Reisemagazin schwarzaufweiss

Garten aus Abenteuer und Mystik

Zur Insel Inishbofin in der Grafschaft Connemara

Text und Fotos: Markus Howest

Dort, wo Europa endet, ist man umgeben von schroff-wilder Schönheit der Landschaft und offenherzig-humorvollen Menschen. Eine Reise auf die Insel Inishbofin in der Grafschaft Connemara (Irland) - ganz tief im Westen Europas.

Irland - Connemara - Weg auf Inishbofin

Weg auf Inishbofin

Ungeduldig hopst Brian von einem Bein aufs andere. Der Wind bläst kräftig und er wartet schon eine ganze Weile am Pier. „Hurry up“, ruft er dem Taxifahrer zu, der zwei verspätete Gäste bringt. Kurzerhand packt Brian die Koffer und hievt sie hinüber ins Boot. Endlich die Leinen los, dann sticht der Kutter in See. Schnell werden die paar Häuser des einsamen Küstenortes Cleggan verschwindend klein. Kurs auf Inishbofin, neun Kilometer vor der irischen Westküste gelegen. Sie wird auch „Insel der weißen Kuh“ genannt - eine Kuh soll hier einst von einer Hexe in einen Stein verwandelt worden sein, soweit die Legende.

Kaum hat man sich an den Seegang gewöhnt, heißt es schon aufhorchen. „Dort auf dem Hang am Ufer liegen die Überreste eines Grabes aus der Steinzeit“, erweist sich Brian gleich als kundiger Führer, der kein Detail auslässt. Etwas höher gelegen auf dem Cleggan Hill ragen die Ruinen eines zerstörten Wachturms hervor, berichtet er weiter. Voll Energie und Leidenschaft sprüht der Guide von Connemara-Safari und bemerkt sofort, dass seine Gäste noch mit dem Seegang hadern. Kurzerhand verteilt er windfeste Jacken. Selbst bevorzugt er kurze Hose mit Blouson. Vorne in der Steuerkajüte bei John, dem Kapitän und Freund, fachsimpelt er über Einzelheiten des viertägigen Trips auf drei Inseln. Volle Kraft voraus, das betagte Fischerboot gibt alles, was die Maschine hergibt. Dicke helle Wolken türmen sich am Horizont, dazwischen schimmert im Wechsel der Himmel blau. Das Meer peitscht hohe Gischtkämme und wirkt wie eine unendliche Wasserwüste in dunkelblau.

Irland - Conemara - Blick vom Fort Cromwell auf benachbarte Inseln

Blick vom Fort Cromwell auf benachbarte Inseln

Nach 40 Minuten werden die Konturen einer Burgruine immer deutlicher. „Fort Cromwell“, ruft Brian gegen den Wind und zeigt Richtung steuerbord, „benannt nach dem englischen Revolutionär aus dem 17. Jahrhundert.“ Schon ein Jahrhundert zuvor hätten sich Piraten die geostrategische Lage der Burg zu Eigen gemacht. Sie raubten Schiffe aus und forderten Wegezoll für ihre Weiterreise nach Galway, zitiert Brian die Geschichte. Cromwell habe den Ort zum Gefängnis für katholische Priester umfunktioniert - von hier aus wurden sie nach Westindien verschifft. „Noch heute sind dort irische Namen weit verbreitet“, mischt sich John ein und steuert den guten alten Kutter sicher in den gegenüberliegenden Hafen.

Irland - Connemara - Fischfang vor Inishbofin

Fischfang vor Inishbofin

In Deas Pub sitzen ein paar Männer, trinken Guinness und freuen sich über die Neuankömmlinge. Ein Grinsen steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Im Winter hingegen sind Gäste eher selten, der Seegang behindert den Fährverkehr. Dann bleiben die knapp 200 Einwohner auf der 15 Quadratkilometer großen Insel teils wochenlang unter sich. „Sie leben vom Fischfang, der Landwirtschaft und von der Rente“, weiß Brian. Gleich neben dem Pier arbeiten zwei Männer an Curraghs, den traditionellen keltischen Booten aus leichtem Holzskelett, lederbespannt und schwarz geteert. Sie gelten als unsinkbar und werden noch heute zum fischen und angeln eingesetzt. Gerne wäre man bei den Fischern geblieben und hätte ihnen bei der Arbeit zu gesehen. Oder einfach aufs Meer geschaut und irgendwo da drüben am Horizont Amerika gesucht. Doch Brian mahnt zum Aufbruch. Zügig geht er voran, trifft hier und da Bekannte, redet gälisch mit ihnen, gestikuliert, lächelt und verabschiedet sich herzlich.

Irland - Connemara - Curraghs, den traditionellen keltischen Booten aus leichtem Holzskelett, lederbespannt und schwarz geteert

Curraghs, traditionelle keltische Boote

„Jeder kennt Brian“, sagt Mauritia als handle es sich um ein Naturgesetz. Die Deutsche aus Aschaffenburg, die auf der benachbarten Insel Inishturk vor 12 Jahren ein kleines Cottage erwarb, hat sich der kleinen Gruppe angeschlossen. Sie kennt Brian seit Jahren und unterstützt den 42-jährigen auf seinen Safaris. „Er behandelt die Leute mit Respekt und Humor – und zwar jeden gleich“, weiß Mauritia aus vielen Erlebnissen. „Er ist und bleibt ein Sohn Connemaras“, der zusammen mit seinem Vater vor den Toren der Stadt Clifden auf dem Festland ein Schlosshotel – das Abbey Glen Castle – betreibt. „Wenn sich abends der Speisesaal des Hotels füllt“, berichtet Mauritia, „setzt sich Brian ans Klavier oder nimmt seine Gitarre und beginnt zu singen. Dann ist es mit einem Mal ganz still im Saal.“

Irland - Connemara - Küstenlandschaft auf Inishbofin

Küstenlandschaft auf Inishbofin

Über Moose und Gräser führt der Weg an der felsigen Küste entlang. Der Wind schiebt üppige Wolkenberge vor sich her. In der Ferne sind die Umrisse der benachbarten Inseln Inishark und Inishturk zu sehen – die nächsten Ziele der Safari. Ein Duft von Thymian liegt in der Luft. „Wir kommen aus dem Nichts und sind ein langes Stück Weg gegangen“, unterbricht Brian überraschend eine fast schon meditative Stille. In den Jahren des Celtic Tiger, des Wirtschaftsbooms, habe sich Irland sehr verändert, fährt er fort. „Nicht nur zum guten“, merkt er kritisch an. Die Krise? Ja, die habe sein Land mit ziemlicher Wucht erfasst. Es gehe mal wieder ums Überleben - wie auf einem „Schiff in wilder See“. „Vielleicht“, fügt er hoffnungsvoll hinzu, „finden wir durch die Krise wieder mehr Zeit füreinander und kümmern uns darum, gute Menschen zu sein.“ Das sei es, worauf es am meisten ankommt.

Kurz darauf ist Brian wieder ganz der Safari-Leiter. Beim Picknick in einer bizarren Felsgrotte versorgt er seine Gäste mit frischem Lachs und kühlem Weißwein.

Irland - Connemara - Ruine Ruine eines mittelalterlichen Klosters mit einem keltischen Grabkreuz

Ruine eines mittelalterlichen Klosters mit einem keltischen Grabkreuz

Er verteilt frische Erdbeeren und erzählt Anekdoten aus seinem Connemara. Dann geht die Safari weiter, über endlose Gräser und Mooslandschaft durchsetzt mit Überresten aus der Steinzeit. An einem dieser Steine ragt markant ein Kreuz heraus. „In Gedenken an drei US-Touristen“, erklärt Mauritia. „Sie wollten von einem der vorgelagerten Felsinseln hinüber in ihre Heimat blicken - Flut und Strömung wurden ihnen zum Verhängnis“, erzählt die Deutsche. Eine von unzähligen Geschichten und Legenden über eine Insel, die erstmals vor 6.000 Jahren von Menschen betreten worden sein soll. Ob Fort Cromwell, der Pub am Hafen oder die Ruinen von St. Colman’s Abbey, dem mittelalterlichen Kloster mit seinem 1500 Jahren alten keltischen Grabkreuz – allesamt prägende Zeugnisse einer Insel, die Teil jenes „letzten Gartens aus Abenteuer und Mystik“ ist, wie Brian seine Heimat Connemara gerne nennt.

 

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