Reisemagazin schwarzaufweiss

„Session“ heißt: Zusammenkommen

Im Westen der irischen Republik

Text: Winfried Dulisch
Fotos: Winfried Dulisch u.a.

20 Uhr und nichts los hier. 21 Uhr, 22 Uhr – immer noch nichts. Kurz nach 23 Uhr kommen drei Musiker in den kleinen Pub und packen Tin-Whistle, Banjo, Holzflöte, Fiddle, Bodhrán-Trommel und Aeolian Harp aus. Sie begrüßen ihren einzigen Zuhörer – unseren Autor Winfried Dulisch. Eine halbe Stunde später ist es hier rappelvoll und die Stimmung großartig, obwohl der Wirt ständig ermahnt: Das Tanzen auf den Tischen ist verboten!

Irland - Pub am Hafen von Sligo

Pub am Hafen von Sligo

Sligo, Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft (County), keine 20.000 Einwohner, aber 150 Pubs. In dieser Metropole des irischen Nordwestens lebte William Butler Yeats. 1923 erhielt er den Literatur-Nobelpreis mit der Begründung, dass seine Werke „in vollendeter Gestalt das Wesen seines Volkes zum Ausdruck bringen". Van Morrison, The Waterboys und andere Pop-Größen haben Texte von Yeats vertont.

Aber die eindrucksvollste Interpretation eines Yeats-Gedichts stammt von George McGoldwrich, Kapitän der Rose of Inisfree. Seine Fahrgäste besichtigen zuerst das Parke’s Castle, eine mittelalterliche Schlossanlage direkt am Lough Gill. Anschließend schippert George sie über diesen See südöstlich von Sligo und erzählt zu jedem Berg am Horizont eine Geschichte oder singt ein Lied. Und jede dieser Geschichten ist wahr – so wahr wie alle Geschichten, die in Irland erzählt werden.

Irland - Parke’s Castle, gesehen von Bord der Rose of Inisfree

Parke’s Castle, gesehen von Bord der Rose of Inisfree

Am glaubwürdigsten klingt seine Stimme, wenn George „The Lake Isle of Innisfree“ rezitiert. William Butler Yeats beschrieb in diesem Gedicht sein Heimweh nach Innisfree, einer Insel im Lough Gill. Knapp 20 Kilometer entfernt von hier liegt in Drumcliff das Grab des Schriftstellers – für die Iren eine nationale Pilgerstätte, vergleichbar dem deutschen Hermannsdenkmal.

Hier spielt die Musik

Im Hafen von Sligo erinnert ein Denkmal an jene Auswanderer, die wegen einer großen Hungersnot im 19. Jahrhunderts den Atlantik überquerten. Sie trugen ihre Melodien und Tänze hinaus in die Welt, ihre Nachfahren brachten sie zurück nach Irland. In den USA verwoben sich irische Erzählkunst mit den Rhythmen und Harmonien aus Afrika zum Blues und später zum Jazz. In Übersee lernten irische Balladen-Sänger die spanische Gitarre zu zupfen und schufen damit die Grundlage für unsere heutige Singer-Songwriter-Ästhetik.

Irland - Junior Davey mit Bodhrán-Trommel …

Junior Davey mit Bodhrán-Trommel …

Wer die traditionelle irische Musik im Urlaub nicht nur als Zuhörer genießen mag, der findet im County Sligo für jedes Instrument den richtigen Lehrer – und zwar im Coleman Irish Music Centre. Diese Musikschule liegt mitten in dem Dörfchen Gurteen. Hier wird auch traditioneller Gesang unterrichtet. Und die rasanten Riverdance-Schrittfolgen sind zusammen mit anderen Gleichgesinnten ebenfalls leichter zu verinnerlichen als zuhause mit Hilfe von Lehr-Videos.

Trommeln wie ein Champion

Hier unterrichtet auch Junior Davey. Er war schon mehrmals irischer Bodhrán-Meister, weil er diese Rahmentrommel nicht nur rhythmisch klingen, sondern sogar singen lassen kann. Außerdem war er ein nationaler Champion in der Disziplin, zwei Löffel auf seinen Oberschenkeln zu einem Schlagzeug werden zu lassen. Aber inzwischen belegt er nur noch zweite oder dritte Plätze. Hat Junior Davey das Trommeln verlernt? – „Nein. Aber ich bin ein viel zu guter Pädagoge. Die heutigen Sieger sind Schüler von mir?“. Er reicht eine Bodhrán rüber: „Probier mal.“ Und spätestens nach zehn Minuten hat er auch einem Laien den Unterschied zwischen einem Reel- und einem Jig-Rhythmus verständlich gemacht.

Irland - Spiel mit Löffeln

… und mit Löffeln

So einfach ist das also. Deshalb kommen schwere Zeiten auf Junior Davey und einige andere Ex-Champions zu. Denn inzwischen können auch Virtuosen mit einem ausländischen Pass bei nationalen Wettbewerben für traditionelle irische Musik teilnehmen. Das lockt vor allem die in Übersee lebenden Iren für die Dauer eines solchen Festivals auf die Insel. Und diese Konkurrenz ist zahlenmäßig nicht zu unterschätzen: Von den 40 Millionen Iren, die heute über die ganze Welt verstreut sind, lebt nur jeder zehnte in der Republik Irland.

Auch jener Mann, nach dem das Coleman Centre benannt wurde, arbeitete in der Diaspora als irischer Volksmusiker. Michael Coleman wurde 1891 im County Sligo geboren und ging 1917 nach USA. Dort spielte der Geiger in den 20er/30er Jahren Schallplatten ein, die heute als das musikalische Erbe seiner Heimat gewürdigt werden. Ohne Michael Coleman wären viele mündlich überlieferte Melodien, die heute zum Standard-Repertoire eines jeden Folk-Musikanten gehören, unwiederbringlich verloren gegangen.

Irland - Michael Coleman

Michael Coleman (Foto: Coleman Centre)

Inzwischen arbeitet in der Republik Irland ein Netzwerk, das betreut wird von einem Verband für traditionelle irische Musik mit dem gälischen Namen „Comhaltas Ceoltóirí Éireann“. In den Musikschulen und Veranstaltungshäusern dieser Nonprofit-Organisation sind Touristen auch dann willkommen, wenn sie einfach mal unverbindlich mittanzen oder mitspielen wollen bei einer Session – abgeleitet vom gälischen „Seísiún“, sprich „Seischuhn“; zu deutsch: Zusammenkommen.

Abgrenzung statt Session – diese Devise galt einst auch in Irland für die oberen Zehntausend. Sie überhörten jenen kulturellen Reichtum, der sich in den Geschichten und Liedern ihres Küchenpersonals offenbarte. Allenfalls patriotisch gesinnte Literaten wie W. B. Yeats lauschten – ähnlich wie die Brüder Grimm in Deutschland – dem Fabulieren und Singen des einfachen Volkes. Aber meist ergötzten sich die gebildeten Stände an Kammermusik-Darbietungen von renommierten Virtuosen oder widmeten sich nach dem Souper den jeweils aktuellen Gesellschaftstänzen.

Aristokratisches Bett und Frühstück

Ein Hauch von dieser – zumindest für die damals Privilegierten auch guten – alten Zeit durchweht das Temple House. House-Herr Roderick Perceval und seine Frau Helena betreiben auf diesem Landsitz – man glaubt es kaum – ein B&B, zu deutsch: Bed and Breakfast. Wer bei B&B nur an dünne Bettwäsche und noch dünneren Morgenkaffee denkt, sollte einmal in diesem aristokratischen Ambiente nächtigen – vor allem dann, wenn hier am Abend ein Wiener Walzer-Orchester oder ein anderes Ensemble für angenehme Abend-Unterhaltung gesorgt hat.

Irland - B&B auf Top-Niveau: Zimmer im Temple House

B&B auf Top-Niveau: Zimmer im Temple House

Dann kommen auch immer Stammgäste der Eheleute Perceval von der britischen Insel, aus Frankreich und sogar aus Italien für ein Wochenende angereist. Temple House ist ein echter Geheimtipp – sogar für die meisten Taxifahrer. Per Funk müssen sie anfragen, auf welchen verwunschenen Pfaden man dort hinkommt. Enge Ortsdurchfahrten. Auf und ab durch eine satt grüne Hügel-Landschaft. Schilder, die vor tief fliegenden Adlern warnen. Allein schon dieser halbstündige Weg vom Sligo Airport nach Temple House ist ein lohnendes Ziel.

Hörens- und Sehenswürdigkeiten

Wer aber nach Sligo gekommen ist, weil ihm die Stadt als Schmelztiegel der Folk- und Worldmusic empfohlen wurde, darf nur im Oktober ein volles Programm erwarten. Ganzjährig geöffnet für Freunde der traditionellen Klänge ist dagegen die Hauptstadt der Republik Irland. Ein Besuch in Dublin lohnt sich, weil hier die attraktivsten Folk-Pubs von ganz Irland in einer einzigen Straße aufgereiht sind. Attraktiv – damit ist gemeint: Die Fassaden der Musikkneipen im Temple-Bar-Bezirk von Dublin sind für die aus aller Welt anreisenden Freunde des Irish Folk unbedingt empfehlenswerte Sehenswürdigkeiten. Wie gesagt: Sehenswürdigkeiten.

Irland - Music Pub in Dublin

Music Pub in Dublin

Hörenswürdigkeiten sind eher zum Beispiel 200 Kilometer weiter westlich von Dublin anzutreffen. In der Universitäts-Stadt Galway spielen Banjo, Fiddle und Bodhrán jeden Abend in mindestens einem der vielen Studenten-Pubs auf. Die meisten Musiker verbarrikadieren sich hier nicht hinter Mikrophonen, sie arbeiten nicht als Touristen-Attraktion von einer Bühne herab. Sondern sie singen und spielen noch da, wo ein echter Volksmusikant hingehört: am Tisch zusammen mit den Gästen.

Handmade

Das Restaurant-Angebot ist in dieser „jugendlichsten“ Stadt der Republik Irland von mediterran bis fernöstlich breit gefächert. Außerdem ist hier ständig handgemachte Musik aus der gesamten Welt zu hören. Wer aber auf den Geschmack gekommen ist und seinen Freunden – statt Urlaubsfotos zu zeigen – lieber traditionelle Klänge aus Irland vorspielen möchte, der sollte sich ein Galway-Souvenir mitbringen aus der Werkstatt von Michael Vignoles. Zum Beispiel eine Tin-Whistle, die er zusammen mit einer Lern-DVD verkauft.

Westirland

Aber bitte nicht ohne telefonische Voranmeldung in seine Werkstatt kommen! Denn Michael Vignoles und sein Sohn Paul sind Filigranarbeiter und haben sich vor allem einen Namen gemacht als Hersteller von hochwertigen Uilleann Pipes – eine irische Abart des Dudelsacks. Weitere Spezialitäten sind ihre Solisten-Flöten aus edlen Hölzern und Bodhráns mit kunstvoll verzierten Trommelfellen. Die Vignoles-Manufaktur liegt vor den Toren der Stadt, 15 Minuten Spaziergang entlang der Mündung des Corrib in die Galway Bay. Ihren Ruhm verdankt diese Bucht einem Bonmot aus dem Munde des 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten

Am 26. Juni 1963 hatte er noch beteuert: „Iesch bin ein Börliehna“. Drei Tage später schmeichelte John F. Kennedy sich beim Irland-Staatsbesuch seinen Zuhörern hiermit ein: „An einem klaren Tag kann man von der Galway Bay aus Boston sehen“. Dabei wusste dieser Nachfahre irischer Auswanderer nur zu gut, dass auf der grünen Insel der Himmel immer nur kurze Zeit klar genug ist, um mit einem Fernrohr gerade mal bis an das andere Ende einer Wiese durchdringen zu können. Aber wegen des feuchten Klimas sind diese Wiesen so herrlich grün – vor allem in Connemara.

Irland - Ashford Castle

Ashford Castle

Von Galway führen abwechslungsreiche Wander- und Radwege nach Connemara. Heide- und Wiesen-Landschaften, die sich teilweise bis auf 700 Meter erheben, bilden dort eine Ausstellungsfläche für sämtliche Schattierungen der Farbe Grün. Die Greens rund um Ashford Castle wirken im Vergleich zu den üppigen Kuhweiden beinahe schon blass und farblos. Und sogar dem Wanderführer Liam Codd, der ansonsten im Westen der Republik Irland jeden Grashalm kennt, weiß über dieses Fünfsterne-Golfhotel nicht viel zu erzählen, außer vielleicht: „Hier hat dieser 007-Darsteller geheiratet, äh, dieser Pierce …“

… und schon kommt eine wirklich Aufsehen erregende Attraktion um die Ecke. Eine Falknerin geht mit einem ihrer Raubvögel im Schlosspark von Ashford Castle spazieren. – Ist das nicht gefährlich? – „Nein.“ – Aber Sie haben sicherlich lange mit dem Falken geübt, bis er dermaßen zahm auf ihrem Arm sitzt und sich rumführen lässt? – „Nein. Ich absolviere gerade meine erste Lehrstunde in der Falkner-Schule.“ – Ihre Lehrerin steht unaufgeregt daneben und nickt zustimmend.

Irland - Raubvogel

Liam Codd mahnt zur Eile: „Wenn du nach Doolin willst, dann …“ – Doolin. – Ähnlich wie New Orleans für Jazz-Fans oder Nashville für Country-Freaks ist Doolin eine Pilgerstätte für Freunde der traditionellen irischen Musik. Das Fischerdörfchen am Atlantik verdankt seinen Ruhm drei Brüdern, die hier in den 60er Jahren regelmäßig Sessions mit Folk-Musikern aus aller Welt veranstalteten. Für Liam hat Doolin mehr eine andere Bedeutung: „Von hier aus geht die Fähre rüber zu den Aran Islands. Diese Inseln sind für einen Touristen wirklich ein lohnendes Ziel.“

Wo geht es hier zur Session?

Seinem guten Ruf als Musiker-Mekka wird Doolin kaum noch gerecht. Einst trafen sich in den Pubs an der engen Dorfstraße die Fischer, Farmer und andere Amateur-Musiker zu ihren Zusammenkünften. Heute wärmen Profis diese nostalgischen Erinnerungen jeden Abend auf. Wer hier noch einen richtigen Folk-Promi treffen will, sollte zu Petr Pandula gehen. Der Mann mit den tschechisch-irischen Wurzeln betreibt in Doolin das westlichste Musik-Café von Irland – und damit das letzte vor Amerika.

In der oberen Etage dieses Pubs hat Petr das Headquarter seiner Plattenfirma und Konzertagentur eingerichtet. Wenn der Boss von „Magnetic Music“ im Parterre das Bier, den Tee und die Kekse serviert, fragen ihn die Gäste nach neuen CDs und Songbooks seiner Künstler. Und Petr Pandula hat die Daten im Kopf, wann und wo in Europa demnächst ein von ihm organisiertes Irish Folk Festival gastieren wird. Petr Pandula: „Diese Gespräche mit Freunden der traditionellen irischen Musik – die sind für mich auch eine Form von Seísiún.“

Irland - Wegweiser

 

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