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Die Geheimnisse des Book of Kells

Die bedeutsamsten Kunstschätze, die uns aus dem frühen Mittelalter Irlands erhalten blieben, sind die zwischen dem 7.und 9. Jh. in Klöstern gefertigten Handschriften. Es handelt sich dabei meist um Bibelabschriften der Evangelien in lateinischer Sprache und andere religiöse Texte. Die meisten von ihnen gingen verloren, andere, wie das Book of Durrow oder das Book of Armagh, bilden heute eine der wichtigsten Grundlagen, die Gedanken- und Geisteswelt jener Zeit zu verstehen.

Bild aus dem Book of Kells, ausgestellt im Skellig Michael Heritage Center (Gefangennahme Christi)Das Book of Kells nimmt dabei eine besondere Stellung ein. Nicht aufgrund des Textes - im Zentrum stehen die lateinischen Texte der Evangelien, dazu noch mit erstaunlich vielen Fehlern abgeschrieben - sondern aufgrund der farblichen Ausschmückung jeder Seite, die dieses Buch zu einem einzigartigen Werk der Kunstgeschichte machen. Die Verzierungen sind von einem Einfallsreichtum gekennzeichnet, der noch heute beeindruckt und nicht zuletzt zum Schmunzeln anregt. Da finden wir neben dem Kreuz als zentralem christlichem Symbol kunstvolle ornamentale Verzierungen, Flechtwerk, dessen Ursprünge in der Antike zu finden sind, verknüpft mit keltischen Spiral- und Trompetenmustern. Die Anfangsworte der vier Evangelien sind besonders kunstvoll gestaltet, wie kleine eigenständige Kunstwerke ausgeführt. Anfangsbuchstaben verlieren sich in labyrinthischen Malereien, die dem Betrachter konzentrierte Aufmerksamkeit abverlangen. Natürlich steht die Verherrlichung Jesu und des christlichen Glaubens im Mittelpunkt der Darstellung, immer wieder werden Stationen aus dem Leben Jesu dargestellt, zahlreiche Seiten zieren Bilder der Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes bzw. deren Symbole: Mensch, Löwe, Stier und Adler. Zwischen den Buchstaben, und oft kunstvoll in sie eingebaut, tummeln sich zahlreiche Tiere, Katzen und Pferde, Hasen und Hirsche, und der Phantasiewelt entsprungene Gestalten. An einigen Stellen werden Männer dargestellt, die sich gegenseitig am Bart ziehen. Nicht immer konnten die Wissenschaftler einen Textbezug der Malereien erkennen. Es muß offen bleiben, ob der Zusammenhang zum Text heute nicht mehr entschlüsselbar ist oder ob es sich in der Tat dabei um spielerische Einfälle der beteiligten Künstler handelt.

Bild aus dem Book of Kells, ausgestellt im Skellig Michael Heritage Center (Versuchung Christi)Die Herkunft des Book of Kells ist bis heute nicht vollständig geklärt, auch wenn allgemein davon ausgegangen wird, dass es im 8. Jh. im Kloster der winzigen Insel Iona an der Westküste Schottlands begonnen wurde und möglicherweise im Kloster von Kells fertiggestellt wurde. Unterschiede im Stil der Malereien, die u.a. auf byzantinische Einflüsse verweisen, lassen auf mehrere Illustratoren schließen. Wie wissenschaftliche Rekonstruktionen ergaben, war der Zeitaufwand zur Herstellung eines derartigen Prunkwerkes, das ohne Zweifel nicht dem alltäglichen Gebrauch dienen sollte, enorm. Die Klostergemeinschaft von Iona muß reich und bedeutend gewesen sein, denn zur Fertigstellung einer Seite benötigte eine Person schätzungsweise einen Monat. Das Kloster ließ Künstler von weit her kommen, allein 185 Kälber mußten geschlachtet werden, um das Pergament für das Buch fertigen zu können. Auch die verwendeten Farben sprechen eine deutliche Sprache: Das wertvollste Pigment,für verschiedene Blautöne benutzt, war Lapislazuli, das man damals nur von einer einzigen Fundstelle in Afghanistan beziehen konnte. Roter Farbstoff wurde aus der Kermesschildlaus gewonnen, die im Mittelmeerraum zu finden ist.

Das Book of Kells zählt heute zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Irlands und wird im Trinity College in Dublin aufbewahrt. Doch auch eine detailgetreue Faksimileausgabe dieses Kunstwerks ist erhältlich, wenngleich man etwas tiefer dafür in die Tasche greifen muss!



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