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Reiseführer Nordzypern

Die Burg von Girne

Es soll Besucher geben, die Girnes Kastell am Hafen schon ein Dutzend Mal und mehr durchstreift haben, jedesmal aufs neue fasziniert von der intensiven Gegenwart des Vergangenen, der selbstherrlichen Darstellung von Macht - und ihrer Hinfälligkeit.

Burg von Girne

Heimische Interessenlagen, aber mehr noch das Weltgeschehen am Mittelmeer bestimmten durch die Jahrhunderte Funktion und Bedeutung der wohlerhaltenen Wehranlage. Gegen Invasoren diente sie als Bollwerk, war Faustpfand und Zankapfel mittelalterlicher Bürgerkriegswirren, bewährte sich als Brückenkopf lebenswichtiger Verbindungslinien von und nach Europa. Abtrünnige und Verfolgte verschanzten sich hier und immer wieder scheiterten äußere Feinde an der Unüberwindbarkeit ihrer Mauern. Später dann verwandelte sich Girnes Festung in ein Gefängnis mit einem Galgen im Innenhof, Polizisten zogen ein, politische Gefangene wurden hierher verbannt, Guerilleros, dann wieder Nationalgardisten machten das alte Gemäuer zu ihrem Stützpunkt.

In der Burg von Girne: Blick von der Nordmauer auf die Hafenpassage

Blick von der Nordmauer auf die Hafenpassage

Es waren wohl achäische Einwanderer von der griechischen Peloponnes, die hier im sechsten vorchristlichen Jahrhundert einen ersten Wehrbau errichteten, der -zu einer Akropolis erweitert- später in Trümmer fiel, aus denen zur Zeit der arabischen Einfälle des 7. Jahrhunderts ein byzantinischer Inselgouverneur der Kern der heutigen Burg errichten ließ. Die instabile und den wehrtechnischen Anforderungen längst nicht mehr genügende Konstruktion wurde um die Wende zum 13. Jahrhundert von Zyperns neuen Machthabern, dem fränkisch-orientalischen Herrscherhaus Lusignan, nach dem Vorbild der Kreuzfahrerarchitektur im Heiligen Land aus- und umgebaut. Eine grundlegende Neugestaltung nach den Erfordernissen neuzeitlicher Kriegführung, die mit schlagkräftigen Pulvergeschützen zu Werke ging, erfuhr der Bau unter dem Regime Venedigs in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Das brüchige mittelalterliche Gemäuer wurde mit mächtigen Kurtinen überbaut, schwere Rundtürme und Bastionen schoben sich vor die Burg. Das vergleichsweise grazile, vielfältig strukturierte Mauerwerk aus fränkischer und byzantinischer Zeit verschwand hinter den glatten, meterdicken Steinquadern eines artilleriegerechten "modernen" Zweckbaus.

Rundgang durch die Burg von Girne

Den unscheinbaren Einlaß in der 21 m hohen Westmauer erreicht der Besucher über eine steinerne Brücke. Sie überspannt einen Trockengraben, der bis Ende des 15. Jahrhunderts mit Wasser gefüllt war und als "innerer Hafen" Schiffsreparaturen ermöglichte, aber auch den Galeeren Schutz bot, wenn sich im "äußeren Hafen", dem heutigen Yacht- und Fischerhafen, die ungehindert einfallenden Stürme austobten. Als die Venezianer im 16. Jahrhundert die Burg ausbauten, ließen sie den "inneren Hafen" und auch den Wassergraben vor der Südmauer zuschütten.

In der Burg von Girne: In der byzantinischen Kreuzkuppelkirche des hl. Georg

In der byzantinischen Kreuzkuppelkirche des hl. Georg

Für Burgenkenner leicht zu deuten sind die beiden länglichen Vertiefungen über dem Eingang: es sind die Spuren der Mechanik einer Zugbrücke. Aus den Vertiefungen, den "Balkenschlitzen", ragten zwei kräftige Holzbalken ("Schwingruten"), die eine an Ketten hängende Brückenplatte in der Waagerechten hielten. Drückte man die mit Gegengewichten belasteten, weit in das Torinnere ragenden Rutenenden nach unten, hob sich die Brückenplatte bis sie senkrecht am Eingang anlag. Wir passieren auf dem ansteigenden Torweg rechts eine steil nach unten führende Treppe, den Abstieg zu einer getarnten Ausfallpforte auf dem Grabenniveau, wie sie fast jede Burg für heimliche Erkundungsgänge oder riskante Überraschungsangriffe aufweist. Auf der gegenüber liegenden Seite öffnet sich ein Gang, der in die byzantinische Kreuzkuppelkirche des Heiligen Georg aus dem 12. Jahrhundert mündet. Man erkennt hier noch Marmorsäulen mit byzantinischen Kapitellen, auf dem Boden Reste ornamentaler Einlegearbeit aus verschiedenfarbigen Steinen, sogenanntes "opus sectile". Vor den baulichen Veränderungen im 16. Jahrhundert lag die kleine Kirche frei vor der Nordwestecke der byzantinisch-fränkischen Burg. Die venezianischen Festungsbauer bezogen die kleine Kirche auf ungewöhnliche Weise in ihr Verteidigungssystem ein, indem sie den Bau bis zum Kuppelansatz mit Steinen und Erde umkleideten und zu einem geschützten Durchgang zu den Kasematten des vorgelagerten Nordwestrondells umwandelten.

Zurück auf dem Torweg , lädt rechts in einem Raum unter der ansteigenden Rampe eine "Visual introduction to Girne and ist castle"  ein - für die meisten Besucher sicher das erste Mal, dass sie einem Ausschnitt aus dem reichhaltigen Schaffen des Engländers William Dreghorn gegenüberstehen, der wie kein anderer zu einer klugen und maßvollen touristischen Erschließung der Sehenswürdigkeiten Nordzyperns beigetragen hat. So trägt auch diese Burg unverkennbar seine Handschrift, seit in den Jahren 1994/96 ein umfassendes "facelifting" aus dem bis dahin unbegreiflichen Steingebirge ein anregend erfahrbares Burgerlebnis gemacht hat - ohne die Baustrukturen auch nur anzutasten.

Die Burg von Girne: Blick auf den westlichen Teil der Anlage

Blick auf den westlichen Teil der Anlage

Wir queren den kleinen Zwinger (Vorplatz) vor dem Torbau mit den Wappen der Lusignanfamilie. Im Durchgang, wo heute das nachgebildete Grab des Flottenkommandanten Sadik Pascha "der Algerier" liegt, der 1570 Kyrenia (Girne) eroberte, war im fränkischen Mittelalter die Wachstube untergebracht. Das Gebäudeensemble um den Zwinger zählt zu den ältesten fränkischen Bauten der Burg. Nach Verlassen des Torweges nimmt den Besucher ein überraschend weiträumiger Innenhof auf. Unter einer Baumgruppe laden Tische und Stühle zu einer Rast ein. Hier kann man seinen Sandwich bestellen, sich an kalten und warmen Getränken laben und in den angrenzenden Gewölben einen Souvenirladen durchstöbern, vielleicht einen kleinen Kelim erstehen oder Kupfernes, Reiseführer, Ansichtskarten, Textilarbeiten. Aus dem Schatten ihres Rastplatzes öffnet sich den Besuchern der Blick auf die vier Seiten des Innenhofes mit einem aus ganz unterschiedlichen Epochen stammenden reizvollen Gemenge von Treppen, Türmen und Fassaden, Bögen, Konsolen und Wällen. Steigt man nun zuerst hinauf oder hinab ? Viele Besucher zieht es magisch zu den "dungeons", den mittelalterlichen, tief in den Felsgrund getriebenen Kerkern, in denen die Lusignanherrscher in Ungnade gefallene Angehörige führender Familien einem qualvollen Tod aussetzten. Noch heute lassen die düsteren Schreckenskammern mit ihren drastisch nachgestellten Folterszenen manch Arglosen schaudern - gequältes Lachen und heftiges Mitteilungsbedürfnis dort unten schaffen offenbar Entspannung . . . Wo die Herrscher gelebt haben, die solche Todesverliese erdachten, sind nur dürftige Spuren der einstigen Pracht geblieben. Die königlichen Gemächer lagen hoch über den Kerkern. Eine gut erhaltene Sakristei, angrenzend an die Ruinen einer Kapelle, Spitz- und Rundbogenfenster, Steinplatten auf dem Boden, Reste einer Loggia lassen mit viel Phantasie das Bild einer glanzvollen Hofhaltung lebendig werden.

Folterkeller Burg von Girne

Nachgestellte Folterszene in den Kerkern der Burg

Wir bleiben auf der Westseite der Burg. An ihrem südlichen, den Bergen zugewandten Ende führt ein steiler Gang in das Innere der vorgelagerten Südwestbastion. Dieser Teil der Burg ist für Besucher noch nicht hergerichtet, darf aber besichtigt werden. Im Schein einer Taschenlampe können Wißbegierige bis auf die Sohle der Bastion hinabsteigen, um Pulverkammer und Geschützstellungen in Augenschein zu nehmen. Nahebei, hinter einem niedrigen Mauerdurchlaß, öffnet sich ein enger Vorhof, wo Reste byzantinischer und fränkischer Befestigungen zusammenlaufen, ein Löwenrelief aus hellenistischer Zeit einen lange Zeit verschütteten Zugang zur frühen byzantinischen Burg markiert und der mächtige südliche Wall, den die Venezianer aufschütteten, sein Innenleben preisgibt - aber nur für einige Meter. Immerhin lassen sich drei Schießscharten ausmachen, Standplätze der Schützen und Verbindungsgänge. Wie das Kampfgeschehen in einer venezianischen Artilleriestellung ausgesehen haben mag, wird im Südostturm plastisch dargestellt. Hell ausgeleuchtete Treppen und ein dicker Strick als Handlauf leiten die Besucher in das Innere des Turms. Auf seinen verschiedenen Ebenen veranschaulichen Zeichnungen und Texte die Funktionsweise der Verteidigungsstellungen. Lebensgroße Figuren in venezianischer Kampfmontur machen sich an Geschützen zu schaffen, andere bereiten explosive Gemische in der Pulverkammer. Rauchabzugskanäle über den drei seitlichen Geschützstellungen deuten auf ein Problem hin, dass den Kanonieren heftig zu schaffen machte und auch von dem zentralen Lüftungs- und zugleich Lichtschacht nicht zu bewältigen war: die starke Rauchentwicklung während des Gefechts. Um ihrer Herr zu werden, baute man später nach oben offene Geschützkammern wie zum Beispiel in der Martinengo-Bastion der Stadtbefestigung von Famagusta.

Die Burg von Girne: Blick auf den südwestichen Teil der Mauer

Blick auf den südwestichen Teil der Mauer

Einen interessanten Kontrast zum venezianischen Südostturm bietet der wegen seiner Form auch Hufeisenturm genannte fränkische Nordostturm, stammt er doch vom Anfang des 13. Jahrhunderts, als Feuerwaffen noch unbekannt waren und die Verteidigung sich hauptsächlich auf Bogen und Armbrust stützte. Die Schießscharten der Schützen finden sich in beiden Stockwerken. Im unteren sind es die einfachen Scharten der Bogenschützen, etwas breiter dagegen und mit nischenartigen Standplätzen ausgestattet sind die Scharten der Armbrustschützen im oberen Stockwerk. Nord- und Ostmauer lagen in ihrem Schußfeld. Auf beiden Ebenen ist eine Ausstellung lebensgroßer Krieger zu besichtigen, deren Waffen, Rüstungen und Uniformen die wehrtechnische Entwicklung in den verschiedenen Epochen dokumentieren. Vom römischen Söldner, über osmanische Janitscharen bis zum strammen "British Soldier" in spätkolonialer Uniform und strahlend blauen Augen sind alle vertreten, die auf dieser Insel einst zu den Waffen griffen. Unbedingt zu empfehlen ist der Aufstieg zur Plattform des Turms, dem höchsten Punkt der Burg mit einem phantastischen Rundblick auf Hafen, Stadt und Gebirge, auf Mauerkronen und Flachdächer der Burg. Daß der Dachbereich und die Mauern begehbar sind, deuten die starken Geländer an. Sie beeinträchtigen etwas den Gesamteindruck, sind aber zum Schutz der Besucher unerläßlich. Nicht nur hier oben, in allen Bereichen der Burg ist trotz verbesserter Sicherheitsvorkehrungen Vorsicht geboten !

Zurück im Innenhof werfen wir noch einen Blick in die William Dreghorn Exhibition Hall in einem umsichtig restaurierten Bau mit beeindruckendem Tonnengewölbe aus der Zeit der Lusignans. Dieses schöne Beispiel fränkischer Architektur lehnt sich an die nördliche Mauer an. Es beherbergt eine Dauerausstellung von Zeichnungen William Dreghorns zu dem Thema "Doorways and Archways in Kyrenia" und andere Objekte.

In der Burg von Girne: Blick vom Hof gen Osten, wo u.a. das Schiffswrackmuseum untergebracht ist

Blick vom Hof gen Osten, wo u.a. das Schiffswrackmuseum untergebracht ist

Auch der langgezogene fränkische Ostflügel im Innenhof ist zu neuem Leben erwacht, seit detailgetreue Nachbildungen archäologischer Fundstätten das hier seit Jahren untergebrachte Schiffswrackmuseum auf ideale Weise ergänzen. So ist das bronzezeitliche Grab von Kirni/Pinarbasi am Südhang des Besparmak-Gebirges als Modell nebst vielen in Vitrinen ausgestellten Fundstücken zu besichtigen. Auch der neolithische Fundort Aghios Epiktitos Vrysi, wenige Kilometer östlich von Girne gelegen, ist hier mit sehr lebensecht wirkenden Alltagsszenen einschließlich Rundhaus vertreten. Hellenistische und frühbyzantinische Gräber aus der Gegend von Akdeniz im fernen Westen der Insel sind im oberen Geschoß dargestellt. Unmengen von Fundstücken -Schmuck, Münzen, Gebrauchsgegenstände- lassen sich in Vitrinen bestaunen.

Am Rande der Baumgruppe, gegenüber dem Torweg, führen Stufen hinunter zu einer Zisterne. Das unterirdische Wasserreservoir soll von den Herrschern des Hauses Lusignan angelegt worden sein und ihren Wasserbedarf voll gedeckt haben.

In der Burg von Girne: Blick von der westlichen Mauer gen Norden aufs Meer hinaus

Blick von der westlichen Mauer gen Norden aufs Meer hinaus

Jenseits des Torwegs erreichen wir über die Rampe die Plattform des venezianischen Nordwestturms. Von hier oben lässt sich der hinreißende "Ansichtskartenblick" auf Hafen, Stadt und Gebirgszug so richtig auskosten. Von den sechs Geschützstellungen des gedrungen aus den Kurtinen hervortretenden Turms konnte ein beträchtlicher Teil des Burgvorfeldes bestrichen werden, angefangen mit dem Gelände vor der Westmauer, über den Hafen, zur Wasserfläche vor dem Hafen und vor der Nordmauer. Auf dem Rückweg stoßen wir nahe der Kuppel der Georgs-Kirche auf den von Venedigs Machthabern zu großen Teilen abgetragenen viereckigen fränkischen Nordwestturm, der den älteren byzantinischen Rundturm vollständig umschließt. Drei Türme, drei Zeitalter, drei Verteidigungsstrategien begegnen sich hier in der Nordwestecke dieser Burg, die nicht zuletzt wegen der an ihr ablesbaren Zeitläufe zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Nordzyperns zählt.

Mehr zum Thema: Mittelalterliche Techniken der Belagerung  und Verteidigung

 



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