Reisemagazin schwarzaufweiss

„ Ja, ich will!“

Irland und ein irisches Pärchen auf dem Weg in die Zukunft

Text und Fotos: Hilla Finkeldei

Neun Tage Irland, als Gäste einer Hochzeit und fernab jeglichen Todesfalles (wenngleich der früher in Irland bei einem klassischen „Wake“ ja auch legendär gefeiert wurde) – begeben wir uns mit dieser Reportage auf eine Reise zwischen Vergangenheit und Moderne. Und bilanzieren gleich vorneweg: Altehrwürdige Gemäuer, historische oder mystische Orte, eine lebenslustige internationale Hochzeitsgesellschaft und eine zukunftsorientierte grüne Insel, die trotz auffälligem Wandel jederzeit eine Reise wert ist.

Mal angenommen, man würde Sie fragen, welche typischen Begriffe Sie der Insel Irland zuordnen. Ohne Gedankenleser zu sein, kann man wohl davon ausgehen, dass Guinness, Kleeblätter, Katholizismus, Whisky, IRA und Regen zu den vorrangig genannten Begriffen zählen. Etwas erfahrenere Touristen könnten wohl gar einen Limerick-Reim zum Besten geben, eingefleischte Horrorfilmfans erinnern sich an Titel wie „Leprechaun“, die die kauzigen legendären Inselgnome zu brutalen Serienmördern machten. Alles in allem scheint unser vornehmliches Bild der „Emerald Isle“ aber von faltigen Männern an einer verräucherten Theke bestimmt zu sein, die das cremig-schwarze Guinness nach einem schweren Tag in der Landwirtschaft zu melancholisch-politischen Liedern der guten alten Zeit heben. Rau, regnerisch, im Norden radikal?

Von schwimmenden Särgen

Wirtschaftlich gesehen hat sich Irland in den letzten 15 Jahren weit von jenem Bild entfernt, das über Jahrhunderte von einem verheerend ausbeuterischen Lehenswesen geprägt war, ausgelöst von den Folgen der britischen Invasion. Diese völlige Okkupation Irlands führte zu Hungersnöten und zu Landfluchten. So verließ auch die Familie des wahrscheinlich berühmtesten Präsidenten der USA, John F. Kennedy, die „grüne Insel“, und dass heute in New York mehr Iren als in Dublin leben, hat sicher auch mit der Größe des Big Apple zu tun, ist historisch betrachtet jedoch der Beweis für die Not, in der das Irland von damals sich befand. Doch haben sich, wir wissen es, die Verhältnisse geändert: Aus manchem Bauerndorf ist eine High-Tech-Hochburg geworden, die Mikrochip-Industrie hat ihren europäischen Hauptsitz auf diesem kleinen Archipel im Nordwesten Europas gefunden und der von Vorurteilen gebeutelte tumbe arme „Paddy“ ist heute vielerorts als betuchter „Celtic Tiger“ bekannt.

Von Steuerparadiesen

Führte die Hungersnot des 19. Jahrhunderts zu Massenfluchten auf den sogenannten „Coffinships“, den „schwimmenden Särgen“, und lässt daher noch andere US-Präsidenten mit Stolz auf irische Wurzeln zurückblicken, hat mit der rasanten Entwicklung der Computerindustrie und den lockenden Steuervorteilen für Anleger und Firmengründer die Abwanderung der Jugend nun hoffentlich ein Ende gefunden. Die Sehnsucht nach Heimat und die Melancholie über das stete Ausbluten eines Volkes durch Besatzung, Hunger und politisch-religiöse Zwistigkeiten haben die Inselmentalität ebenso entscheidend geprägt wie die einzig stabile Institution in diesen stürmischen Zeiten – die katholische Kirche und ihr enges moralisches Korsett.

Irland / Slea Head / Christusstatue

Christusstatue Slea Head

Was aber erwartet Irland im 21. Jahrhundert? Aufschwung, weltweit ausverkaufte Tourneen pseudo-irischer Stepptänzer, politische Einigung nach Jahren des Terrors im Norden der Insel? Statt alter Männer und alter Zöpfe rückt eine faltenlose Jugend in den Mittelpunkt und rüttelt an den herkömmlichen Werten der als extrem konservativ geltenden Insel. Schließlich hat Irland die jüngste Population der gesamten europäischen Union.

Sag „ja“ zu Irland

Was könnte spannender sein, als in dieser Situation des Aufbruchs eine Reise zu einer irischen Hochzeit zu unternehmen? Nicht nur, dass der Menschenexport endlich aufhört, in unserem Fall ist die Braut sogar ein Reimport aus Amerika - mit indianischen, koreanischen, deutschen und irischen Wurzeln zurück nach Dublin. Der Bräutigam waschechter Kelte, der neben der englischen auch noch die gälische Sprache fließend beherrscht. Zwischen Patriotismus und spürbarem Enthusiasmus für die europäische Idee engagiert er sich für eine lebendige Verbindung von Tradition und Erneuerung. Trauer schwingt mit, wenn er von der Zunahme der Drogenmentalität im Inselstaat berichtet. Kämpfte er noch vor einigen Jahren für die bis dato verbotene Aufstellung von Kondomautomaten in Gaststätten und Jugendclubs, so betrachtet er jetzt mit Sorge so manchen Auswuchs der neuen Liberalität.

Eine illustre Gästeliste

Aber beim Junggesellenabschied bleibt nur wenig Raum für solch tiefschürfende Betrachtungen. Ein „Pub-Crawl“, also ein Kneipenbummel steht an.

Irland / Pub

Typisch irischer Pub

Das Gästebuch liest sich wie ein Atlas der Weltgeschichte. Internationale Freunde sowie die mittlerweile stark verzweigte Familie der Braut kommen zu diesem Ereignis per Flugzeug, Bahn, Auto und Schiff. Neben einem großen Anteil amerikanischen Slangs aus Detroit, Los Angeles oder Boston hören wir auch australische Töne, die Trauzeugin arbeitet derzeit in Bangladesh und ein befreundetes amerikanisches Ehepaar residiert seit Jahren in den Niederlanden. Wir Deutschen wirken mit einem Mal gar nicht mehr exotisch, schließlich sind wir nahezu die nächsten Nachbarn in dieser illustren Runde. Vor oder nach der Hochzeit begibt sich nicht nur das Brautpaar auf Reisen, auch die internationalen Gäste erkunden die Höhepunkte der „Emerald Isle“. Und gefeiert wird auch - in wechselnder Besetzung - eine ganze Woche, schließlich hat keiner der Gäste den langen Weg für nur einen Tag zurückgelegt.

Irland und die Musik – zwei S(a)iten einer Medaille

„It’s a long way to Tipperary“, stimmt ein Musiker uns auf den ersten Abend ein, dabei liegt das von Dublin aus wirklich um die Ecke. Aber mit Entfernungen hatten die Iren es ja gezwungenermaßen schon immer. Ihre Songs geben Aufschluss über die Ziele der Auswanderer: „The leaving of Liverpool“ führt für viele zum Aufbau der Eisenbahn in Amerika, denn „Paddy works on the railway“. Wer von den Arbeitsbedingungen im Land die Nase voll hatte, den trieb es vielleicht zur „Botany Bay“ nach Sydney, manch einer wurde aber auch deportiert ins ferne Tasmanien und sang von dort: „I wish I was back home in Derry.“ Ja, das Zauberwort in der irischen Musik ist wohl der Ausdruck: „I wish…“, denn viele sehnten sich nach Haus, aus der „City of Chicago“ nur für eine einzige Nacht wieder nach „Carrickfergus“.

City of Music

Zum Glück sind wir ja da, im Mekka der Musik und zu einem überaus freudigen Anlass. Für uns gilt also eher „In Dublin’s fair city…“ als erste Textzeile, denn schön ist die Stadt am Liffey mit ihren Säulenbauten, der imposanten Trinity Universität, der Einkaufsmeile in der Grafton Street und den neu entstandenen gastronomischen Highlights im Distrikt Temple Bar.

Irland / Dublin / Statue Molly Malone

Statue der Molly Malone, Grafton Street

Ganz besonders im sonnenverwöhnten Monat Juni. Schon wieder ein Vorurteil, das es abzulegen gilt, denn es herrscht keineswegs permanenter Nieselregen auf der grünen Insel! Während Geige, irischer Dudelsack, Fiddle und Bodhran-Trommel uns in die richtige Stimmung versetzen, wird das erste Guinness serviert. Kevin, der Bräutigam lacht: „Für euch Frischlinge gehört die Schaumprobe dazu: Tippt man den Finger ins Glas, so muss bei einem Original-Guinness der Schaum daran kleben bleiben und darf nicht ins Pint zurücktropfen.“ Ja, dies ist echt und so bleibt unserer Gruppe von fünfzehn Leuten nichts anderes übrig, als nahezu simultan und überaus verräterisch die Finger wie beim Teignaschen abzuschlecken. An der Theke schmunzelt man wohlwollend: „Aha, Touristen!“

Mea Culpa!

Am nächsten Morgen werde ich gläubig. Jedenfalls erscheint mir der Weg zwischen Sünde und Buße auf einmal sehr konsequent. Ich rufe nach Aspirin und bereue jeden Tropfen. Mein Gastgeber lächelt milde und prophezeit mir, dass das irische Leben nicht umsonst schon Jahrhunderte zwischen Versuchung und Reue pendelt. Und tatsächlich, nach einem typisch irischen Frühstück mit herrlich frischem Tee, gebratenen Würstchen, Eiern, Toast und einer Scheibe knusprigen „black pudding“ (Blutwurst) erwachen meine Lebensgeister wieder. Wir werfen die Koffer ins Auto und uns selbst ins Abenteuer, um für einige Tage die Insel zu entdecken. Am Samstag wird geheiratet, da gilt es trinkfest und eingebürgert zurück zu sein.

 

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