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Reiseführer Nordzypern

Kanlidere (Pedieos) -
der "verschwundene" Fluss

Zyperns Griechen nennen ihn schlicht "Fluss der Ebene" (Pedieos), ihre türkischen Landsleute sprechen dagegen vom "Blutfluss" (Kanlidere), weil die ungebändigten Wassermassen während der Regenzeit Tod und Zerstörung brächten. Weniger dramatisch klingt eine andere Erklärung, die den Namen auf die rötlichen Ablagerungen im Flusswasser zurückführt.

Besucher Nordzyperns, die ja ganz überwiegend zwischen Frühjahr und Herbst das Land erkunden, werden vermutlich den Fluss nie zu Gesicht bekommen, führt er doch nur zeitweise Wasser. Von einem zusammenhängenden, ganzjährig strömenden Flusslauf kann keine Rede sein. Falls er im Sommer nicht vollständig austrocknet, halten sich allenfalls vereinzelte Tümpel oder ein schmales, schlammiges Bachbett.

Der Kanlidere zählt zur Spezies der "Fiumare", der im Sommer wasserlosen Flussläufe. Im Winter kann er freilich seine Harmlosigkeit urplötzlich ablegen und als reißender Strom viel Unheil anrichten. Heute ist diese Gefahr fast gebannt, doch früher waren des öfteren viele Opfer und hoher Sachschaden zu beklagen. Dafür waren starke Regengüsse verantwortlich, die im Quellgebiet niedergingen und das trockengefallene Flussbett jäh überlaufen ließen. Die Wassermassen wälzten sich auf Nicosia zu, bahnten sich einen Weg durch die Stadt, dabei Menschen und Tiere mit sich reißend. Chronisten berichten aus dem Jahre 1330 von 3.000 Toten, noch 1879 waren 100 Menschenleben zu beklagen und 1949 kam es zu den bisher letzten, verheerenden Verwüstungen im Stadtkern.

Der Fluss entspringt an den Nordhängen des Troodos-Gebirges im griechischen Teil der Insel. Er durchquerte Nicosia in früheren Jahrhunderten südlich des Paphos-Tores bis in Höhe des Famagusta-Tores in west-östlicher Richtung. 1567 verbannten die Venezianer im Zuge ihrer einschneidenden Umgestaltung der Stadt den Fluss vor die Stadttore. Ein künstliches Bett nahm südwestlich der Tripoli-Bastion das Wasser auf und lenkte es um die Nordhälfte Nicosias herum. Östlich der Stadt folgte der Fluss wieder seinem alten Lauf in Richtung Famagusta. Der Grund für diesen Eingriff ist nicht in Schutzmaßnahmen oder Verteidigungsüberlegungen zu suchen, vielmehr ging es den venezianischen Stadtplanern darum, an der Stelle des nun trockengelegten Flussbettes, das die Stadt immer in zwei Hälften geteilt hatte, eine verbindende kommerzielle Achse entstehen zu lassen. Wie die periodischen Zerstörungen in Nicosia in neuerer Zeit zeigen, war die Verlegung des Pedieos/Kanlidere nicht ohne Tücken, vermochte sich doch der angeschwollene Fluss immer wieder einen Weg durch das ursprüngliche Bett in die Stadt zu bahnen.

Der so oft "verschwundene" Kanlidere ist 128 km lang. Er bildet mit seinen vielen Armen das Hauptflußsystem der Insel, das den mittleren und östlichen Teil der Mesarya-Ebene entwässert. Dabei folgt sein mehrfach zerteilter und abgelenkter Lauf der fast unmerklichen Abdachung der Ebene nach Osten. Während er früher nahe Salamis in die Famagusta-Bucht mündete, wird er seit einigen Jahrzehnten in ein Reservoir (heute: "Köprülü Rezervuar") knapp 20 km westlich von Famagusta geleitet und dient der Bewässerung der fruchtbaren Landstriche ringsum.

 



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