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Auf Knien ins Nirwana

Leben mit Tempelmönchen in Südkorea

Text und Fotos: Manfred Lädtke

Südkorea - Ornamente

Lee Charm lächelt. Das hat er gelernt. Anfang der 1990er Jahre war der 1945 als Bernhard Quandt in Bad Kreuznach geborene Pfälzer Fernsehmoderator und beliebtester Schauspieler Südkoreas. In einer Seifenoper avancierte der Zwei-Meter-Mann als europäischer Frauenheld zum Publikumsliebling. Neunzig melodramatische Folgen dauerte die Lovestory vom Kampf um eine schöne Koreanerin bis zum finalen Kuss. Was Arnold Schwarzenegger und Kalifornien recht war, funktionierte auch in Südkorea: Charms Sympathiewerte wussten Werbestrategen und Politiker für sich zu nutzen und öffneten Everybody´s Darling die Tür zum Fahrstuhl auf die politische Bühne. Oben angekommen wartete bereits Südkoreas Staatspräsident und beförderte den seit 25 Jahren eingebürgerten telegenen Deutschen zum Vizeminister auf den Chefsessel der nationalen Tourismusbehörde

Südkorea - Lee Charm
Lee Charm, Südkoreas Tourismuschef

Lee Charms Geschichte ist das wahr gewordene Märchen von einem der auszog, um Karriere zu machen. Was er gar nicht vorhatte, beteuert er. Märchen passieren einfach. 1978 schickte eine Kulturstiftung den Absolventen der Theologie und Romanistik nach Südkorea. Als der ehemalige Lehramtsstudent aus Mainz einen Redewettbewerb für Ausländer im Fernsehen gewann, rissen sich die Talkshows um ihn. Bernhard Quandt hatte mit einem frei gesprochenen Vortrag in der Landessparche überzeugt und stieg über Nacht zum Medienstar auf. Aus Bernhard Quandt wurde Lee Charm (mitmachen, bin angekommen).

In seinem Büro in der Korea Tourism Organization in Seoul berichtet Herr Charm davon, seine Wahlheimat als Reiseland zu erschließen. Mit künftig zehn statt nur fünf Tagen Jahresurlaub will er zunächst seine Landsleute in Reiselaune bringen. Die sollen zu neuen touristischen Ufern aufbrechen und Wege für Urlauber aus dem Ausland ebnen. Südkorea „hautnah“ erleben, rät der Tourismuschef. Wie wörtlich dieser Vorschlag gemeint ist, „spüren“ Komfort verwöhnte Mitteleuropäer aber erst beim Kniefall-Marathon in einem Mönchskloster.

Südkorea - Spazierwege zu Tempeln beim Gyeongbokgung-Palast in Seoul
Spazierwege zu Tempeln beim
Gyeongbokgung-Palast in Seoul

Der Seoraksan Nationalpark

Anschauungsunterricht bei einer vorerst noch entspannten Begegnung mit Buddha gibt es zwei Autostunden von Seoul entfernt im Seoraksan Nationalpark (1). Ganz gleich, ob die Route beim Eingangstor Sogongwon schnurstracks auf Wanderwegen ins Gebirge, mit der Seilbahn auf die 1700 Meter hohen Bergfestung Gwongeum oder zur Tempelanlage Shinheungsa geht, alle Pfade führen zu Buddha. Mit Kerzen und Räucherstäbchen in den Händen beten Gläubige vor einer imposanten, fast 15 Meter hohen Statue. Steile Kliffs, plätschernde Wasserfälle und zackige Felsformationen betten die erhabene Erscheinung in ein würdiges himmlisches Landschaftsensemble. Ein paar Schritte weiter stapeln sich Hunderte schwarze Ziegel. Wanderer kaufen sie für ein paar Euro, schreiben ihre Wünsche auf und steuern so einen Obolus zum Erhalt der Tempel bei: Ist die Kreide auf den Steinen verblasst, erfüllen die „Wunschzettel“ als Dachziegel auf den Tempeln eine praktische, irdische Aufgabe.

Südkorea - Auf Ziegelsteinen geschriebene Wünsche an den „Erleuchteten“ im Seoraksan Nationalpark
Auf Ziegelsteinen geschriebene Wünsche an
den „Erleuchteten“ im Seoraksan Nationalpark

Klosterleben in Südkorea

Am japanischen Meer in der südwestlichen Provinz Gyeonsangbuk-do betupfen bunte Blumenbouquets grüne Hügel. Azaleen tauchen Wälder in lohende Rottöne. Mittendrin in dem verschwenderischen Farbcocktail schmiegt sich in einem engen Tal der 1500 Jahre alte Kriegertempel Golgulsa (2) an eine Felswand. Die Klosteranlage lässt Touristen bei einem „Temple Stay“ Koreas buddhistischen Alltag miterleben. Der beginnt meistens in einer Kleiderkammer mit dem strengen Hinweis, keine bunten Kleider zu tragen und diszipliniert dem täglichen Zeitplan zu folgen.

Südkorea - Gebetshaus auf der Klosteranlage Golgulsa
Gebetshaus auf der Klosteranlage Golgulsa

17.30 Uhr: Noch eine halbe Stunde Zeit bis zur abendlichen Zeremonie Balwoo Gongyyang (Gemeinschaftsessen). Ein Mönch lächelt. Dann schiebt er ein Textilbündel über den Tisch. Unter dem linken Arm eine beigefarbene Weste und braune schlabberige XXL-Schnürhose, in der rechten Hand das Reisegepäck geht es zum Kleiderwechsel keuchend die Treppen hinauf ins Gästezimmer. Die karge Unterkunft mit zwei Regalen, einem brummendem Kühlschrank und einer Steppdecke als Nachtlager auf dem beheizten Fußboden lässt viel „Raum“ für eine nächtliche Selbstfindung.

Südkorea - Tempel Stay: Beim Barugongyang (Mönchsmahl) lernen Gäste die besondere Methode des Essens im Buddhismus kennen
Tempel Stay: Beim Barugongyang (Mönchsmahl) lernen Gäste die
besondere Methode des Essens im Buddhismus kennen. Gesprochen
wird nicht. Bei der Mahlzeit sind strenge Zeremonien einzuhalten

Im neonhellen Speisesaal knacken zum ersten Mal die Knochen: Runter auf den harten Holzboden in den Lotussitz und mit Stäbchen das vegetarische Mahl aus vier Schüsseln picken. Wem Reis, Kimchi, scharfes Wurzelgemüse oder Seetang durch das Essbesteck flutscht, bezahlt mangelndes Geschick mit einem knurrenden Magen. Egal. Beim Sonmudo in der benachbarten Trainingshalle geht das Grummeln ohnehin im dumpfen Poltern der Sprünge und im Knacksen der Gelenke unter. Von Bildern an den Wänden blicken „Erleuchtete“ und Weise auf rund 60 Anfänger aus Asien, Amerika und Europa hinab, die sich redlich mühen, Anweisungen zu Gebetsritualen, Meditationstechniken und Boden-Übungen der Kampfsportart zu folgen. Somudo-Kämpfer würden sich heute noch als Krieger verstehen, übersetzt ein Ordensjünger aus Straßburg die Schilderungen eines koreanischen Mönchs. Im frühen Korea hätten buddhistische Mönche an der Seite von Soldaten die Kultur ihres Landes verteidigt, erklärt der Franzose, der sich für drei Jahre in dem Tempel „verpflichtet“ hat. Ihm gehe es nicht um Kampf, sondern um das Beherrschen seiner Energie: „Du kannst es lernen, wie ein Baby Schritt für Schritt.“

Südkorea - Kraft aus Meditation und Disziplin: Ein Mönch demonstriert im Golgulsa Tempel den Kampfsport Sunmudo
Kraft aus Meditation und Disziplin: Ein Mönch
demonstriert im Golgulsa Tempel den
Kampfsport Sunmudo

Okay. Und wie geht es nun sportlich-meditativ weiter...? Auf die Knie fallen, Körper nach vorne beugen und „in die Cobra“ gehen. Dann Stirn und Hände zum Boden strecken, aufstehen, nieder, aufstehen - oder umgekehrt? Jetzt das Ganze noch einmal... Na gut, auch wenn die geknechteten Knie lamentieren - immer mitmachen, was die andern tun! Fast 90 Minuten dauert die sportive Schulung mit den Sonmudo-Lehrern, die diese dem Taekwondo verwandte Zen-Kampfkunst nur in Südkoreas Golgulsa Tempel pflegen. Die Muskeln zwicken, Schweiß perlt von der Stirn. Es ist zehn Uhr. Licht aus, Feierabend.

Tock - tock - tock. Von wegen „Land der Morgenstille“. Mit Stockschlägen auf einen Holzkorpus mahnt ein Mönch um vier Uhr früh gnadenlos zum Aufstehen. Draußen ist es finster wie im Sack. Wer zu spät zur Morgenmeditation kommt, dem drohen als Buße 1000 Verneigungen zu Ehren des Erleuchteten. Gästen wurde dieses Strafmaß zwar noch nie abverlangt, aber man weiß ja nie. Also hurtig den Hügel hinauf. Noch 15 Minuten Zeit, das muss reichen.

Ohm!! In der kleinen schlauchförmigen Dhamma Hall kniet auf Sitzkissen die betende Morgenschar. Gedämpftes Licht, Schweigen. Die Seele relaxt. Ohm!! Das war´s aber mit der Ruhe. Leise, dann immer lauter, immer ekstatischer rezitiert ein Mönch spirituelle Texte. Sein Gesicht ist schweißgebadet. Irgendwann, jenseits vom Jetzt im Zustand des Rausches wird er das Gebet als reinigend und erholsam erfahren. Glaubensbrüder und -schwestern folgen dem Meister leise murmelnd und mit Kniefällen auf dem Weg zum tiefsten Nichts, dem Nirwana.

Vor dem Gebetsraum streichelt frische Morgenluft das Gesicht. Mit drei Armlängen Abstand und gefalteten Händen vor der Brust folgen die Buddha-Schüler in zwei Reihen den Mönchen auf einen Heiligen Platz. Scheinbar Ewigkeiten von iPhone, Laptop und Verkehr entfernt, hängt über dem Openair-Ritual am Himmel ein blasser halber Mond. Orange-gelbe Lichtfetzen auf den Bergkämmen kündigen den jungen Tag an.

Südkorea - Einheimische Gerichte und traditionelle Snacks wie Glasnudeln mit Rindfleisch oder Fischkuchen am Spieß können preisgünstig auf Seouls Nachtmärkten Dongdaemun und Namdaemun probiert werden
Einheimische Gerichte und traditionelle Snacks wie Glasnudeln mit
Rindfleisch oder Fischkuchen am Spieß können preisgünstig auf Seouls
Nachtmärkten Dongdaemun und Namdaemun probiert werden

Zur Fußball-WM 2002 habe sein Land zum ersten Mal 33 Tempel für 1 250 Besucher aus dem Ausland geöffnet. 2010 waren es bereits 87 Heiligtümer, in denen mehr als 17 500 Menschen auf der Suche nach dem inneren Licht Geist und Seele erfrischt hätten, spricht Reisebegleiter Ji-Hon Park bei der Weiterfahrt ins Bus-Mikrophon. Niemand hört zu. Nach viel „ora et labora“ dösen alle in den weichen Sesseln vor sich und ersehnen einen heißen Kaffee an der nächsten Raststätte. Nur Ji-Hon Park nicht. Er steht, erzählt - und lächelt.



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