Reisemagazin schwarzaufweiss

Mit Packeseln auf Wanderschaft

Ein Irland- Abenteuer für die ganze Familie

Text und Fotos: Adriene Friedlaender

„Komm, hopp-hopp, let´s go!” Jenny lässt ihre riesigen Ohren kreisen, lauscht aufmerksam meinen Kommandos und schaut mich freundlich mit ihren großen braunen Augen an. Anders jedoch als ihr Kollege Ringo, der schon brav an der Seite des achtjährigen Juris den Weg entlang trottet, scheint die kleine Eseldame noch nicht so recht in Wanderstimmung zu sein. Statt meiner Aufforderung zu folgen, versenkt sie erneut ihren grau-braunen Wuschelkopf im kniehohen Gras und frisst genüsslich weiter.

Irland - Clissmann

Nur eine Stunde dauert die Fahrt im Taxi vom Flughafen Dublin zur Clissmann-Farm in Rathdrum im irischen County Wicklow. Umgeben von Wäldern, Wiesen und Bächen lebt hier die Familie mit ihren 40 Pferden und sieben Eseln. Schon seit 1969 schicken die Clissmanns abenteuerlustige Gäste mit Pferd und Zigeunerwagen auf Reisen durch „den Garten Irlands“ wie das County Wicklow auch genannt wird. Vor ein paar Jahren dann hat die Pferdefamilie ihre Liebe zu den Eseln entdeckt. Seitdem bieten sie neben den Ferien im Planwagen auch „Donkey-Walking-Holidays“, Wanderungen in Eselbegleitung, an.

Irland - Wandern mit Esel im County Wicklow

„Ein Esel ist nun mal kein Leihwagen“, kommentiert Neasa lachend unseren missglückten Startversuch zur halbstündigen Probewanderung. Aber die Absolvierung der Teststrecke ist die Voraussetzung für unser Esel-Wanderabenteuer. Und so schnell gebe ich bestimmt nicht auf. Also versuchen wir noch einmal gemeinschaftlich, Jenny in Gang zu bekommen: Laut schnalzend und fest entschlossen ziehe ich noch einmal am Strick, während mein Mann Ernst aufmunternd auf ihr Hinterteil klopft. Und diesmal klappt es. Noch immer genüsslich kauend setzt sich nun auch Jenny gnädig in Bewegung. Und auf dem Rückweg zur Wiese traut sich auch unser vierjähriger Johann schon einmal, Jennys Strick zu halten.

Irland - Johann mit Esel

Esel waren in Irland als Arbeitstiere schon immer beliebt. Sie transportierten in früheren Zeiten den Torf vom Moor auf die Höfe. Heute werden die gutmütigen und arbeitsamen Tiere an tierliebe Wanderer ausgeliehen. Eine tolle Idee fanden wir und auch unsere Jungs waren sofort Feuer und Flamme: Eine Woche lang mit zwei Packeseln auf Wanderschaft durch Irland. Und jede Nacht in einer anderen Herberge. Das klang nach Abenteuer pur.

„Aber ich will den Esel ganz allein führen!“, ruft unserer achtjähriger Juri. Einverstanden!

Für die Wanderung mit einem Packesel braucht man keinerlei Erfahrung, Die Esel sind das Wandern gewohnt, fühlen sich in menschlicher Gesellschaft wohl und sind auch keineswegs so störrisch, wie ihnen allgemein nachgesagt wird. „Aber ein gesundes Durchsetzungsvermögen ist schon wichtig“, erklärt Neasa. „Vor allem auch die Bereitschaft, sich auf das Esel-Wesen einzulassen.“ Während wir Jenny und Ringo am Strick durch die Wiesen führen, gibt Neasa uns Tipps zum Umgang mit unseren neuen vierbeinigen Freuden. Wir lernen, wie man die Esel striegelt, füttert und die Packtaschen befestigt.

Irland - Wandern mit Esel

Am nächsten Morgen geht’s los. Aufgeregt verstauen wir unser Gepäck, Getränke und Verpflegung, in den Packtaschen. Meine Befürchtung, der Platz würde nicht für das Gepäck einer vierköpfigen Familie reichen, bestätigt sich glücklicherweise nicht. Es bleibt sogar noch Platz für Striegel, Bürste und ein paar Mohrrüben für die Esel. Dann machen wir uns mit Wanderkarte und Routeninformation auf den Weg. Etwa 10 bis 15 Kilometer sind die Tagesetappen von einem B&B, den typisch irischen Frühstückspensionen, bis zur nächsten.

Irland - Wandern mit Esel

Brav lässt Ringo sich von Juri führen. Von Zeit zu Zeit stupst er ihn mit seiner weichen Nase liebevoll in die Seite, worauf er jedes Mal ein kleines Stückchen Möhre von Juri zugesteckt bekommt. „Ringo und ich sind schon Freunde“, verkündet Juri strahlend. Und meine letzten Bedenken lösen sich in Luft auf: Die Esel sind absolut kindersicher und viel einfacher im Umgang als ich erwartet hätte.

Irland - Brav lässt Ringo sich von Juri führen

 Vorbei an grün leuchtenden Wiesen, Mohnblumen und Palmen marschieren wir gemächlich durch die Wicklower Berge. Es riecht nach Lavendel. Blühende Fuchsien quellen in verschwenderischer Fülle über die Steinmauern der einsamen Höfe. Fröhlich bellend begrüßen uns die Hunde. Fremde sind in dieser Gegend eine Seltenheit, zumal in Eselbegleitung.

„Donkeys, Donkeys!“ – Esel, Esel! Zwei kleine Mädchen klatschen begeistert in die Hände und winken uns zu. Stolz führen Juri und Johann Jenny und Ringo an den staunenden Kindern vorbei. Ob Autofahrer, Radler, Erwachsene oder Kinder – überall wo wir mit unseren lustigen langohrigen Wanderbegleitern auftauchen, winken uns die Menschen freundlich zu und die Esel sorgen immer für Gesprächsstoff für die eine oder andere Plauderei am Wegesrand.

Irland - Wandern mit Esel

Nicht einmal hören wir das typische Kinder-Wander-Gestöhne: Wie lange noch? Oder: Ich kann nicht mehr. Die ganze Aufmerksamkeit der Jungs gilt den Eseln. „Ringo hält sich nicht an unsere Vereinbarung, beschwert sich Juri lachend. „Wir hatten doch abgemacht fünf Minuten gehen - ein Maulvoll Gras“, erinnert er seinen vierbeinigen Freund und bewegt ihn geschickt zum Weitergehen.

Irland - Wandern mit Esel in den Wicklow Mountains

Die Esel bestimmen das Tempo und Zeit spielt keine Rolle. So wandern wir gemächlich durch die Landschaft und abseits jeglicher Ablenkung sind es die „kleinen Wunder“ am Wegesrand, die begeistern: „Guck mal die Schafe dort drüben! Wie heißen diese kleinen blauen Blumen? Können wir in diesem Bach baden?“ Als hätten die Esel die letzte Frage verstanden, bleiben Jenny und Ringo plötzlich stehen. Weder mit guten Worten, noch mit Mohrrüben lassen die beiden sich zum Weitergehen überreden. Zeit für ein Picknick und eine kleine Abkühlung im Bach. Juri füttert die fleißigen Packesel mit Mohrrüben und Apfelstücken, bevor er Schuhe und Strümpfe auszieht und von Stein zu Stein durchs Wasser springt. Wir lassen uns mit Käsebroten im Gras neben den Eseln nieder. Neugierig begutachten sie unser Picknick. „Gib acht auf Jenny!“, rufe ich Johann zu. Aber meine Warnung kommt zu spät. Schon ist sein Keks in Jennys Maul verschwunden. Aber mit seiner Esel-Freundin würde Johann ohnehin den letzten Bissen teilen.

Irland - Picknick mit Eseln

Am Nachmittag erreichen wir die Glenmalure Lodge. Eine historische Herberge inmitten eines riesigen Gletschertales im Herzen der Wicklower Berge. Wir bringen die Esel auf die Weide, duschen den Wanderstaub von den glücklichen Jungs und fallen schon bald nach dem ausgiebigen Abendessen todmüde ins Bett.

Irland - Glenmalure Lodge

„Und wo schlafen wir morgen?“, fragt Johann bevor ihm die Augen zufallen. „Ganz egal“, antwortet sein Bruder. „Aber ich führe Ringo!“

 

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