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Reiseführer Nordzypern

Kapitelsaal und Dormitorium

Am östlichen Kreuzgang liegt der Kapitelsaal, das "Forum" der Abtei - wenn man so will. Nach der Prim, dem Frühgebet, gehörte der Gang in den Kapitelsaal zur täglichen Liturgie. Hier erfuhren die Ordensleute aus den Aufzeichnungen der Klostergeschichte, welche Wohltäter der Abtei an diesem Tage verstorben waren und sie hörten Passagen aus dem "ordo monasterii", dem Regelwerk des heiligen Augustinus, auf dem die Ordensgesetzgebung fußt. Es folgten kurze Ansprachen von Abt, Prior oder Subprior mit anschließender Aussprache. Auch wurden hier außerordentliche Versammlungen abgehalten, so die Klärung von Disziplinarangelegenheiten und die Verfügung von Anordnungen.

Bellapais

Die Nordwand von Aufenthaltsraum und Dormitorium

Die Abteioberen saßen dabei auf den steinernen Wandbänken der Ostseite den Ordensbrüdern gegenüber. Unter vier Kreuzgewölbejochen, die sich (vermutlich) auf die jetzt freistehende Marmorsäule stützend, den kleinen Saal überspannten, hat ein phantasievoller lokaler Künstler sieben Wandkonsolen mit Figuren ausgeschmückt, die trotz starker Verwitterung noch annähernd zu deuten sind: in der Südostecke eine lesende Frau; weiter im Uhrzeigersinn: ein Mann, der mit zwei Ungeheuern kämpft; eine Frau, die den Anhänger ihrer Halskette umfaßt; ein Mann mit einem Schild, links und rechts von ihm lugen ein Affe und eine Katze durch das Blattwerk eines Birnbaums; in der Nordwestecke ein Mönch mit Skapulier (Überwurf); dann ein Mann mit einer Leiter auf seinen Schultern; schließlich an der Ostwand Odysseus zwischen zwei Sirenen.

Bellapais, Figurenschmuck im Kapitelsaal

Figurenschmuck im Kapitelsaal

An den Kapitelsaal schließt der große Arbeits- und Aufenthaltsraum der Ordensleute an (die sich selbst nie als "Mönche" bezeichnen, sondern eben als "Ordensleute", die innerhalb der großen Familie verschiedenster Orden zur Gruppe der "Kanoniker" oder auch "Chorherren" zählen). Heute stehen nur noch die Außenmauern dieses Vielzweckraumes, der als Studiersaal und Bibliothek, Arbeits- und Gemeinschaftsraum diente. Das schwere Tonnengewölbe, das ihn überdeckte, stürzte vor etwa dreihundert Jahren ein. Viele seiner schweren Quadersteine liegen nun grasüberwachsen im Innenraum. Der Gemeinschaftssaal soll über ein "Hypokaustum", eine Heißluft-Unterbodenheizung, verfügt haben. Er war während der kalten Jahreszeit der einzige beheizbare Raum - die "Wärmestube" (calefactorium) der Abtei.

Bellapais Dormitorium

Blick vom Kapitelsaal auf die erhalten gebliebene Dormitoriumswand

Über blühenden Gräsern auf bröckelnden Wandvorsprüngen erhebt sich oberhalb der Bruchkante des Tonnengewölbes die westliche Dormitoriumswand. Bis in die Scheitel der Schildbögen mißt sie fast zehn Meter. Der Schlafsaal der Ordensleute nahm das gesamte Obergeschoß des Ostflügels ein. Doch zählt man an der erhaltenen Wand des Dormitoriums gerade sieben Schlafplätze mit den dazugehörigen sieben Fenstern und sieben Wandnischen für Meßbuch und andere Habseligkeiten. Auf der gegenüberliegenden, abgestürzten Seite waren weitere sieben Schlafstätten und in der Raummitte reihten sich vermutlich noch einmal sieben Betten auf. Neben der Zahl der Schlafplätze lässt auch das knappe Sitzangebot der Steinbänke des Kapitelsaals Rückschlüsse auf die Anzahl der Ordensbrüder in Bellapais zu: weniger als dreißig, vielleicht zwei Dutzend werden hier gelebt und gearbeitet haben und das entsprach durchaus der bescheidenen Belegungsrate selbst noch so großer mittelalterlicher Abteien. Aus dem südlichen Kreuzgang führte die Dormitoriumstreppe, die "scala dormitorii", nach oben in den Schlafsaal. Folgt man ihr, gewinnt man einen unverstellten Blick auf die Dormitoriumswand, ihre wuchtigen Halbsäulen und die mit Blattwerk umrankten Kapitelle, auf denen   Stümpfe von Gurtbögen und Diagonalrippen ins Leere ragen.

Bei einem vorsichtigen Ausflug über die größtenteils begehbaren Flachdächer der Abtei stößt man nahe der Dormitoriumstreppe auf ein winziges Dachhaus, dessen Funktion lange Zeit ungeklärt blieb. Heute weiß man, dass Bellapais` Chorherren zur nächtlichen Messe ihr hier aufbewahrtes liturgisches Gerät zur Hand nahmen und dann die von diesem Raum ausgehende -heute vermauerte- steinerne Wendeltreppe, die "Nachttreppe", in das Seitenschiff der Kirche hinabstiegen.

Die Abtei Bellapais

1 Kreuzgang  2 Kirche  3 Sakristei  4 Kapitelsaal  5 Arbeits- u. Aufenthaltsraum  6 Schlafsaal (Dormitorium)  7 Speisesaal (Refektorium)  8 Wirtschaftsräume (Cellarium)  9 Küchentrakt  10 früherer Mauerverlauf  11 Toranlage  12 "Kaffeegarten"  13 Restaurant "Kybele"

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