffnen, so ist es ihm gewiss zu gönnen, wenn er einmal ausnahmsweise ein erfreulicheres Bild dem europäischen Publicum vorzuführen hat und sich der Überzeugung hingeben kann, dass doch noch nicht jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft gänzlich abgeschnitten ist..."

Und im Schluss-Satz erfahren wir, dass es Mehmet Emin Pascha "nicht verstanden hatte, sich zu bereichern. Um seine dringendsten Schulden zu bezahlen, musste er sein Haus verkaufen, worauf er sich auf eine kleine Besitzung am Bosporus zurückzog" .( Die nun alles andere als "klein" war... Mit einer Fassadenlänge von nicht weniger als sechzig Metern gilt sie als größte und stattlichste der alten Holzvillen ("Yali") auf der asiatischen Seite des Bosporus. Für die Istanbuler sind die alten Prachtbauten nicht weniger als "ein Vorgeschmack des Paradieses". Kibrisli´s Villa trägt heute den Namen seines Schwiegersohns "Kibrisli Mustafa Emin Pascha Yalisi".) Weiter heißt es im Nachruf: "Indessen erhielt er noch in der letzten Zeit den Posten eines Ministers ohne Portefeuille, in welcher Eigenschaft er starb. Wenige Tage vor seinem Tode schenkte ihm der Sultan 7.500 Liren, um wenigstens das Andenken dieses vortrefflichen Mannes bei seinen Gläubigern nicht zu beflecken..."

Zu seinen Nachfahren zählten Emin Dirvana, ehemaliger Botschafter der Türkei in Zypern, und Galip Balkar, der als türkischer Gesandter in Belgrad 1982 von vermutlich armenischen Extremisten erschossen wurde.
Seiner Heimatinsel Zypern blieb Kibrisli Mehmet Emin Pascha über all` die Jahre im Dienste des Sultans eng verbunden. So sorgte er 1860 dafür, dass der eingangs erwähnte, aus Lefkosa gebürtige Mehmet Kamil Pascha für fast zweieinhalb Jahre die Leitung der zyprischen religiösen Stiftung "Evkaf" übernahm.

Durch Fürsprache des "Kibrisli" kamen die zyprischen Wehrpflichtigen in den Genuss einer Sonderregelung, die ihnen die Ableistung des Wehrdienstes auf der Insel zugestand. Auch ließ er auf Drängen einer von Erzbischof Sophronios II. angeführten Delegation zyprischer Honoratioren die für Zypern wenig vorteilhafte Zuordnung zum Vilayet (Provinz) der Ägäis-Inseln aufheben und der Insel wenigstens für einige Jahre den Status eines weitgehend unabhängigen Verwaltungsbezirks (mütesarriflik) geben.

 



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