In Irland, heißt es, ist jedes vierte Haus eine Kirche und jedes dritte eine Kneipe. In Cork sind es ein paar Kirchen weniger und einige Kneipen mehr. Voll sind die Pubs fast alle und fast immer. Im „Thirsty Scholar“, dem „durstigen Schüler“ nicht weit von der 150 Jahre alten, im Tudor-Stil erbauten Universität, lauschen junge Leute aus aller Welt den beiden Fiedeln und der Gitarre. Die Instrumente scheinen mal zu streiten, sich mal zu umgarnen.
Eigenwillig, fröhlich, gesprächig
Die Musiker sind kaum älter als ihre Zuhörer. Zwei Männer und eine Frau, alle Anfang zwanzig. „Diese Musik musst Du spüren. Da gibt es keine Noten, nichts ist in Stein graviert“, erklärt John, der junge Fiedelspieler. Er war auf einer irischen Schule. Dort wird in der alten Nationalsprache Gälisch unterrichtet und die irische Musik ist Teil des Lehrplans. An den hier Sesiún genannten, spontanen Auftritten in den Corker Kneipen liebt er die Freiheit beim Spielen. „Jeder hat seinen eigenen Stil und das ist gut und richtig“.

St. Finbarres Kathedrale
Auf der anderen Seite des Lee, im Schatten der alles überragenden neugotischen Kathedrale des Heiligen Fin Barre, suchen junge Leute ihren eigenen Stil in der bildenden Kunst. Am Crawford College of Art and Design, der Kunsthochschule, studieren sie Bildhauerei, Malerei und Zeichnen. „Wir wachsen hier gemeinsam. In aller Ruhe können wir uns frei ausprobieren und entwickeln“, schwärmt Anne. Mit 31 ist die kurzhaarige, kräftige Frau eine der ältesten unter den Absolventinnen, die auf dem großen Abschlussfest ihre Arbeiten zeigen.

Kunstakademie Cork: "You Shine" Abschlussarbeit von Annette Dinan
In ganz Irland sind die Corker mit ihrem singenden Dialekt als fröhlich und gesprächig bekannt – und als eigenwillig. 1985 wählten sie aus Wut auf die Regierenden einen rebellischen Analphabeten in den Stadtrat. Sie sammelten Geld, damit sich ihr neuer Ratsherr ein Gebiss machen lassen konnte und finanzierten ihm seine erste Reise jenseits der Stadtgrenze: zur exilirischen Gemeinde in den USA.
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