DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

'Hei, heute Morgen mach' ich Hochzeit'

10 Uhr
Die Sonne strahlt, wir frühstücken draußen. Vor dem Bräutigam liegen zwei Frühstückskekse und unzählige Bücher mit weisen Worten irischer Schriftsteller. Er arbeitet an seiner Rede. Wir bewegen uns auf leisen Sohlen auf den knarzenden alten Holzbohlen.

12.30 Uhr
Es klopft, eine Klingel hat der alte Kotten nicht. Trauzeuge und zwei weitere „groomsmen“, Freunde des Hauptakteurs, bringen die Anzüge und ihn selbst auf Vordermann. Aus den Paketen quellen edle Seide, Nadelstreifenhosen, maßgeschneiderte Gehröcke und schalgroße Krawatten. Mit internationaler Unterstützung machen sich die Männer an das ungewohnte Binden der bordeauxroten Manneszier. Ein Blick auf die exquisiten Stoffe genügt: Allein die sechs Anzüge der Männer übersteigen wohl die Kosten meiner eigenen Hochzeit bei Weitem. Das Badezimmer des Häuschens allerdings ist altertümlich, eine Dusche gibt es nicht und das Badewasser kommt kalt aus der brüchigen Leitung. Man muss halt Prioritäten setzen und geheiratet wird schließlich nur einmal!

14.30 Uhr
Eine Stunde nach dem Bräutigam machen wir uns, angetan mit den falschen Socken und mit wetterbedingt kurzerhand gekauften Seidenstrumpfhosen auf den Weg zum St. Stephen’s Green. Stau vor der Kirche, kein Parkplatz weit und breit. Mutter und Sohn hetzen über die Straße zur freigeistigen Unitarian Church (Kommentar des Bräutigams: „ After all these years of trying for reforms, I’ve given up on the Catholics! “), der Fahrer bleibt allein im Verkehrschaos zurück.

Irland / Dublin / St.Stephen's Green
Endlich ein Parkhaus im größten
Shopping Mall der Stadt: St. Stephen’s Green

15.03 Uhr
Völlig verschwitzt trifft unser drittes Familienmitglied ein, die Braut bleibt weiterhin verschwunden. Scheinbar hat sie das gleiche Problem. Sichtliche Nervosität macht sich breit. Im Kontrast zum folgenden unkonventionellen Ablauf der Zeremonie teilt ein Familienmitglied eine auf Büttenpapier bedruckte Abfolge der Beiträge aus. Auch das Warten auf Braut und „bridesmaids“, ausstaffiert in klassisch britischer Anzugmode und mit nervösem Dauerlächeln im Gesicht zeugt von einigen Zugeständnissen an die Tradition.

15.17 Uhr
Statt Hochzeitsmarsch erklingen Flöte und Bodhran-Trommel. Feierlich schreitet die weißgekleidete Braut in die erwartungsvolle Atmosphäre, die sich bei ihrer Ankunft in einem begeisterten Applaus entlädt. Statt katholischer Strenge erwartet uns ein jovialer und gutgelaunter Pastor, der keiner Anekdote ausweicht. Tränen der Rührung, eine den Raum füllende irische Ballade, das deutlich vernehmbare „Yes, I will!“ und ein verschmitztes Gelächter bei den abschließenden Worten zeigen einen gelungenen Tribut an die Vergangenheit mit eindeutigem Blick in eine aufgeschlossene Zukunft. Trotz altmodisch-romantischem Abgang per Pferdekutsche!

Irland / Trauung
Ringtausch auf irisch

18.00 Uhr
Empfang im ersten Hotel am Platze. Wir werden vom hauseigenen Zeremonienmeister feierlich in einen Saal gewunken, der all meine Vorstellungen sprengt: Kronleuchter, Gemälde, zwölf Tische mit einer goldenen Tischordnung und handgeschriebene Tischkärtchen.

Irland / Dublin / Hotel
Charme der Jahrhundertwende in der Great Hall,
Shelbourne Hotel

Mein Mann schaut heimlich auf seine Socken, ich zupfe ängstlich an meinem etwas zerknitterten Kleid. Wie war das noch? Besteck von außen nach innen, keiner zieht sein Jackett aus, bevor es der Bräutigam tut. Ich lasse mein gesamtes - zugegeben rudimentäres – Wissen um den Knigge Revue passieren.

20.00 Uhr
Das delikate Menu und die überschwänglichen Worte von Brautvater, Bräutigam, Trauzeugen und Braut liegen hinter uns. Neben uns sitzt eine 78jährige Irin aus echtem Schrot und Korn. Schnell ist die Konvention vergessen. Die Witwe und ihr 79jähriger Freund, Onkel des Bräutigams, bieten mir zuerst eine Zigarette an, prosten zum Du und legen danach eine kesse Sohle auf’s Parkett. Die Kleiderordnung löst sich auf, das Guinness fließt in Strömen. Angela, meine Tischnachbarin, grinst verschwörerisch und sagt: „Meine größte Angst ist, dass wir mit diesem Aufschwung ganz kontinental werden. In den 60ern war ich in England. Hippie natürlich, aber wir irischen Hippies waren immer wilder als alle anderen. Mir fehlte dort der „wisecraig“, der naseweise und frech-fröhliche Klatsch an der Straßenecke. Das ist irisch, ich gehe nie wieder hier weg!“ Und tatsächlich: solange es Menschen wie Angela gibt, wird Irland trotz Devisenhunger und Mikrochips immer ein Stück „wisecraig“, lebenslustiger Schalk im Nacken der Welt, bleiben. Will ich wieder hin? Ja, ich will!

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