Zwei Söhne
Zyperns bekleideten im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts als Großwesire
das höchste Verwaltungsamt des Osmanischen Reiches. Ihr Aufgabenbereich
entsprach dem eines Premierministers in einem westeuropäischen
Land. Der Bekanntere von beiden ist sicher Mehmet Kamil Pascha (1832-1913)
aus Lefkosa, der gleich vier Mal Regierungschef des osmanischen Vielvölkerstaates
war. Sein aus Paphos im südwestlichen Zypern gebürtiger
Vorgänger Kibrisli Mehmet Emin Pascha brachte es dagegen auf
drei Amtszeiten.
Mehmet Emin Pascha -zur Unterscheidung von den vielen anderen Politikern
gleichen Namens führte er den Beinamen "Kibrisli" (der
Zyprer)- erlebte eine für osmanische Amtsträger jener Zeit
nicht ungewöhnliche Karriere voller überraschender Wendungen
und abrupter Brüche. Ein Oheim hatte ihm eine Pagenstelle am
Hof des Sultans in Istanbul vermittelt. Obwohl noch blutjung, wechselte
er schon bald in das Offizierskorps der kaiserlichen Garde und später
auf ausdrücklichen Wunsch des Sultans an die Polytechnische Schule
in Paris und die berühmte Kriegsakademie von Metz. Nach Reisen
durch England und Deutschland diente er erneut als Major und dann
im Range eines Obersts in der Palastwache. Sein erstes militärisches
Auslandskommando machte ihn zum Befehlshaber der Festung Akkon an
der palästinensischen Küste, 1846 wurde er Gouverneur von
Jerusalem, 1848 Kommandant Belgrads.
Der Wechsel in den diplomatischen Dienst führte ihn 1852 als
Botschafter an die Vertretung des Osmanischen Reiches in London und
hier spielte sich etwas ab, was die in Augsburg erscheinende "Allgemeine
Zeitung" anlässlich ihres Nachrufs auf den zyprischen Großwesir
des Sultans Abdülmecit in ihrer Ausgabe vom 25. September 1871
zu der folgenden Anmerkung veranlasste:
"Mehmet Pascha wusste sich dort (in London) sehr bald durch
sein solides Wesen und seine staatsmännische Begabung in allen
Kreisen Sympathien zu erwerben, als er ebenso plötzlich von
dort abberufen wurde, ohne dass man ahnte weshalb. Ja, weshalb?
Warum? Niemand wusste es und vergebens wird man sich in London gefragt
haben: was denn diese bei Nacht und Nebel erfolgte schleunige Abberufung
veranlasst haben mochte. Eine Engländerin war es oder vielmehr
eine leichtfertige Levantinerin, die durch Verheiratung mit einem
englischen Arzt Engländerin geworden war, dann ihrem Ehemann
entlief, in den Harem Mehmet Paschas flüchtete, den Islam annahm
und während Mehmet Pascha als Gesandter in London war, in Konstantinopel
ihre lockere Lebensweise fortsetzte und zwar zum größten
Skandal aller orthodoxen Muselmänner. Statt nun einfach die
Person fortzujagen und ihrem Schicksal zu überlassen, machte
man daraus eine wichtige Staatsaffaire und es wurde im Ministerrat
beschlossen, Mehmet Pascha schleunigst aus London abzuberufen, um
die Ehre seines Harems zu bewahren. Mehr als in irgendeinem anderen
Land sind die Staatsangelegenheiten der Türkei mit den Fäden
der Jupons (elegante Unterröcke) durchflochten."
Nach Syrien versetzt - er war hier kurzzeitig Gouverneur von Aleppo-
stieg er 1853 zum Marineminister auf und wurde noch im gleichen Jahr
Großwesir. Seine Abneigung gegen den Krim-Krieg kostete ihn
zwar sein Amt, schmälerte aber nicht seine einflussreiche Stellung
in den politischen Zirkeln Istanbuls. Schon 1858 war er wieder Großwesir,
um nach Differenzen mit seinen Ministern zurückzutreten und im
Jahr darauf erneut an der Spitze des Staates zu stehen.
Als Gouverneur von Edirne und Mitglied des Staatsrats ließ er
seine politische Laufbahn ausklingen. Es war die Zeit, da man in Europa
teils amüsiert und selbstgefällig, nicht selten aber auch
ernstlich besorgt mit dem Finger auf den "kranken Mann am Bosporus"
zeigte. Das kam auch im oben erwähnten, durchaus wohlwollend
gehaltenen Nachruf der "Allgemeinen Zeitung" zum Ausdruck,
wo es einleitend heißt:
"Wenn der Berichterstatter über türkische Zustände
in der Regel nur das traurige Los hat, in Schmutzhaufen aller Art
herumzuwühlen und den Augiasstall aller denkbaren und undenkbaren
Missbräuche zu eröffnen, so ist es ihm gewiss zu gönnen,
wenn er einmal ausnahmsweise ein erfreulicheres Bild dem europäischen
Publicum vorzuführen hat und sich der Überzeugung hingeben
kann, dass doch noch nicht jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft
gänzlich abgeschnitten ist..."
Und im Schluss-Satz erfahren wir, dass es Mehmet Emin Pascha "nicht
verstanden hatte, sich zu bereichern. Um seine dringendsten Schulden
zu bezahlen, musste er sein Haus verkaufen, worauf er sich auf eine
kleine Besitzung am Bosporus zurückzog" .( Die nun alles
andere als "klein" war... Mit einer Fassadenlänge von
nicht weniger als sechzig Metern gilt sie als größte und
stattlichste der alten Holzvillen ("Yali") auf der asiatischen
Seite des Bosporus. Für die Istanbuler sind die alten Prachtbauten
nicht weniger als "ein Vorgeschmack des Paradieses". Kibrisli´s
Villa trägt heute den Namen seines Schwiegersohns "Kibrisli
Mustafa Emin Pascha Yalisi".) Weiter heißt es im Nachruf:
"Indessen erhielt er noch in der letzten Zeit den Posten eines
Ministers ohne Portefeuille, in welcher Eigenschaft er starb. Wenige
Tage vor seinem Tode schenkte ihm der Sultan 7.500 Liren, um wenigstens
das Andenken dieses vortrefflichen Mannes bei seinen Gläubigern
nicht zu beflecken..."
Zu seinen Nachfahren zählten Emin Dirvana, ehemaliger Botschafter
der Türkei in Zypern, und Galip Balkar, der als türkischer
Gesandter in Belgrad 1982 von vermutlich armenischen Extremisten erschossen
wurde.
Seiner Heimatinsel Zypern blieb Kibrisli Mehmet Emin Pascha über
all` die Jahre im Dienste des Sultans eng verbunden. So sorgte er
1860 dafür, dass der eingangs erwähnte, aus Lefkosa gebürtige
Mehmet Kamil Pascha für fast zweieinhalb Jahre die Leitung der
zyprischen religiösen Stiftung "Evkaf" übernahm.
Durch Fürsprache
des "Kibrisli" kamen die zyprischen Wehrpflichtigen in den
Genuss einer Sonderregelung, die ihnen die Ableistung des Wehrdienstes
auf der Insel zugestand. Auch ließ er auf Drängen einer
von Erzbischof Sophronios II. angeführten Delegation zyprischer
Honoratioren die für Zypern wenig vorteilhafte Zuordnung zum
Vilayet (Provinz) der Ägäis-Inseln aufheben und der Insel
wenigstens für einige Jahre den Status eines weitgehend unabhängigen
Verwaltungsbezirks (mütesarriflik) geben.