China - Quingdao
Letzte Tage in Tsingtau

Ein Besuch in Qingdao an Chinas Südküste,
ehemals kleinste deutsche Kolonie

Text: Werner Skrentny
Fotos: Werner Skrentny u.a.

Die Szene war paradox: Am Strand von Tsingtau lag der Engländer, las eine Zeitung und las vom Krieg in Belgien, wo in diesem Sommer 1914 Deutsche gegen seine Landsleute kämpften. Ein Stück weiter studierte der deutsche Badegast seine Zeitung und erfuhr vom selben Krieg. Friedlich vereint waren beide in der Sommerfrische der deutschen Kolonie Kiautschou in China, doch es waren letzte Tage in Tsingtau.

Tsingtau / Küste
Kolonial-Idyll am Gelben Meer: Mann mit Hund im Jahre
1904 in Tsingtau, wo die ersten deutschen Bauten
errichtet worden sind (Foto: Archiv Skrentny)

Kiautschou mit seiner Hauptstadt Tsingtau war die kleinste der deutschen Kolonien, gelegen auf der Halbinsel Shandong am Gelben Meer an Chinas Südküste. Die azurblaue See, die grünen Hügel, die populären Strände, die Steilküste und das nahe Laoshan-Gebirge mit Schluchten und Gipfeln, die die Deutschen "Mattenstock", "Dreizack" und "Kaiserstuhl" tauften, schätzen Besucherinnen und Besucher aus dem In- und Ausland bis heute.

Tsingtau / Laoshan-Gebirge
Erfrischungen bieten die "fliegenden Händler" im
Laoshan- Gebirge an, dessen Gipfel die Deutschen einst
"Dreizack" und "Kaiserstuhl" tauften. (Foto: Skrentny)

20 000 Kilometer weit weg von Deutschland, das bedeutete damals eine 46tägige Reise mit dem Schiff oder 17 Tage auf der Sibirien-Bahn. In der Heimat galt Kiautschou als Symbol deutscher Tüchtigkeit, war dort doch ein "Städtle" entstanden, wie es auch in Reutlingen oder Marburg hätte stehen können. Und dann, als es 1914 vorbei war mit dem Frieden in Fernost und der Kolonie, ist das Symbol ein Mythos geworden, ein recht kurzlebiger allerdings, denn heute wissen nicht mehr allzu viele von "Little Germany in Tsingtao". Unter diesem Slogan hatte die Volksrepublik China Ende der 70er Jahre um Besucher geworben, nachdem das 13 Bahn-Stunden von Peking und 26 Schiffs-Stunden von Shanghai entfernte Gebiet seit 1978 wieder für Ausländer zugänglich war (die letzten waren 1951 gegangen).

Aus dem Tsingtau zu Kaisers Zeiten ist eine moderne ostchinesische Großstadt und die viertgrößte Hafenstadt der Volksrepublik geworden, Qingdao mit Namen, aber vieles aus der Zeit der Deutschen ist noch da: Kirchen, Fachwerkbauten, Villen, die Brauerei, ein oftmals kleinstädtisches Idyll mit schattigen Alleen, Treppengassen, Vorgärten und Loggien. Etliche der Paläste und Villen dienen nun als staatliche Sanatorien und Erholungsheime oder als Hotels: Zum Badàguan Binguàn Hotel gehören 17 Villen im europäischen Stil, ebenso zum Tapíngjiao Binguàn. Dicht bevölkert ist oft die lange Pier zum Huilan-Pavillon, gut besucht das Aquarium und fast ununterbrochen bergwärts windet sich eine Menschenschlange zum Taoisten-Tempel im Laoshan.

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