Sayonara, Japan!

Eine Reise per Fahrrad durch ein unbekanntes, faszinierendes Land

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Japan Radtour Tempel

Schon beim Flug mit Japan Airlines beginnt es: Die Stewardessen verbeugen und bedanken sich, dass sie uns bedienen dürfen. Arigato gozaimasu! Was für eine Gastfreundschaft, welch Freundlichkeit! Und ein wenig fühle ich mich auch unbehaglich. Außer mir entdecke ich nur wenige Gaijin, Ausländer. Der Japaner neben mir schlürft genüsslich seine Nudelsuppe, ich betrachte ihn verstohlen und tue dasselbe. Als er sich seine Slipper anzieht, kann ich allerdings nicht mehr mithalten. Ob es Flugzeugslipper sind?

Lachen Sie nicht! In Japan gibt es eine sehr eigenartige "Schuhpolitik", eine eigene Etikette, die ich gleich bei der Ankunft in einem Minshuku, einer japanischen Familienpension, in der Tempelstadt Kyoto erfahre: Es gibt Schlappen fürs Haus, Toilettenslippers, Schuhe für draußen, und strümpfig geht man schließlich auf den Tatami-Matten im Zimmer. Fehler bleiben da bei den Gaijin natürlich nicht aus. Am Eingang? Gleich die Straßenschuhe ausziehen, bitte, aber die Zehenspitzen sollten dabei Richtung Straße zeigen. Also heißt es, eine elegante Halbpirouette zu drehen, während derer man aus den Schuhen schlüpft. Dies beherrscht natürlich jeder Japaner perfekt, ohne sich nach den Schuhen bücken zu müssen! Und tun Sie eines niemals: Die Toilettenschlappen anbehalten, wenn Sie im Minshuku herumschlurfen. Ein Fauxpas höchsten Grades!

Japan Radtour Frau in Kyoto

Tradition wird groß geschrieben

Am ersten Morgen in Kyoto ziehen wir unsere Fahrradschuhe an. Natürlich in Kyoto, denn dies ist die Radfahrstadt Japans schlechthin. Hier herrscht Linksverkehr, das mag einen schrecken. Jedoch: Linksverkehr? Lachhaft! Vielleicht gilt er für Motorisierte, aber Myriaden von Radfahrern fahren, wie es ihnen beliebt, und außerdem gibt es hier sogar Radwege!

Einige davon probieren wir aus, um ein paar der an die 2.000 Tempel der Stadt zu besuchen: den Kiyomizu-dera-Tempel mit seinem Holzdach und einem herrlichen Blick über die Stadt und die Tausende von Souvenirshops rundherum. Omiyage, Mitbringsel, sind schließlich wichtig im japanischen Miteinander. Auch Glücksbringer kann man im Tempel kaufen. Ein Jugendlicher schlägt einen Gong. Am Eingang wäscht man sich mit kühlendem Wasser die Hände, später reinigt man sich mit dem Rauch der geopferten Räucherstäbchen das Gesicht. Tradition. Das hindert jedoch die Moderne nicht, anwesend zu sein: Handys, Digicams, Stiefel bei 30 Grad im Schatten sind der letzte Schrei, eine ältere Dame mit lila eingefärbten Haaren.

Im Zen-Garten von Kyoto

Wir rollen weiter zum Nanzenji-Tempel. Dort geht es ruhiger zu. In dem Zen-Garten bleibt jedem selbst überlassen, was er „sieht“, wenn er auf die Formen des Gartens starrt. Doch der faszinierendste Zen-Garten ist wohl der im Ryoanji-Tempel: Felsblöcke auf geharktem Kies, umgeben von einer Mauer. Einsam spielt eine Flöte eine ruhige Melodie. Wir besichtigen noch den Honen-in-Tempel und den Imamiya-Schrein. Nebenan ist eine Teestube, die hervorragende Reisplätzchen macht. Diese werden auf Sticks serviert, mit Miso-Paste verfeinert, in Soja-Paste getaucht und sind eine Spezialität Kyotos! Am Rokuonji-Tempel schließlich sehen wir den berühmten Goldenen Pavillon, der sich im davor liegenden Teich spiegelt, umgeben von vielen Touristen und Souvenirständen. Meine Vorstellung eines japanischen Gartens war eine andere gewesen. Hier geht es laut, lustig und ruppig zu. Fotogeklicke überall. Doch das Glück ist uns hold. Gerade als wir hier in der Stadt sind, wird Jidai Matsuri abgehalten, eine Parade zur Erinnerung daran, dass Kyoto einmal Kaiserstadt war. An die 2000 Personen ziehen in alten Kostümen durch die Stadt.

Japan Radtour Zen Garten

Spiegelungen im Zen-Garten

Für uns geht es am Abend noch per Mountainbike raus aus der Stadt und in die Hügel nördlich von Kyoto, zum Feuerfestival in Kurama. Das Feuer, das die Dämonen vertreiben soll, brennt wirklich überall! Spärlich bekleidete Jünglinge und Männer schultern drei Meter lange, brennende Reisstrohbündel, die mit Zedernrinde umwickelt sind. Dem Letzten könnte es leicht dabei den Rücken verbrennen, so dass immer wieder Frauen angelaufen kommen und ihnen kaltes Wasser aufschütten. .“Sairea Saireo!“, oder etwas Ähnliches rufen die Männer ständig und wünschen damit ein gutes Festival für gute Seelen. Am Onsen, bei den heißen Quellen, gibt es Reis-Curry an den Food-Stalls und kostenlosen Sake. Das Geschrei, das Feuer, der Sake, das geht die ganze Nacht! Doch für uns ist nun Schluss, und wir rasen die Berge hinab und schließlich zurück nach Kyoto.

Eingelegte Erinnerungen

Den Fluss entlang verlassen wir Kyoto am nächsten Tag, fahren durch Zedernwälder, beschauliche Dörfer, an Reisfeldern entlang, über einen 7 km langen Anstieg unter schwärzlich dräuendem Himmel und schließlich durch Regen. Downhill peitscht mir das bräunliche Wasser des Hinterrads meines Vordermannes in Gesicht und Mund. Doch in Miyama schiebt sich die reetgedeckte Silhouette der Miyama Heimat Jugendherberge durch den Wasserschleier. Heimat? Ja, der Besitzer spricht Deutsch! Hier können Sie sich die typischen Strohdächer erklären lassen oder lernen, ihren Namen auf Japanisch zu schreiben.

Japan Radtour traditoneller Umzug

Kleider machen Leute - auch in Japan

Als der Besitzer, Herr Ashikaga herausfindet, dass ich aus „Deutschland-o“ (so spricht er das aus) und noch dazu aus Franken komme, glänzt er mit seinem Wissen über Bratwurst, Lebkuchen und Frankenwein. Beachtlich, wie sich damit eine fast abendfüllende Konversation betreiben lässt. Viel mehr seiner deutschen Worte verstehe ich nämlich nicht. Gerne würde er öfters einmal Deutsch sprechen, bedeutet er mir, und bietet mir gleich einen Job für drei Monate in der Küche an. Arigato!

Doch am nächsten Morgen besuchen wir im Dorf Tsuzume eine ältere Lady, dass sie jedoch 82 sein soll, sieht man ihr bestimmt nicht an. Sie macht nach eigenen Angaben Cidre aus Zedernnadeln, Zucker und Wasser und „pickled memories“. Was wir uns darunter vorstellen sollten, wurde vorher nicht verraten. Nun, man denkt an mixed pickles, nicht wahr? Also an eingelegtes Gemüse, und an Erinnerungen. Und so ist es auch richtig: eingelegte Erinnerungen konserviert die Dame, z.B. die Blume eines Hochzeitsbanketts, eine Blume, die nur äußerst selten blüht, ein Veilchen, das sie einmal geschenkt bekommen hat usw. Sie geht gebeugt, ist überaus zuvorkommend, bedient, erklärt, verbeugt sich. Bizarr mutet das schon an. In einer so normativen Gesellschaft sucht jeder sich seine eigenen kleinen Fluchten?

Pflaumen in jeder Variation

Wir flüchten per Mountainbike zum Museumsdorf Kitamura mit seinen reetgedeckten Häusern und über den steilen Konamitoge (5 Wellen)-Pass nach Obama an der Wakasa-Küste, wo wir an einem Kochkurs mit kichernden Schulmädchen teilnehmen, die ihr Englisch an uns ausprobieren. Prompt sind wir am nächsten Tag im lokalen Tagblatt zu bestaunen! Vielleicht sind Gaijin immer noch ein Ereignis in diesem Ort, denn am Abend wird sogar eine Party für uns gegeben - mit einer original japanischen Bluegrass-Band! Doch vorher besuchen wir ein 200 Jahre altes Haus und wohnen einer Teezeremonie bei.

Japan Radtour Japanerin auf dem Fahrrad

Auch Japanerinnen fahren Fahrrad

Diese ästhetisch stilisierte Handlung reinigt den Geist, erklärt man uns. Pure Konzentration, die immer gleichen genau festgelegten Bewegungen, die formelhaft vorgetragenen Sätze zentrieren und werfen einen zurück auf sich selbst. Die Grundprinzipien des komplexen Ablaufs sind Harmonie, Stille, Respekt und Reinheit. Dabei sitzt man am Boden auf den Tatami-Matten auf untergeschlagenen Füßen. Diese Art zu sitzen und die Form einer Pyramide einzunehmen bedeute, die kosmische Energie anzuzapfen, erklärt die Professorin. Eine ihrer besten Schülerinnen bereitet derweil den Tee zu. Der Blick fällt hinter der Schülerin hinaus durch eine Scheibe auf einen liebevoll gepflegten Moosgarten.

Japan Radtour Teller-Dekoration

Das Essen als Kunstwerk

Die Wakasa-Küste ist ein spektakulärer Küstenstreifen mit dramatischen Szenerien, tief eingeschnittenen Tälern mit verwunschen wirkenden, nebelverhangenen Hügeln. Fischerboote dümpeln in Häfen, ältere Herren breiten ihre Netze aus. Nebenan ist Fischmarkt, sogar Fischchips gibt es hier, und ich wage mich einfach hinein in ein Fischrestaurant und esse, ich weiß nicht, was.

Bei bestem Wetter und leichter Brise vom Meer her radeln wir die Küste entlang. Affen beobachten uns von einem Hügel aus. Schulkinder in Uniformen winken: „Konnichiwa!“ und fragen „How old are you?“. Ganz normal in Japan, diese Frage. Man muss sein Gegenüber schließlich richtig einordnen können. Und ich muss alle möglichen Kleinigkeiten probieren: Saure, salzige, süße, fischige. Was es ist? Ich verstehe die Antwort nicht, muss sie aber nachsprechen, was allgemeine Heiterkeit auslöst. „Dozo, dozo!“ Bitte! Rufen sie mir zu. Und dann folgt das obligatorische Foto mit den zum Friedenszeichen gespreizten Fingern. „Cheese!“, sagen die Mädchen. Probieren muss ich auch bei einem Pflaumen-Laden, denn Pflaumen sind die Spezialität der Gegend: Eingelegte und getrocknete Pflaumen, Pflaumensaft und Pflaumenwein. Ob ich welche möchte? Hai, hai! Ja, ja, sage ich. Und: Arigato! Die Tochter der Verkäuferin studiert gerade in Freiburg. Freiburg ist etwas, das sich anhört wie Faibu, doch am Ende verstehe ich.

Ruhe pur

Am Abend radeln wir noch bis zu einem Ryokan, einem japanischen Gasthof, an einem der fünf Mikata-Seen und baden in einem Outdoor-Onsen bei klassischer Musik. Diese Bäder mit oftmals heißen Quellen finden wir oft in japanischen Hotels vor und manchmal auch längs des Wegs. Perfekt für müde Radlerwaden! Die Arme legen wir ausgebreitet auf den Beckenrand, der aus Felsen besteht, den Kopf zurück, den Blick entspannt hinaus auf den See gerichtet. Immer sind diese Bäder für einen entspannenden Stopp gut, der die Muskeln lockert. Das stundenlange anschließende Dinner, Blick auf den See, ist formidabel.

Japan Radtour Tempel

Schon die Architektur beruhigt

Dazu ein Mond, der sich langsam aus der Umklammerung der Kiefernzweige löst, wie auf einem der vielen Gemälde aus Reispapier. Wir alle tauschen die Fahrradhosen ein gegen die in unseren Zimmern bereitgelegten Yukatas, Baumwollkimonos. Während wir speisen, werden die Futons auf den Tatami-Matten in unseren Zimmern ausgelegt. Wir öffnen die Schiebetür und finden: Ruhe pur. Des Nachts dringt ein Froschkonzert durch die papiernen Fenster und Wände.

Steil hinauf und steil hinab geht es anderntags über den Hakodateyama zum Biwa-See, dem größte Süßwassersee Japans und Reservoir der Kansai-Region. Ein bisschen erinnert die Szenerie an die Alpen: Nadelbäume, Holzhäuser, ein klarer See, ein klarer Himmel. Das Abendkonzert besteht diesmal aus Grillenzirpen und wir räkeln uns wieder in einem - Onsen. Soll gut sein gegen Muskelkater!

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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